Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz

Ein bärtiger St. Galler und eine hübsche Lötschenthalerin – unser Bergbücherwurm macht es wieder mal spannend. Wer die Geschichte – Liebesgeschichte? – weiterlesen will, wende sich getrost an ihn. Er hat die Megaklassiker des frühen Schweizer Alpinismus erstaunlicherweise erst kürzlich erworben und wird sie Interessierten eventuell ausleihen – allerdings schweigt er sich über den Preis der bibliopilen Werke aus.

„Mit Ausnahme des Gletscher- und Mittaghornes, die im Nebel staken, lag die ganze Gebirgskette, die Lauterbrunnen und Gasteren vom Wallis scheidet, sowie zu Füssen der Tschingelgletscher klar vor Augen. Aus den geheimnissvollen Tiefen des Ränzels wurde eine heimathliche Bratwurst, Dank der in’s Herz der Berge führenden Eisenbahn noch ganz frisch, an’s Tageslicht gebracht und vertilgt und dann, um 9 Uhr, wieder über die steilen Schutthänge auf den Gletscher hinabgestiegen.“

Es gibt Bergbücher, von denen man natürlich wusste, dass es sie gibt, wenn man sich seit ein paar Jahren mit dieser Art von Literatur befasst. Aber irgendwie fanden sie noch nicht den Weg oder Umweg in die eigene Bibliothek, wenn man denn die sich füllenden Büchergestelle zu Hause so bezeichnen darf. Die Lücke, welche die erwähnten Bücher ausmachen, ist eher eine im Kopf (und in der Sammlung) und weniger eine auf dem Bücherbrett. Meistens haben solch fehlenden Bücher ein gewisses Alter und einen gewissen Wert. Und wären erst noch oft gratis zu lesen und herunterzuladen, im Internet, zum Beispiel unter books.google.ch, gutenberg.spiegel.de, gutenberg.org. Was freilich nicht ganz das Gleiche ist, wie wenn man das Buch in den Händen hält.

So erging es mir mit den beiden, nun letzte Woche erstandenen Bänden „Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz“, herausgegeben und teilweise selbst geschrieben von Gottlieb Studer, Melchior Ulrich und Johann Jakob Weilenmann, 1859 und 1863 mit je acht Abbildungen bei Friedrich Schulthess in Zürich erschienen. Zwei Bände, welche recht eigentlich die Vorläufer der Publikationen des Schweizer Alpen-Clubs sind („Jahrbuch“, „L’Écho des Alpes“ und „Die Alpen“). Genauso wie die drei 1859 und 1862 publizierten Bände „Peaks, Passes, and Glaciers. A Series of Excursions by Members of the Alpine Club“ dem „Alpine Journal“ vorangehen.

Anders gesagt: Diese Bücher bilden die Basis der Tourenbeschreibungen in den Schweizer Alpen. Wenn der im appenzellischen Stein gebürtige Thomas Widmer allwöchentlich im Zürcher „Tages-Anzeiger“ und im Berner „Bund“ unter „Zu Fuss“ eine Wanderung vorstellt, die er mit öffentlichen Verkehrsmitteln, manchmal alleine, aber immer mit einem Restaurantbesuch unternimmt, so wandelt er sozusagen auf den Spuren des St. Gallers Johann Jakob Weilenmann.

Dieser vertilgte am 10. Augst 1859, nach dem Aufstieg von Obersteinberg hinten im Lauterbrunnental, in der Gamchilücke (2837 m) oben eine echte St. Galler Bratwurst. Und kam nur wenig später, wie er im Kapitel „Streifereien in den Berner- und Walliser Alpen“ aus dem zweiten Band schreibt, unverhofft zu einem Glas Wein. Auf dem Petersgrat oben traf der Solobergsteiger nämlich auf drei Engländer Alpinisten mit ihren Schweizer Bergführern, die vom Lötschental heraufkamen. Unter ihnen William Mathews aus Birmingham, der, so Weilenmann, „den Combin im August 1857 besuchte und seinen Bericht in dem Buche ‚Peaks, Passes and Glaciers‘ veröffentlichte. Man lud mich ein, am Mahle theilzunehmen, um das man gelagert. Essen mochte ich nicht, einen Trunk Wein, aus kleinen hölzernen Fässchen gespendet, wie sie in den Bergthälern des Wallis gebräuchlich, nahm ich gerne an.“

Ein Prosit auf die schreibenden Hochtouristen, kann man da nur sagen. Stellt Euch vor, Weilenmann & Co. hätten nichts geschrieben. Wären nur gegangen, gestiegen, geklettert. Hätten nichts erzählt von den Höhen und Tiefen des Bergsteigens. Und nicht nur davon. Gerade dieser Johann Jakob ist ein genauer Beobachter: seiner selbst, seiner Glücksgefühle und Ängste – und von Land und Leuten unterwegs, am Berg wie zu Tal. Nach dem Abstieg vom Petersgrat nach Blatten im Lötschental wanderte er talaufwärts nach Gletscherstafel, nicht alleine: „Zuerst ward mir als Begleiterin eine hochaufgeschossene, hübsche Walliserin, die auch nach Staffeln ging. Das schmalkrempige, mit breitem, gefältetem Seidenbande geschmückte Strohhüttchen, unschön sonst, sass ihr so coquett, als man es nur tragen kann. Verzog sich ihr Mund zum Lachen, so zeigte sie Reihen perlweisser Zähne; ihre schlanke Figur, mit dem winzigen, weissgescheuerten Milchbehälter auf dem Rücken, leicht und anmuthsvoll über die glatten Steine trippeln zu sehen, war eine wahre Freude.“

Eine Freude ist es auch, in solchen Büchern zu lesen. Auf Papier oder halt am Bildschirm. Dort erfährt Ihr auch, ob und wie es weiter ging mit der hübschen Lötschentalerin und dem bärtigen St. Galler. Und wohin er weiter ging natürlich ebenfalls.

Gottlieb Studer, Melchior Ulrich, Johann Jakob Weilenmann: Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz. Friedrich Schulthess, Zürich 1859 und 1863. Weilenmanns Bericht „Streifereien in den Berner- und Walliser-Alpen“ findet sich auch in seinen gesammelten Schriften „Aus der Firnenwelt“: Band 1, Liebeskind Verlag, Leipzig 1872; Band 2, Rother Verlag, München 1924.

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