Berge und Steine 4: Abtauchen

Als Geologe kartiere ich nicht nur das Hochgebirge. Wo keine Täler ins Gestein erodiert sind, tauche ich entlang von Bohrungen in die Tiefe. Und durchstreife dabei ganz andere Welten. Parallelwelten?

Neben dem Aufarbeiten der Beobachtungen des Sommers, beschäftigt mich derzeit fast täglich das Beschreiben von Bohrkernen aus Tiefbohrungen der nagra. Um den Schichtaufbau besser zu verstehen, führt die nationale Genossenschaft für Endlagerung rund um die drei Standortgebiete für ein mögliches Tiefenlager Kernbohrungen durch. Entlang vertikaler, bis eineinhalb Kilometer langer Linien, gewinnt sie damit eine rund zwölf Zentimeter dicke Punktinformation zu jedem Horizont. Die Bohrkerne werden in eine Lagerhalle im unteren Aaretal gebracht, wo ein paar Kollegen und ich sie uns anschauen und bestimmen. Aus der vertikalen Linie von Punktergebnissen schaffen wir ein geologisches Profil der Schichtenreihe. Wir teilen die Linie in Abschnitte und geben den Abschnitten ihre Namen. Namen, die sie dort haben, wo die Gesteine an die Oberfläche ausstreichen und wir sie aus Aufschlüssen kennen. So reisen wir, wenn wir Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang das Gestein unter die Lupe nehmen, in die Abfolge der nacheinander ineinander sich wandelnden, wieder und wieder sich verändernden Landschaften, die einmal waren und dann nach und nach vergingen.

Stunden, tagelang bewege ich mich durch den Grund eines offenen Meeres an dem feine Kalkschlämme sich über Schwammmatten legten. Bis ich eines Tages erst kleine, grün leuchtende Glaukonite, dann in dunklen Schlieren Tone darin finde. Sie zeigen Land an, dass, da ich mich die Bohrkerne entlang nach unten arbeite, vorher einmal in der Nähe des Meeres war. Meine Arbeitsstunden in die Tiefe gehen in der Zeit zurück. Die Jahre, Jahrmillionen des tonigen Meeresgrundes mit seinen schneckenförmigen Ammoniten führen mich, Stunden später auf einen Hardgrund. Eine ehemalige krustige Oberfläche, vielleicht unter einem mesozoischen Himmel, vielleicht auch nur bei Ebbe zwischen Wellen kurz entblösst. Es ist ein Kalkstein, der sich aus Sanden entwickelte, die einmal ein Korallenriff überschütteten, bevor sie im tiefen Wasser abnahmen, wie Starkregen, der vertöpfelt, Salzwasser, das nach dem körnigen Schauer ruhiger und flacher, vielen kalkschalenbildenden Tieren Heimat wurde, ehe die Ebbe dem Sediment am Boden rhythmisch den Blick zum Himmel öffnete. Doch während meine Arbeitszeit voranschreitet, gehe ich in der Erdzeit zurück. Das mit dem Korallenriff, das vorher war, erkunden meine Hände, meine Lupe erst Tage später. Am Bohrkern, dem schönen, geschliffenen Stein, fahren sie dabei sachte entlang. Voller Muster und Farben ist er, Girlanden in Ocker, rot, weiss und braun. Und manchmal Drusen, ausgekleidet mit Kristallen.

Die Steine reden nicht, sie erzählen. Von sich, wie sie sind. Ihre Unterwasserwelten sind mir bald vertrauter als die Menschenwelt, die immer mehr hinter Masken verschwindet. In der kaum noch jemand redet. So ziehe auch ich mich zurück und bin, reise mit den Steinen durch die Erdgeschichte. Eine Erinnerung kommt mir dabei an die Zeit, in der wir noch zu zweit arbeiteten und Peter J, der um zwanzig Jahre ältere, erfahrenere Geologe, nach einer Pause, in der ich Notizen aufschrieb, so, sagte, so muss man sich das vorstellen, und mir sein Handy hinhielt. Auf dem Bildschirm sah ich das Foto einer Flusslandschaft aus der Luft. Die Wolga, fuhr er fort, irgendwo hat es Rinnen, da und dort, er zeigte auf Flussarme, aber die meisten Flächen sind die dazwischen, die mit den tonigen Überflutungssedimenten. Nur in den wenigen Rinnen ist der Schilfsandstein tatsächlich ein Sandstein. So ging es immer wieder. Wir hatten beobachtet und diskutiert, ich schrieb es auf und er fand am Handy eine Bild dazu. Von irgendwo auf der Welt. Ich sah Deltas, Lagunen, tropische Strände. Auch wenn ich nun allein arbeite, kann ich tagelang, wochenlang die Meeresböden durchsteigen, mit meinen Fingerkuppen, der Lupe, Zentimeter für Zentimeter die Bohrkerne entlang. Muscheln, „storm-beds“, Strömungsanzeiger, Kalkschlämme, Wurmbauten, Untiefen im warmen, glasklar türkisblauen Wasser.

 

So sind diese stillen Tage auf andere Art intensiv. Früh stehe ich auf, verlasse das Haus und das Bergtal im Dunkeln und komme spät, wieder im Dunkeln, zurück, liege zuhause bald still im warmen Nest und sehe, wenn ich die Augen schliesse, vor mir die Sedimentstrukturen des Tages. Die dunklen Peloide in den hellgelben Kalksteinen, die schlierigen Sandfahnen, die den Opalinuston durchwehen. Zwischen den verschwundenen Landschaften der Erdgeschichte und meinem traumumsponnenen Bett, sitze ich jeweils ein paar Stunden in Zügen durch die Städte, durch eine graue, sich in sich zurückziehende Welt, die, wie die alten Landschaften, langsam verschwindet. Kaum noch wahrnehmbare Menschen…

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