Bergliebe

Ein dickes Buch und zwei Ausstellungen schlagen alte und neue Seiten zu den Bergen und zum Bergsteigen auf.

– Demain, je t’emmène à la montagne, m’annonça Rinri au téléphone. Mets tes chaussures de marche.
– Ce n’est peut-être pas une bonne idée, dis-je.
– Pourquoi ? Tu n’aimes pas la montagne ?
– Je suis une amoureuse de la montagne.
– Allons, c’est décidé, trancha-t-il, indifférent à mes paradoxes.
À peine eut-il raccroché que je sentis monter ma fièvre: les montagnes du monde entier, à la plus forte raison celles du Japon, exercent sur moi une séduction alarmante. Je savais pourtant que l’aventure ne serait pas sans risque: passé mille cinq cents mètres d’altitude, je deviens quelqu’un d’autre.

Kurze Passage aus dem 2007 publizierten, mit dem Prix de Flore ausgezeichneten Roman „Ni d’Ève, ni d’Adam“ (Der japanische Verlobte, 2010) der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Insgesamt sind drei Seiten aus diesem Roman, nämlich die Besteigung des Fuji, abgedruckt im 536 Seiten dicken Reader „Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours“, herausgegeben von Frédéric Thiriez und mit einem Vorwort versehen von Pierre Mazeaud (mais oui, er weilt immer noch unter uns, der Seilgefährte von Walter Bonatti und Toni Hiebeler). Selbstverständlich finden sich auch ein paar Seiten aus dem ersten alpinistischen Buch von Mazeaud, „Montagne pour un homme nu“, schön brav eingebunden zwischen Anderl Heckmair und René Desmaison.

73 Autoren und sieben Autorinnen hat Frédéric Thiriez für seine Anthologie ausgewählt, vom römischen Kaiser Hadrian bis zur französischen Alpinistin Odette Bernezat – „Que la montagne est belle!“ heisst eines ihrer Bücher. Es gibt, neben bekannten Bergsteigern und Schriftstellern wie Hermann Buhl, Johann Wolfgang Goethe, Reinhold Messner und Charles Ferdinand Ramuz, noch unbekannte Bergliteraten zu entdecken: Hippolyte Taine, Paolo Morelli oder Stéphanie Bodet. Und natürlich, wie immer bei Auswahlwerken, vermisst man ein paar, zum Beispiel Hans Morgenthaler und Reinhard Karl. Ihre alpinen Schriften gibt es halt nicht in französischer Übersetzung.

Tant pis. Aber die Originaltitel der zitierten Werke hätte Thiriez angeben müssen. So erfährt man nicht, wie „Le Terrain de jeu de l‘Europe“ von Leslie Stephen heisst, als dieser Klassiker 1871 erschien. Und wenn ich schon den Rotstift zur Hand habe – hier ein ziemlicher Ausrutscher. In der Einführung zu Edward Whymper heisst es: „Le huitième essai fut le bon. Le 13 juillet 1865, l’Anglais, qui avait choisi intelligemment l’arête du Hornli, se dressait au sommet du «Matterhorn».“ Richtig ist: Der neunte Versuch führte am 14. Juli über den Hörnligrat auf den Gipfel. Und: Das Matterhorn muss nicht in Anführungszeichen gesetzt werden.

Für den Rucksack eignet sich „Montagne“ nur bedingt: zu dick und zu schwer. Aber als Reiselektüre schon. Und reisen sollten wir, zu zwei gebirgigen Ausstellungen. Diejenige in Bern, „home over time“, ist nur noch bis am 27. Juni zu bewundern, an einem ganz besonderen Ort. Im grossen Saal des mächtigen Turms von Schloss Holligen zeigt der Berner Fotograf Rob Lewis neun 1,5 Meter hohe Fotos von Felsen an Schweizer Pässen. Höchstaufgelöste Felsbilder, perfekt gerahmt in einheimischem Holz und hinter Glas, auf dem je nach Lichteinfall kurze Gedichte des Berner Dichters Jürg Halter zu lesen sind. An der Grimsel fragt der Lyriker den Berg: „wie viel licht/erreicht dich/dort drinnen/und was siehst du?“ Und das sehen wir: ein Stück Fels, Gestein, jahrtausendalt, hervorgeholt und an die mittelalterliche Wand gehängt, greifbar nah und doch poetisch entrückt. Eine alpine Seherfahrung der ganz besonderen Art. In der Ausstellung liegt der jüngste Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ (Dörlemann Verlag, 2021) von Jürg Halter auf. Aus Gedicht „Offenes Weiß“ die zweite Strophe: „Augenblicklich Schnee über Schnee,/die Idee, dass da jemand vorausging,/den ich nicht kannte – die Sehnsucht,/niemandem zu folgen als mir selbst./Keine Spuren zu hinterlassen als…“.

Spuren hinterlassen im Gebirge. Das machen die Menschen, seit sie in die Berge gehen. Spuren am Berg, wie Hütten und Wege. Spuren vom Berg, wie Hüttenbücher und Wegbeschreibungen. Spuren aber auch in uns selbst, wenn wir hinaufsteigen in die Berge, über 1500 Meter und weiter, wenn das Fieber steigt und der Horizont sich erweitert. Genau davon, von dieser Geschichte voller Leidenschaft, Risiko und Sehnsucht, erzählt eine Ausstellung im Museum.BL in der Altstadt von Liestal, im Rahmen von 100 Jahre Sektion Baselland des Schweizer Alpen-Clubs SAC. Simone Ochsner hat mit ihrer Seilschaft eine kleine und sehr feine Ausstellung gemacht, die geschickt und überraschend dem Bergsteigen durch Höhen und Tiefen nachgeht, für Auge und Ohr, Hand und Fuss, Frau und Mann, klein und gross. Titel der Ausstellung im prächtigen basellandschaftlichen Museum, das kurz nach der Kantonstrennung 1836 als „Naturaliencabinett“ gegründet wurde, heisst schlicht und umfassend: Bergliebe.

Frédéric Thiriez: Montagne. Les plus belles pages de l’Antiquité à nos jours. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2020, € 25.00.

Rob Lewis mit Jürg Halter: home over time. 10. – 27. Juni 2021. Kultur im Turm – Schloss Holligen, Holligenstrasse 44, 3008 Bern. Öffnungszeiten: Do – Fr 16.30 – 21.00 Uhr, Sa – So 13.30 – 17.00 Uhr. Do, 24.6.: Barbetrieb und Meet the Artists; So, 27.6.: Finissage mit Barbetrieb und Konzert Mich Gerber. www.schlossholligen.ch

Bergliebe. 100 Jahre SAC Baselland. Museum.BL, Zeughausplatz 28, 4410 Liestal. 5. Juni bis 17. Oktober 2021. Öffnungszeiten: Di – So 10.00 – 17.00 Uhr. www.museum.bl.ch

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