Bergkrimis, zweite Staffel

Fünf neue Bergkrimis zum Thema Mord im Gebirge. Das gilt für Alpinisten und Kletterer so bös wie für den Wolf.

„War dort oben vielleicht irgendetwas geschehen, was hatte vertuscht werden müssen?“

Das ist die Frage, die sich in Bergkrimis immer wieder stellt. Was passierte genau dort oben? Übrigens nicht nur in Bergkrimis, auch sonst natürlich eine Frage, auf die sich manchmal keine eindeutigen Antworten finden lassen. Alpine Kriminalromane aber leben davon, dass die Ermittler und mit ihnen die Leserinnen und Leser genau wissen wollen, wie und warum dort oben etwas Unerfreuliches, das heisst meist Tödliches geschehen ist.

Dort oben also: In unserem ersten Fall am Everest. Warum konnte Klara Engelmann nicht gerettet werden? Und warum starb ihr Sherpa Nima Rita zehn Jahre später als Obdachloser in Stockholm? „Millennium“-Journalist Mikeal Blomkvist findet es heraus, nicht alleine, sondern mit Hilfe der Polizei. Und mit Hilfe seiner Freundin Lisbeth Salander. Blomkvist & Salander, das Duo, mit dem Stieg Larsson in drei Romanen everesthohe Auflagen erreichte. Nach dem Tod von Larsson setzte David Lagercrantz die Millenium-Reihe fort. Nun kam sein dritter Band heraus: „Vernichtung“, darin die Geschehnisse am höchsten Berg der Welt eine Schlüsselstelle bilden. Da kennt sich Lagercrantz aus: Sein erstes Buch schrieb er zusammen mit dem schwedischen Bergsteiger Göran Kropp über dessen Solotour auf den Everest 1996.

„Möglicherweise hatte Thomas Lippmann aus Wut über Stefan Schüppels Schwärmerei für seine eigene Verlobte Heike aus der Kletterwand gerissen.“

Dort oben zum zweiten. Wobei: Weit oben ist dieser Tatort gar nicht, nicht mal 400 Meter über Meer ist die Zyklopenmauer, wo das Unglück passierte, das einen Toten und einen Verletzten forderte. Abstürzen, freiwillig oder nicht, das kann man an den schier unzähligen Felsen des Elbsandsteingebirges in Ostdeutschland allerdings schon. Und wenn dann noch die falsche Ausrüstung, nämlich ein neues Westseil eingesetzt wird, kann Unvorhergesehenes passieren. Aber warum geht dann an der gleichen Stelle in der Nähe der berühmten Sehenswürdigkeit Kuhstall das Leben von Unternehmer Schüppel zu Ende? Thea Lehmann, in Oberbayern aufgewachsen und mit einem Sachsen verheiratet, verfasste bisher fünf Krimis, die in der Sächsischen Schweiz spielen. „Tatort Kuhstall“ ist ein knotenstarker Bergkrimi, am schönsten zu lesen auf dem Malerweg durch die Sächsische Schweiz oder in der Kuhstallbar auf der Mägisalp in der helvetischen. Lehmanns jüngster Band heisst „Tödliches Schweigen im Sandstein“. Fels also auch da.

„Da, sehen Sie“, rief der Mann plötzlich. „Da klettert einer!“
„Wo?“
„Na, da!“

Dort oben zum dritten, in einer Szene aus dem 12. Band von Jörg Maurers Krimireihe um Kommissar Hubertus Jennerwein. Wieder ein ganz besonderer Titel: „Am Tatort bleibt man ungern liegen“. Lässt sich freilich oft nicht vermeiden, jedenfalls nicht für das Opfer. Diesmal erwischt es Alina Rusche, Putzfrau in der KurBank in Garmisch-Partenkirchen. Dort putzte sie auch den Schliessfachraum, wo nicht nur Geld gehortet wird, sondern auch (tödliche) Geheimnisse. Wie immer bei Maurer werden noch andere Schauplätze aufgestellt – und Figuren. Witzig im jüngsten Fall: der kleine Dicke und der grosse Hagere, die sich in den bayrischen Kurort verirren. Hier ein kurzer Dialog zwischen den beiden berühmten Helden der Weltliteratur. Der Ritter Don Quijote zu seinem Diener Sancho: „Betrachte die ehrwürdigen Alpen! Sind sie nicht herrlich!? Es ist wahrlich ein Bollwerk der Natur, das sich wuchtig in unermessliche Höhen schwingt, Wind und Wetter trotzend, den Göttern so nah!“ – „Es ist ein Steinhaufen, Herr, der einfach im Weg rumsteht. Eine Ansammlung von Kalk, Lehm und Muschelschalen, nichts weiter. Ein Hindernis für jeden Wanderer.“

„In diesem Moment durchbrach ein schauriges Heulen die Stille. Ein Wolf! Amalia führ zusammen. Dabei stieβ sie an einen Ast des Baumes hinter sich, der mit einem deutlich vernehmbaren Knacken brach. Schnee rieselte auf sie herab. Frau Acherer richtete sich auf und sah genau in ihre Richtung. Konnte sie sie sehen?“

Dort oben zum vierten. In einem tief verschneiten Wald im Pustertal im Südtirol. Zwei Skitourengeherinnen, die Fotografin Amalia Engl und die Hoteldirektorin Sieglinde Acherer. Und schon kommt es zum Showdown im Tiefschnee. Wer gewinnt, sei nicht verraten. Vielleicht gar Felix, der Noch- bzw. Wiederfreund von Amalia? Was wäre ein Roman ohne Liebesgeschichte? Und ein Krimi ohne Tote(r)? Hier erwischt es gleich zu Beginn die Wildtierbiologin Celina auf einer abendlichen Skitour. Ihre Leiche sieht so aus, als wäre sie von einem Wolf angefallen worden. Pro und contra Wolf: das Hauptthema in „Die Bildermacherin und der böse Wolf“ von Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck. Und passend zur heutigen Bewilligung des Bundesamtes für Umwelt, dass aus dem Rudel am Piz Beverin im Bündnerland vier Wölfe geschossen werden sollen. Oder müssen?

„Auf der anderen Seite des Felsen kam das Tier wieder zum Vorschein: ein mittelgrosser schlanker Vierbeiner mit eher kurzer Rute, der sich zügig in Richtung des Passo Grigio bergauf bewegte.
Ein Wolf!, begriff Kauz plötzlich. Das gibt’s doch nicht!“

Dort oben zum Fünften. Auf einer Herbstwanderung hinten im Walliser Binntal entdeckt der Wahlgommer und Expolizist Alois Walpen, genannt Kauz, das Tier, das seit Jahren für ziemliche Unruhe sorgt, auch in der Schweiz und gerade im Wallis. Mussten wegen des Wolfs auch ein Wildhüter und ein Journalist sterben? Oder hat der Doppelmord ganz andere Gründe? „Gommer Herbst“ heisst der dritte Band von Kaspar Wolfensberger um den Ermittler Kauz, am besten zu lesen vor und nach einem feinen Essen mit Hirschschnitzel, Rehrücken oder Gemspfeffer. 2016 erschien „Gommer Sommer“, 2017 „Gommer Winter“. Nun freuen wir uns schon auf den vierten Band. Denn Wolfensberger schreibt packend, spannend, überzeugend. Bettet die Handlungen geschickt ins Goms ein und macht für diese unvergleichliche Landschaft nebenbei noch Reklame wie Thea Lehmann für die Sächsische Schweiz. Oder, mais bien-sûr, wie Jean-Luc Bannalec mit seinen Dupin-Krimis für die Bretagne.

David Lagercrantz nach Stieg Larsson: Vernichtung. Heyne Verlag, München 2019, Fr. 34.-
Thea Lehmann: Tatort Kuhstall. Saxophon Verlag, Dresden 2018, Fr. 17.-
Jörg Maurer: Am Tatort bleibt man ungern liegen. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2019, Fr. 26.-
Christiane Omasreiter, Kathrin Scheck: Die Bildermacherin und der böse Wolf. Athesia Verlag, Bozen 2019, Fr. 24.-
Kaspar Wolfensberger: Gommer Herbst. Bilgerverlag, Zürich 2019, Fr. 38.-

Kaspar Wolfensbergers »Gommer Herbst« wird am 31. Oktober 2019 um 18.15 Uhr im GZ Hottingen in Zürich an einem Walliser Buchfest gefeiert (mit Franziskus Abgottspon, Martin Nanzer und Walliser Jägern und Köchen etc.). Anmeldung an bilger@bilgerverlag.ch.

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