Vom 10. bis 13. September 2025 findet in Altdorf die Tagung «Literaturen der Alpen» statt. Wir stellen hier zwei Bergromane vor. Allerdings spielt einer von ihnen in den Pyrenäen. Aber die Themen gleichen sich.
«Und Gaspard denkt, dass er wieder den Aufstieg wagen wird, dass das das einzig mögliche Leben ist, das große und raue Leben da oben, dass er die Schafe wieder auf die Alm und später von der Alm heruntertreiben wird. Denn alles fängt immer wieder von vorne an, es wird andere Bären geben, das Junge der großen Braunbärin, das vielleicht wiederkommt, weitere Dürren und gewittrige Sommer. Wenn er auf Jeans Rat hört, wenn er seinem Instinkt folgt, wird er langsam an Erfahrung gewinnen und ein richtiger Schäfer werden. Zehn Jahre auf derselben Alm, hat Jean gesagt. Vielleicht muss er den Gedanken akzeptieren, dass die Berge für ihn entscheiden.»
Was für eine bemerkenswerte Vorstellung unten auf Seite 337: … dass die Berge für jemanden entscheiden. Hier für den Schäfer Gaspard. Vielleicht aber auch für uns. Oder entscheiden wir uns für sie? Und dann bestimmen sie uns? Wie auch immer: Gaspard ist eine der drei Hauptfiguren im Roman «Im Tal der Bärin» der Französin Clara Arnaud. Sie lebt in den Pyrenäen, und dort spielt auch «Et vous passerez comme des vents fous» (so der Originaltitel). Die zweite Figur ist die Biologin Alma; sie erforscht am Zentrum für Biodiversität in Arpiet das Verhalten der hier wieder angesiedelten Bären und will herausfinden, wie ein Zusammenleben zwischen den Wildtieren und dem Menschen besser funktionieren kann – beziehungsweise überhaupt. Denn die Einheimischen halten gar nicht viel von den Bären, ihr Auftreten sorgt für ein ähnliches Durcheinander von Meinungen und Emotionen, Schutzvorkehrungen und Abschüssen wie bei uns der Wolf. Und dann ist da noch der Tanzbärenführer Jules, der einst ein Junges aus einer Bärenhöhle stahl und mit ihm um die Welt reiste. Mit dem Raub beginnt der Roman, mit der Erinnerungstafel an Jules schliesst er.
Das Zusammenleben in einem Bergtal ist eben nicht immer Idylle. Erst recht nicht, wenn ein Unternehmer von aussen überrissene Projekte an- und zugleich alte Wunden aufreisst, die das Militär mit atomaren Bunkern im Kalten Krieg getätigt hat. Im grossen Kloster findet sich die heile Welt bloss teilweise, und die Liebe blüht nur im Verborgenen. Wenn dann noch der Berg rutscht – mei Dieu! «Der Berg der Namenlosen» von Urs Augstburger spielt wie schon «Das Dorf der Nichtschwimmer» (2020) in der Surselva und insbesondere in Disentis; https://bergliteratur.ch/bergromane-erster-gang/. Die Hauptfigur Meret Sager kennen wir zudem noch aus «Das Tal der Schmetterlinge» (2023); https://bergliteratur.ch/die-katastrophen-von-mitholz/. Eine gebirgige Trilogie: das Tal, das Dorf, der Berg.
Wer sich für solche Literatur interessiert, sollte vom 10. bis 13. September 2025 nach Altdorf pilgern. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und das Urner Institut Kulturen der Alpen laden zur Tagung «Literaturen der Alpen» ein. Im Fokus stehen literarische Auseinandersetzungen mit der alpinen Welt – von Naturdarstellungen bis zu ökologischen Fragen im Anthropozän. Das Programm bietet Vorträge, Nachwuchskolloquien und eine Wanderung in die Urner Alpen; www.kulturen-der-alpen.ch/fileadmin/user_upload/Tagung_Literaturen_der_Alpen.pdf. «Alle Interessierten sind herzlich willkommen!», heisst es auf der Website. Am Donnerstag, 11. September um 14 Uhr, widmet sich Martina Kopf den Die Alpen in der europäischen Gegenwartsliteratur und fragt uns: «Und der Berg ruft immer noch?»
Clara Arnaud: Im Tal der Bärin. Antje Kunstmann Verlag, München 2025. € 25,00.
Urs Augstburger: Der Berg der Namenlosen. Bilgerverlag, Zürich 2025. Fr. 35.-

