Bergromane, zweiter Standplatz

Und wieder vier Romane, darin Berge eine mehr oder minder grosse Rolle spielen.

„Marie und Jakob müssen aufbrechen. Sie klettern den Berg hinauf, höher und immer noch höher, dem Himmel entgegen. Knapp unter den Gipfeln, wo keine Bäume mehr wachsen und die Gemsen kaum mehr etwas zu fressen finden, steht ganz hinten in einer Felsspalte, von nirgendwoher und für niemanden sichtbar auβer für die Vögel im Himmel, Jakobs selbst gebauter Unterschlupf; ein Dach aus Lärchenholzbalken und Schiefersteinen zwischen zwei Felswänden, vor dem Eingang ein Bärenfell, dahinter ein Bettlager und eine Feuerstelle. Von hier oben haben Marie und Jakob über die Felsenkante einen schönen Blick hinunter auf die Alp.“

Ein glücklicher Ort für das junge Liebespaar, für Romeo und Julia aus dem Jauntal: dieses Versteck hoch oben in den Gastlosen. Das Dumme ist nur, und deshalb lacht Jakob nicht: „Er weiβ, dass die Berge zwar groβ, die Welt aber klein ist.“ Dass er und seine Marie einmal wieder ins Tal werden absteigen müssen, wo sie Ärger erwartet und Schlimmeres. Oder doch nicht? Die herzzerreissende Geschichte der reichen Bauertochter Marie und des armen Kuhhirten Jakob erzählt Max seiner Tina in einer langen und kalten Nacht im Auto, das bei der Abfahrt vom Jaunpass hinunter nach Jaun im heftig fallenden Schnee stecken geblieben ist. Geschickt verwebt Alex Capus in seinem jüngsten Roman „Königskinder“ zwei Liebesgeschichten von einst und heute und flechtet immer wieder das flüchtige Glück in den Bergen hinein, das sich bis Versailles erstreckt, wo Prinzessin Elisabeth ein heile Welt abseits vom Königshof erbaut.

Das Glück in den Bergen sucht ebenfalls die Bestsellerautorin und Icherzählerin Liz Lenzlinger, und zwar in Arosa. So heisst auch gleich der Berghotelroman der Bestsellerautorin Blanca Imboden, versehen mit diesem härzigen Untertitel „Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent“. Ein kitschiges, locker lesbares Buch; überraschend, für wen es ein richtiges Happyend und für wen es nur ein halbes gibt. Mehr „Arosa gibt“ als „Arosa nimmt“ – so lautet ein Werk des Bergromankönigs Gustav Renker von 1948. Beide Bücher dürfen natürlich auch auf einer Fahrt nach Davos gelesen werden. Blanca Imbodens Making-of eines Romans als Roman: Literaturgeschichtlich ist das ja keine Novität, aber doch immer wieder hübsch zu lesen, sogar mit der Jasskönigin Monika Fasnacht, die einen starken Auftritt hinlegt und in Arosa offenbar einen Unterschlupf gefunden hat.

Glück in einem Unterschlupf finden. Wobei Glück ein zu starkes Wort ist dafür, wie die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia im Versteck überleben, das ihnen der Kunstschmied Reinhold Duschka während der Naziherrschaft in seiner Werkstatt in Wien eingerichtet und ermöglicht hat. Besonders am Wochenende müssen sie aufpassen, dass sie sich nicht verraten, denn dann ist ihr Beschützer in den Bergen unterwegs. „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ hat Erich Hackl sein Werk genannt, das auf dem Cover das Gemälde „Berglandschaft“ des berühmten österreichischen Malers Alfons Walde zeigt. Ein eindringliches, dichtes Buch mit 117 Seiten – und eine wahre Geschichte; eine Gedenktafel für Reinhold Duschka ist an der Mollardgasse 85a angebracht. „Am Seil“ ist kein Bergroman, wohl nicht mal im weiteren Sinne. Doch wie mit einem Seil, das Duschka am Wochenende am Peilstein im südlichen Wienerwald in den Händen hält, sichert er auch Regina und Lucia vor dem Fall in die Hände der Gestapo. Nach dem Krieg versucht Reinhold, Lucia für das Bergsteigen zu begeistern: „Es war ein furchtbar heiβer Tag, und ich zitterte schon vor dem Abstieg. Erst als wir oben waren, sah ich, daβ man den Gipfel auf der Rückseite bequem über einen Serpentinenweg erreichen konnte. Das hat mich so beeindruckt, daβ ich nie mehr klettern wollte. Wozu die ganze Plage mit Seil, Gurt und Haken, wenn es auch anders geht.“

Dass Bergsteigen nicht unbedingt glücklich macht, merkt manchmal auch der Führer Michel Charmoz bei seinen Gästen: „Rien ne convenait, tout était décevant. À l’ombre il faisait froid, au soleil il faisait trop chaud, et puis à quoi ça sert de marcher si la vue est meilleure depuis le téléphérique?“ Zum Glück gibt es noch andere Kunden, wie beispielsweise die Musikerin Elsa, die auf dem Mont Blanc oben in neue Welten eintaucht: „Elle respirait avec des yeux, comme si elle insufflait ce paysage dans son cerveau à chaque gonflement de sa poitrine.“ Sehr anschaulich beschreibt Denis Ducroz, selbst Bergführer, Filmemacher und Schriftsteller in Chamonix, in „Le pont de neige“, wie ein Aufenthalt in den Bergen zu Glück verhelfen kann (oder auch nicht). Im Mittelpunkt seines überzeugenden Romans steht ein Bergführer, der sich oben gut bis bestens zurechtfindet, unten aber nicht und schliesslich scheitert. Es geht um Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit, und da prallen die Gegensätze zwischen Berg und Tal oft hart aufeinander. Wie bei der Seilbahn auf die Aiguille du Midi, die im Viertelstundentakt die beiden Welten verbindet: „Le téléphérique, c’est le bonheur assuré.“ Fragt sich nur für wen genau?

Alex Capus: Königskinder. Hanser, München 2018, Fr. 29.-
Blanca Imboden: Arosa. Von Bären, Eichhörnchen und Mister 99-Prozent. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 25.-
Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte. Diogenes, Zürich 2018, Fr. 27.-
Denis Ducroz: Le pont de neige. Glénat, Grenoble 2018, € 20.-

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