Bergfotografie

Bergfotografie boomt. Flickr, das größte Fotonetzwerk der Welt, hält unter dem Suchbegriff „mountain“ über 3,9 Millionen Fotos bereit. Nur das Thema Hunde und Katzen ist nicht zu schlagen. Die beiden Sujetgruppen bringen es auf 5,9 bzw. 5,3 Millionen Uploads, schreibt Arnold Holzer in „Bergauf“, dem Magazin des Oesterreichischen Alpenvereins. Zwei Bildbände schlagen bekannte und neue Seiten der Alpenfotografie auf.

„Um 12 Uhr, nach einem Aufenthalt von 2 Stunden und 10 Minuten, auf unserm gemüthlichen kleinen Wylerfeld, verliessen wir dasselbe, für mich jedenfalls auf Nimmerwiedersehen. Es lag mir daran, die Ansicht der höchsten Partie unmittelbar unter dem Gipfel nach Hause zu bringen. Auf schmalem, doch zur Noth Stand bietendem Eisgrate, 100 à 120 Fuss unter demselben, pflanzte ich noch einmal meinen Apparat auf und nahm die nämliche Ansicht doppelt, um ja einen Erfolg zu erzielen.“

Und der gebürtige Strassburger Jules Beck (1825-1904), Mitglied der Sektion Bern des Schweizer Alpen-Club, hatte Erfolg. Die Aufnahme vom 15. September 1872 mit dem Gipfelgrat des Mönchs und den beiden darauf stehenden Alpinisten gehört zu seinen bekanntesten – und auch zu den ersten Fotografien überhaupt, die bergsteigende Personen im nicht ungefährlichen Viertausendergelände zeigt. Wir sehen die Grindelwalder Führer Christian Michel und Peter Egger, die dreieinhalb Minuten still stehen mussten, bis die Aufnahmen im Kasten waren. Die (Berg)fotografie der Pionierzeit erforderte Geduld, Kraft und Glück – spannend nachzulesen in Becks Berichten, hier über den „photographischen Ausflug auf den Mönch“ im achten SAC-Jahrbuch von 1872.

Jenseits der Ansichtskarte

Die Foto vom Mönch findet sich auch in einem schön gemachten, spannend zu lesenden und (natürlich) bestens bebilderten Buch zu Geschichte und Gegenwart der Fotografie in den Alpen: „Jenseits der Ansichtskarte“ heisst der Bildband, der gleichzeitig als Katalog der gleichnamigen Ausstellungen in Waiblingen und Bregenz diente. Nun, und da hat der Rezensent geschlafen, die Ausstellungen vom Oktober 2013 bis zum Mai 2014 sind längst passé. Aber das Buch kann man immer noch in die Hand nehmen. Mit Erfolg.

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Dieses auch. Ich habe es allerdings bloss digital gesehen, nur kurz angelesen und angeschaut. Es heisst ganz einfach ALP und zeigt Fotos von Olaf Unverzart. Die schwere Kamera geschultert, stürmte der Wahlmünchner zwölf Jahre lang immer wieder Gipfel, Täler und Orte der ganzen Alpen. Auf der Suche nach der Bergwelt im Wandel: 90 Farbfotos voll atemberaubender Schönheit vs. analoger Hässlichkeit. Eine fragile Balance zwischen der zeitlosen Erhabenheit alpiner Landschaft und den von Menschen verursachten Eingriffen und Zerstörungen derselben, gepackt in einen 23 x 30 cm grossen Bildband. „Gerade weil Olaf Unverzart Berge, Baustellen, Grünland und Passstraßen in den Fokus rückt – und nicht diejenigen, die dort leben, herumkraxeln, arbeiten, fahren und flanieren –, gerade deshalb rücken die Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, schreibt Tom Dauer in der Einführung. „Olaf Unverzarts Bilder scheinen das Wirkliche zu zeigen. Viel mehr aber noch verweisen sie auf das, was neben dem gewählten Ausschnitt passiert. Damit aber beziehen sie über das tatsächlich Sichtbare hinweg auch das Mögliche, das Unwägbare ein. Das, was Menschen passieren kann, wenn sie sich in die Berge begeben.“ Mit oder ohne Kamera.

PS: Wer sich für Bergfotografie und Bergfilm interessiert, findet hier ausgezeichnete Beiträge (und eine Foto von Jules Beck mit der Gipfelkletterei am Finsteraarhorn im Jahre 1882).

Klicken, schauen, lesen.

Jenseits der Ansichtskarte. Die Alpen in der Fotografie. Herausgegeben von der Stadt Waiblingen/Galerie Stihl Waiblingen und dem Vorarlberg Museum, Bregenz. Mit Beiträgen von Mathias Arnold, Werner Bätzing, Valérie Hammerbacher, Ingrid-Sibylle Hoffmann, Zara Reckermann und Ute Pfanner. Hirmer Verlag, München 2013, Fr. 40.-

Olaf Unverzart (Foto), Tom Dauer und Sophia Greiff (Text): ALP. Prestel Verlag, München 2014, Fr. 59.90.

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