Bahnprojekte am Lauberhorn und anderswo

Warum steigt ihr auf Berge?, fragte Ludwig Hohl. Gute Frage. Schliesslich kann man ja auch ein Bähnchen nehmen, die Aussicht wird durch einen schweisstreibenden Aufstieg auch nicht besser. Dass die Schweiz das Land der Bergbahnen ist, haben wir gewusst, aber dass es noch viel, viel schlimmer hätte kommen können als ums Lauberhorn, erfahren wir aus dem besprochenen Buch. Ein Trost für eingefleischte Bergbahn- und Skiliftverweigerer. Eine Fundgrube für Bergbahn- und Skiliftenthusiasten.

“The Scheidegg hotels were open. Mr. von Allmen’s optimism has not been affected by current events. When ‘Scheideggers’ come out again they will find a ski-lift going up the Lauberhorn; it is now under construction.”

Schrieb Walter Amstutz am 20. August 1941 im “Letter from Switzerland” an “My dear Arnold“, den Editor des “British Ski Year Book”; Arnold Lunn druckte den Brief im Jahrbuch von 1941 ab. Im folgenden Jahr hielt er selbst seine Leser auf dem Laufenden: “The new lift up the Lauberhorn carries skiers to within ten minutes from the summit. The winter was exceptionally snowy.”

Good News also für Skifahrer: viel Schnee und ein neuer Skilift, erst noch auf einen der besten Ski- und Aussichtsberge des Berner Oberlandes. Der nach dem System Constam erbaute Skilift war der erste im Skigebiet der Kleine Scheidegg. Die Konzession hatte bereits im August 1939 vorgelegen, doch der Bau verzögerte sich wegen des Kriegsausbruchs. Die Eröffnung fand im Dezember 1941 statt, anlässlich des 8. Schweizerischen Skischulleiterkurses. Heute könnten Beat Feuz, Didier Défago & Co. mit einem Sessellift via Lauberhorn zum Start der Abfahrt fahren, wenn sie nicht ohnehin den Wixi-Sessellift auf die Lauberhornschulter bevorzugen.

Die mechanische Eroberung des Lauberhorns hätte aber eigentlich schon früher über die grasige Bühne gehen sollen: Am 17. Juni 1896 hatte der Bundesrat nämlich die Konzession für eine Drahtseilbahn von der Kleinen Scheidegg her erteilt. Sie wurde nicht gebaut. Wie so viele anderen Berg- und Talbahnen nicht. Ein neues Buch wirft nun erstmals einen genauen Blick auf all die hochfliegenden und manchmal auch realisierten Pläne zur bahntechnischen Erschliessung der Eidgenossenschaft. Es heisst „Visionäre Bahnprojekte. Die Schweiz im Aufbruch 1870-1939“; verfasst hat es der in Grindelwald geborene Heinz Schild, bekannt als langjähriger Radioredaktor und als Initiator des Grand-Prix von Bern und des Jungfrau-Marathons.

In keinem Land der Welt sind derart viele Bahnen geplant worden wie in der Schweiz vor und nach der vorletzten Jahrhundertwende. Allein in der Jungfrau-Region stapelten sich zwischen 1870 und 1914 74 Bergbahn-Projekte. Alle konnte Heinz Schild nicht detailliert vorstellen, dann hätte er mehrere Bände schreiben müssen. Er zeigt in seinem 252-seitigen Buch nun aber mit grossartigem, oft noch nie publiziertem Bildmaterial geschickt ausgewählte utopische und weniger verrückte Projekte aus der ganzen Schweiz. Von den drei geplanten Eiger-Bahnen über die futuristische Bergstation auf dem Piz Bernina und die erfolgreichen Gstaader Funi-Pioniere bis zum Tram auf die Basler Rigi und den Konzessions-Slalom am Napf.

Slalom? Genau! Am Fuss des Lauberhorns wird bekanntlich auch Slalom gefahren. Aber wir wollen von ganz oben starten. “A very fine run when south snow is in good condition”, urteilte Arnold Lunn im zweiten Band der “Alpine Ski Guides – The Bernese Oberland”, der 1920 herauskam. “The summit is easily reached in one hour thirty minutes from the Kleine Scheidegg.”

Heinz Schild: Visionäre Bahnprojekte. Die Schweiz im Aufbruch 1870-1939. AS Verlag, Zürich 2013, Fr. 98.-

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