Bergromane, erste Staffel

Romane und Erzählungen, in denen Berge und Schnee an erster und zweiter Reihe stehen. Viel Spass beim Lesen in der geheizten Stube.

„Gianni, tu as lu trop de romans.“

Sagt Dante zu Jean/Gianni, dem Ich-Erzähler im Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“ von Gérard Guerrier. Manchmal geht es mir auch so. Gleich vier Romane und ein Erzählband stapeln sich auf meinem schneeweissen Pult, und in allen spielt der Schnee eine Rolle. Beginnen wir mit dem Lesen, jetzt, wo die ersten Schneeglöcklein ganz zaghaft aus der kalten Erde stossen.

„Gehen Sie mit mir wandern?“ Fragt die eine weibliche die eine männliche Hauptperson in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“, dem jüngsten Roman von Peter Stamm; er gewann den Schweizer Buchpreis 2018. Der Roman lotet das Doppelgängermotiv aus, spielt mit und zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lena gleicht Magdalena, Chris gleicht Christoph – oder haben sich nur die Namen verkürzt, je älter sie und er wurden? Ein Verwirrspiel mit einem unergründlichen Sog. Auch wenn es hinauf geht in die Berge (des Engadins), wie am Schluss von Kapitel 10, wo Magdalena und Christoph einen winzigen See erreichen. Aber sie „wollte weiter auf einen nahen Gipfel, dessen Name es ihr angetan hatte. Eine halbe Stunde später kamen wir endlich oben an, und die Landschaft tat sich vor uns auf, weit unten war das Tal zu sehen und die Seen und auf der gegenüberliegenden Talseite eine Kette schneebedeckter Spitzen.“

Der Schnee! Auch in den letzten Tagen hat es teils bis in die Niederungen geschneit, fast im ganzen Schweizer Alpenraum ist die Lawinengefahr „erheblich“. Sie war auch schon „sehr gross“ in diesem Winter. In einem Schweizer Tal lebt man seit Jahrhunderten mit den Schneemassen, die zu Tale donnern und Mensch, Tier und Haus gefährden: im Tal von St. Antönien, einem Seitental des Prättigau. Millionenschwere und kilometerlange Verbauungen schützen das Tal vor Lawinen. Und doch: Der weisse Tod lauert im Winter ständig – und schlägt plötzlich zu. Wie im Roman „Widerschein“ der Prattigauerin Anita Hansemann. Die buchstäblich unter die Haut gehenden Lawinenkapitel in der Mitte des Buches sollte man nur an einem sicheren und warmen Ort lesen! Männliche Hauptfigur ist ein wilder Kerl, der Jenische Viid, der sich in seiner Jugend in die ebenso wilde Mia verliebte. Ein Geheimnis verbindet die beiden. Dann zog er von dannen, doch nun kehrt er zurück, auch auf der Suche nach der sagenumwobenen weissen Gämse. Dafür nimmt er gefährliche Klettereien in Kauf: „Hängst im Fels und wirst sentimental, schoss es ihm tadelnd durch den Kopf, Gefühle waren der schlimmste Feind eines jeden Jägers und Kletterers. Er musste sich auf den Weg vor ihm konzentrieren.“

Der Weg! Welchen wollen wir einschlagen? Denjenigen der Grosseltern, der Eltern, oder einen eigenen? Der Walliser Rolf Hermann weiss darum. In seinem Erzählband „Flüchtiges Zuhause“ blickt er fein und sinnig auf die Kindheits- und Jugendjahre im Rhonetal und auf den Bergen drumherum zurück. In „Ein Sonntag“, der längsten Erzählung, beschreibt er einen Skitag in Leukerbad, unbedingt lesenswert auch für solche, die nie an einem Sonntag mit der Familie Ski gefahren sind, nie „jauchzend über die Piste“ geflogen sind: „Mir war plötzlich, als würden all die schneebedeckten Krautbüschel und Hügel, die zugeschneiten Böschungen und Geröllhalden, all die groβen und kleinen Regel- und Unregelmäβigkeiten der Landschaft unmittelbar in jenem Moment entstehen, da ich mit ihnen in ekstatischer Fahrt schwungvoll und schwerelos in Berührung kam. Ich fühlte mich ganz in meinem Körper und gleich ganz auβerhalb von ihm.“ Doch dann – nein…

Das Unglück! Kann in den Bergen passieren. Gerade dort. Und am höchsten erst recht. Im Roman „The White Road“, auf Deutsch „Angstrausch“, schickt Sarah Lotz den Videojournalisten Simon auf eine Expedition zum Mount Everest, wo dieser auf die wahre Story von Alison Hargreaves stösst. Die Britin „wurde vor allem durch ihre ohne zusätzlichen Sauerstoff erfolgte Besteigung des Mount Everests im Jahr 1995 bekannt und erregte Aufsehen durch spektakuläre Solo-Klettereien“ (Wikipedia). Allerdings ist Simon gar kein erfahrener Alpinist und erfindet, um überhaupt am Everest zu sein, alpinistische Taten wie „Bonatti-Zappelli-Route an der Walkerpfeiler-Steilwand“. Die gibt es so zwar nicht; den beiden Italienern gelang im Januar 1963 die erste Winterbegehung des Walkerpfeilers.

Der Winter! Ein Traum kann er sein mit Schnee, der sich sanft wie ein Leintuch über die Landschaft legt. Es kann aber auch ein Leichentuch sein. Genau das war es im Gebirgskampf zwischen Italien und Österreich während des Ersten Weltkrieges. Davon handelt Gérard Guerriers Roman „Alpini. De roc, de neige et de sang“. Er beginnt 1913, mit einer Besteigung des Ortlers, damals noch der höchste Gipfel von Österreich-Ungarn. Jean/Gianni mit seiner Familie, seinem Cousin Dante, dem gemeinsamen Freund Walter auf grosser Tour. Die politischen Spannungen sind schon spürbar, gehen aber durch ein Unglück vergessen. Zwei Jahre später bricht der gnadenlose Gebirgskrieg aus, Walter an der einen, die Vetter an der andern Front. Grausam und grimmig. Zuweilen ein halb hoffnungsvoller Gedanke an Wärme. Bis beim Aufstieg durch nassen Neuschnee dieser Satz fällt:

„Gianni, tu as lu trop de romans.“
La pente se relève franchement, rendant maintenant toute conversation impossible.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. S. Fischer Verlag, Frankfurt aM 2018, € 20.-
Anita Hansemann: Widerschein. Edition Bücherlese, Luzern 2018, Fr. 29.-
Rolf Hermann: Flüchtiges Zuhause. Edition Blau/Rotpunktverlag, Zürich 2018, Fr. 26.-
Sarah Lotz: Angstrausch. Goldmann Verlag, München 2018, € 10.-
Gérard Guerrier: Alpini. De roc, de neige et de sang. Éditions Glénat, Grenoble 2017, € 20.-

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