Bergkrimis – Einstieg

Mordspannende Berglektüre für den Sommer. Auch wenn die Toten teils im Schnee liegen.

«De toute façon, personne ne meurt en vacances, non?»

Diese – wie sich herausstellen wird – vergebliche Frage beschliesst das erste Kapitel im Krimi „La revanche des hauteurs“ von Guillaume Desmurs. Er spielt in einer französischen Retortenskistation. Die besondere Architektur dort: mörderisch schön, und insofern mit fatalem Einfluss auf Einheimische und Urlauber, bis hin zu Selbstmord. Der Plan neige, mit dem in den 1960er Jahren solche Skiorte aus dem Alpboden gestampft wurden, wird zum Plan suicide. Vielleicht sogar gewollt vom Architekten, als Rache dafür, dass das Alphüttli der Vorfahren dem betonierten Skitourismus zum Opfer gefallen ist. Aber nach zwei Dritteln des Romans verliert die Geschichte Plausibilität und Plaisir. Schade, denn eigentlich war es spannend, den Reisenden und Bereisten im fiktiven Ort Pierre-Fontes in Moonboots nachzustiefeln.

«Wenn sich Märki derart sichtbar macht, denke ich, dass er Richtung Morgetepass will. Der Weg ist breit genug für ein Schneemobil, denn er wurde von der Armee befestigt. Wir werden es bald sehen.»

Diese – wie sich zeigen wird – nur halbwegs zutreffende Aussage macht Privatdetektiv Heinrich Müller im zwölften Krimi von Paul Lascaux um die Berner Detektei Müller & Himmel. Der Titel lautet „Schwarzes Porzellan“, es geht um Mitglieder der New-Wave-Band „Black China“, die spurlos verschwinden bzw. überraschend das Zeitliche segnet. Leser, die mit Musik der 1980er Jahre immer noch ins Stampfen kommen, werden die entsprechenden Lieder und Passagen goutieren. Skitourenfahrer und Schneeschuhläufer hingegen werden sich im Abschnitt „Montag, 25. Februar 2019“ wundern, denn der eigentlich breite Weg in den Morgetepass wird jeweils ab den ersten Schneefällen der Saison von Schneerutschen zugeschüttet, so dass das Gelände mörderisch steil wird. Ein Schneemobil jedenfalls käme nie durch, aber sein Fahrer wird ohnehin anderweitig aus dem Sitz gehebelt.

«Ach, du Scheiβe!», rief Kathi voller Inbrunst. Sie stutzte. «Und das heiβt, dass wir wieder mal in die Bergnatur müssen? Als hätte das letzte Jahr auf deiner Alm nicht gereicht!»

Diese – wie das halt die Art von Kommissarin Kathi Reindl ist – ziemlich ungehobelte Äusserung zu ihrer lieben Kollegin Irmi Mangold fällt auf Seite 55 in Nicola Förgs „Flüsternde Wälder“. Ein Einsatz im Eschenlainetal unweit des Walchensees in Oberbayern steht an. Na, so schlimm ist es dann doch nicht, mit den Gipfeln. Eher, was die beiden Chefinnen der Mordkommission unter den Wipfeln finden: eine Frau, überfahren von einem Traktor und halb erschlagen von einer gefällten Fichte. Sie badete offenbar im Wald (ja, so nennt man das heut: waldbaden, also eins und ruhig werden mit dem Gehölz). Ein skurriler Fall, den uns Nicola Förg in ihrem elften Alpenkrimi mit den Garmischer Kommissarinnen vorlegt. Deftig, zeitkritisch pointiert, da und dort sanft moralinsauer. Den Wald freut‘s, dass sich jemand seiner Sache vehement annimmt. Und die Auflösung der Fälle ist bittertraurig. Für Irmi ihrerseits scheint es ein Happyend zu geben. Es wär ihr so zu gönnen.

«Du schaust ins Tal und siehst sie heraufkraxeln, weil sie nicht unten bleiben wollen, diese Talbewohner, weil sie auch das Glück spüren wollen, das die Hirtenjungen empfinden. Und die dann, wenn sie es überhaupt schaffen und nicht vorher abrutschen, das Glück am Gipfel mit einem Selfie verwechseln.»

Diese – wie wir merken werden – kritischen Sätze stehen sowohl im Prolog wie auf Seite 242 im fünften Südtirol-Krimi von Lenz Koppelstätter mit Commissario Grauner und Ispettore Saltapepe: „Das Leuchten über dem Gipfel“. Kein schönwetteriges Leuchten allerdings, sondern ein lebensgefährliches, nicht nur über dem Gipfelkreuz, sondern vor allem drunten im Tal. Da donnert es gewaltig und ganz unterschiedlich: Wenn Gustav Mahler gespielt wird, wenn der SSC Napoli ein Trainingsspiel absolviert, wenn ein Hirtenjunge dazwischen funkt. Es geht um grosse Einsätze: beim Wetten, beim Bauen, beim Klettern. Und bei der Liebe auch. Der Epilog, wie schon bei Förg, hat es in sich. Bitte freilich erst am Schluss lesen! Es gibt nämlich Krimileser, die fangen hinten an – da fällt doch die Spannung ab, wenn man das Ende schon kennt.

«Sie haben doch früher mit Ihren Eltern Klettersteige gemacht», versuchte Susi mich zu beruhigen. «Sie werden sehen, das ist gar nicht so schlimm.»

Diese – wie man lesen wird – ahnungsvolle Beruhigung steht unten auf Seite 104 im Sektor „Rätsel“ des Alpenkrimis „Wenn er fällt, dann stirbt er“ von Marion Ambros. Der Münchner Hauptkommissar Joe Bichelmaier fällt schon, allerdings weder in einem Klettersteig und noch in einer Kletterroute der Hörndlwand in den Chiemgauer Alpen, sondern fast auf die hübsche Lilo herein. Die hat es mordsdick hinter den Ohren, aber mehr verrat ich nicht. Selber lesen, diesen Krimi, der zwischen Bier- und Klettergarten hin- und herpendelt. „Ein echter bayerischer Krimi – witzig, steil und spannend“: So das Urteil des Topalpinisten Alexander Huber; er kommt darin auch vor.

«Ich bin geübte Alpinisten, und als solche würde ich in den seltensten Fällen die Knie zum Einsatz bringen. Nur Hände und Füβe, denn damit finde ich die bestmögliche Kontrolle und Balance. Knie sind klobige Gelenke und wenig hilfreich in solchen Fällen. Wenn wir davon ausgehen, dass Claudia keine Sportkletterin war, hätten wir hier ein schwerwiegendes Verdachtsmoment.»

Dieses – wie zu vermuten ist – folgenreiche Indiz äussert die Ärztin Fabiola in Kapitel 21 von Martin Walkers „Connaisseur“, dem zwölften Fall für Bruno, Chef de police. „The Body at the Castle Well“ lautet der originale Titel, der wesentlich besser als ist der deutsche, denn Bruno ist seit dem ersten Fall im Jahre 2008 ein Connaisseur durch und durch. Wir sind gespannt, wie der dreizehnte Fall, „The Shooting at Chateau Rock“, übersetzt werden wird. Doch zurück zum (unfreiwilligen) Fall von Claudia in einen tiefen Burgbrunnenschacht: Obwohl der/die Täter auch dank bergsportlichen Erkenntnissen überführt werden können, ist „Connaisseur“ kein Bergkrimi. Aber allemal lesenswert.

«Ja, warum? Warum sollte jemand einen deutschen Solartechniker und eine britische Umweltschützerin umbringen? Konnten sie sich gekannt haben? Was mochte diese beiden miteinander verbinden? Was außer dem Wanderweg? Dem Weg, auf dem auch Liliana möglicherweise unterwegs war.»

Diese – in unserem siebten Buch – zentrale Frage stellt sich Chefinspektor João Almeida am Ende des 19. Kapitels in „Tödliche Algarve“ von Carolina Conrad. Auch seine Freundin, die deutsch-portugiesische Journalistin Anabela Silva, geht solchen Fragen nach. Gefährlicherweise oft alleine, und erst noch auf dem offenbar mörderischen Wanderweg, der Via Algarviana. Dieser Weitwanderweg geht 300 Kilometer durchs Hinterland der Algarve, von Alcoutim am Fluss Guadiana bis zum Cabo de São Vicente, der Südwestspitze des europäischen Festlands. Am 16. Juni 2020 kommt der Wanderkrimi heraus. Ob wir den Sommer 2020 dann immer noch auf der Via Algarviana verbringen wollen, hängt freilich nicht nur von dieser Lektüre ab.

Guillaume Desmurs: La revanche des hauteurs. Neige Noire. Éditions Glénat, Grenoble 2019. € 15.-

Paul Lascaux: Schwarzes Porzellan. Bern-Krimi. Gmeiner Verlag, Messkirch 2020. € 13.-

Nicola Förg: Flüsternde Wälder. Ein Alpen-Krimi. Pendo Verlag, München 2020. € 16.-

Lenz Koppelstätter. Das Leuchten über dem Gipfel. Ein Fall für Commissario Grauner. Kiwi Verlag, Köln 2020. € 11.-

Marion Ambros: Wenn er fällt, dann stirbt er. Alpenkrimi. Rother Bergverlag, München 2020. € 13.-

Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de police. Diogenes Verlag, Zürich 2020. € 20.-

Carolina Conrad: Tödliche Algarve. Anabela Silva ermittelt. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. € 10.-

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