Cartographica Helvetica – zwei neue Hefte

Gleich zwei neue Hefte der schweizerischen Fachzeitschrift für Kartengeschichte sind erschienen, die ganz unterschiedliche Themen unter die Linse nehmen.

«Der höchste Punkt liegt unter mir, doch hier ist keines Bleibens, kaum gewährt er mir Raum zum Aufrechtstehen! Aber wollen wir hier photographiren, so bleibt keine Wahl, als den Gipfel um so viel abzunehmen, bis die Schnittfläche genügt, um das Instrument aufzustellen. Wir hauen für Merian und jeden Tornister eine große Stufe in’s Eis, dann beginnen Tischhauser und ich die Enthauptung der Jungfrau. Volle anderthalb Stunden haben wir aus Leibeskräften drauflosgehauen. Die Jungfrau ist etwa 1½ m niedriger geworden — da scheint der Raum zu genügen. Das Instrument wird aufgestellt, die Füße werden in das großblasige, brüchige Firneis gestemmt, dann geht es an ’s Photographiren. Tischhauser und ich operiren mit dem Instrumente, indeß Merian von seinem Platze aus die Chassis übermittelt und wieder deponirt. Jeder hat vollauf zu thun und nicht ohne seiltänzerische Evolutionen wird glücklich in einer weiteren halben Stunde die Hochgebirgsrundsicht in 6 Platten aufgenommen. An’sTrianguliren ist des knappen Raumes und hauptsächlich des schon seit einigen Stunden sich immer kräftiger entwickelnden Windes wegen nicht zu denken, und so treten wir, nachdem uns der eisige Luftstrom durch und durch ausgekühlt, um 1 Uhr 10 Min. den Rückweg an.»

Mon Dieu, was für eine Aussage des Topographen Simon Simon im Bericht „Ein photographischer Streifzug im Clubgebiet“, erschienen im 21. „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ von 1885: die Enthauptung der Jungfrau! Da nimmt sich die Forderung „Nieder mit den Alpen, freie Sicht auf Mittelmeer“ der Jugendbewegung in den 1980er Jahren geradezu brav aus… Anderthalb Meter niedriger wurde die stolze Jungfrau an jenem 16. Juli 1885 gemacht. Und das für einen guten Zweck: Simon und seine Gehilfen Tischhauser und Merian waren in jenem Sommer 48 Tage in den Berner Alpen unterwegs, inklusive der Besteigung von 30 Gipfeln, um An- und Aussichten auf Glasplatten zu bannen. Aus zwei Gründen: Simon Simon (der heisst wirklich so!) brauchte diese bei der Modellierung seines riesigen Reliefs des Berner Oberlandes, das jahrzehntelang im Alpinen Museum der Schweiz in Bern ausgestellt war. Gleichzeitig dienten die Aufnahmen als Unterlagen für die die Erstellung zweier Panoramen, die als Beilagen zu den Jahrbüchern des SAC erschienen.

Dass die Karten des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo, das 1838 in Genf durch Guillaume-Henri Dufour gegründet worden ist, weltweit einen hervorragenden Ruf haben, liegt eben auch daran, dass die Kartenmacher keinen Aufwand scheuten. Weder auf den höchsten Gipfeln noch unten in der Stadt; so ab 1889 im ersten Photoatelier des Eidgenössischen Topographischen Bureaus, das sich neben dem Bundeshaus Ost im Gebiet des heutigen Hotels Bellevue befand. Und dass die Arbeit keineswegs ungefährlich war, vor allem wenn zum Photographieren des Landes das Flugzeug eingesetzt wurde, zeigt der Umstand, dass auffällig viele „fliegende Vermessungstechniker“ den Tod durch Absturz fanden.

Der Ingenieur-Topograph und Fachhistoriker Martin Rickenbacher, Leiter der Arbeitsgruppe für Kartengeschichte der Schweizerischen Gesellschaft für Kartografie, beschreibt im Heft Nr. 59 der „Cartographica Helvetica“ die Entwicklung und die Anwendung der analogen Photographie am Bundesamt für Landestopographie. Bereits 1863, also in den Kinderjahren dieser neuen Methode, finden sich die ersten Hinweise für eine photographische Kartenreproduktion – notabene für die Alpenclubisten auf ihrer ersten Exkursion. Die Hochblüte der Reprophotographie lag in den Jahren von 1940 bis 1990. Tempi passati: Unsere Gesellschaft fotografiert digital, auf der Jungfrau so gut wie am Mittelmeer. Über das Ende der analogen Photographie bei swisstopo berichtet Felix Frey. Das Heft ist 72 Seiten dick, mit 80 Abbildungen. Besonders gefallen mir als in Belp Aufgewachsenem die verschiedenen innovativen Kartenproben der damaligen Landestopografen vom Belpberg und Gürbetal.

Und gleich noch ein Heft der schweizerischen Fachzeitschrift für Kartengeschichte ist anzuzeigen: „Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebietes von 1578“, herausgegeben von Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann. Aus aktuellem Anlass: Der Berner Stadtarzt Thomas Schöpf wurde vor 500 Jahren geboren. Dass er 1577 an der schlimmsten bekannten Pandemie der Menschheitsgeschichte, der Pest, starb, ist nur von zufälliger Aktualität. Die Karte, die in einer Ausstellung in Bern in einem Original zu bewundern ist, entstand als Gemeinschaftswerk und war kein Produkt systematischer Landesvermessung, sondern basiert auf einer ausführlichen Handschrift. Dieser Kommentar und die Karte zusammen ergeben ein einmaliges Bild des Alten Bern. Heft 60 von „Cartographica Helvetica“ beleuchtet die Schöpfkarte, die das bernische Staatsgebiet erstmals genau darstellt, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Kommentar von 1577 und dann natürlich auch auf der Karte taucht erstmals der Name „Wetterhorn“ auf. Diese hohe Warte zwischen Grindelwald und Rosenlaui hatte jahrelang noch einen zweiten Namen: Hasli-Jungfrau.

Martin Rickenbacher und Felix Frey: Photographie an der Landestopographie. Reprophotografie, Messbilder, Aerophoto-Karten, Luftbildpläne und Photopanoramen der Schweiz. Cartographica Helvetica, Heft 59/2019.

Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann (Hrsg.): Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebietes von 1578. Cartographica Helvetica, Heft 60/2020. Zur Schöpfkarte gibt es eine Ausstellung des Zentrums Historische Bestände im Gewölbekeller des Bibliothek Münstergasse in Bern (bis Ende Oktober, bei gutem Verlauf der Corona-Krise), www.unibe.ch/ub/schoepf

Die CH-Hefte sind zu bestellen unter: info@cartographica-helvetica.ch; pro Heft 25.- www.kartengeschichte.ch

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