Via Grimm

Zwei rucksacktaugliche Bücher, die zum Wandern mit einem wirkungsmächtigen Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts einladen.

«Ausgeträumt und ausgeschlafen, gings nun wieder an die Arbeit, d.h. ans Weitertrippeln. Um 8 Uhr schnürte ich mein Bündel und hinaus gings in die freie Natur. Lachender Sonnenschein durchflutete die liebliche Gegend und an dem azurblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld.»

Notierte Robert Grimm am 20. Juni 1902 in sein Tagebuch. Grimm (1881–1958), berühmt geworden als Organisator der internationalen Sozialistenkonferenzen in Zimmerwald und Kiental, als Führer des Generalstreiks von 1918, als Gemeinde-, Regierungs- und Nationalrat sowie als Direktor der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, war als junger Buchdrucker auf Gesellenwanderung. Nach seiner Lohnarbeit in der Druckerei der Zeitung «Arbeiterwille» in Graz wanderte und reiste er vom 4. Mai bis 7. Juli 1902 über Triest, Gorizia, Bozen, Chur und Glarus zurück an seinen Geburtsort Wald im Zürcher Oberland. Nicht immer war die «Arbeit» so sonnig wie an jenem Junitag in Villach an der Drau. Auf dem Weg nach Triest regnete es fast ununterbrochen:

«Meine Kleider trieften buchstäblich. Ich war bis auf die Haut durchnässt, es genügten, wenn ich mich an einen Ort hinstellte, 1–2 Minuten, um den trockenen Boden in einen förmlichen See zu verwandeln.»

Robert Grimm führte auf seiner Walz ein Tagebuch, das nun in einer wohlfeilen und gut kommentierten Ausgabe vorliegt: «Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann». Er schildert lebendig Freuden und Leiden eines Wandergesellen: ständige Finanzknappheit und Hungerattacken, liebevolle Gastfreundschaft, karge Pennen (Unterkunft, Nachlager) und lästige Polizeikontrollen, gesellige Abende mit andern Waldbrüdern, schöne Landschaften, Dörfer und Städte. Grimms Text ist angereichert mit vielen Hintergrundinformationen, die uns eintauchen lässt in eine Art von Wandern und Reisen, die vielen Lesern und Leserinnen unbekannt sein dürfte. Wanderlektüre der andern Art, und trotzdem kennen wir die ganz unterschiedlichen Gehgefühle, wenn der Himmel sich azurblau bzw. regengrau zeigt. Beide Farben werden wir erleben, wenn wir auf der Via Grimm unterwegs sind.

Die Via Grimm bezeichnet zweierlei. Einerseits die Strecke von Graz nach Wald ZH, auf welcher der junge Grimm 1902 unterwegs war. Andererseits den Weg, den die Robert-Grimm-Gesellschaft von 2019 bis 2022 in mehreren Wanderreisen auf den Spuren von Grimm unternommen hat. 48 Etappen mit insgesamt 230 Std., 860 km, 15‘000 Höhenmeter hoch und 14‘000 hinunter. Dazu ist das rucksacktaugliche Buch «Via Grimm» erschienen. Zu jeder Etappe gibt’s Karte, Höhenprofil, karge Tipps zu Verkehrsverbindungen, Hotels und Gaststätten sowie ein kurzes Zitat aus Grimms Tagebuch. Bei der vierzehnten Etappe von Villach nach Paternion-Feistritz lesen wir:

«Es war wieder ein wohl leichtes, wohltuendes Wandern, ein süßes Durchstreifen von Wald und Feld. Die Sonne stand schon hoch am Firmamente, als ich mich im kühlen Schatten eines Tannenwaldes niederlegte, um ein Mittagsschläfchen zu machen.»

Andreas Berz, Bernard Degen (Hg.): Robert Grimm. Von meiner Gesellenwanderung (1900–1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.-

Fritz Brönnimann: Via Grimm. Wanderungen auf Robert Grimms Spuren. Robert-Grimm-Gesellschaft, Bern und Zürich 2023. Fr. 20.- Erhältlich bei Fritz Brönnimann, Willishalden 3, 3086 Zimmerwald. www.robertgrimm.ch/robertgrimm/via-grimm/index.html.

Hochstuckli, Speer und mehr

Das Bundesamt für Landestopografie swisstopo hat das Sortiment der Schneesportkarten um zehn auf 43 Blätter erweitert. Die frischen sind meist nach Gipfeln bekannt.

«Das Wirtshaus Haggenegg ist besonders den Skifahrern angenehm, im Winter herrscht Sonntags auf dem nahen Hochstuckli chronische Überbevölkerung, an Werktagen kann es aber seine Vorzüge als Skigebiet zeigen.»

Urteilt Annemarie Schwarzenbach im Kapitel «Die Mythen und der Flecken Schwyz» in dem gemeinsam mit Hans Rudolf Schmid verfassten Reiseführer «Das Buch von der Schweiz. Ost und Süd» in der Reihe «Was nicht im ‹Baedeker› steht». Diese Buchreihe gab der Piper Verlag München von 1927 bis 1938 heraus. Die beiden Bände zur Schweiz kamen als Nummern 15 (Ost und Süd) und 16 (Nord und West) 1932 und 1933 heraus und schlossen die Reihe eigentlich ab. Nach 1933 publizierte der Verlag noch überarbeitete bzw. zensurierte Bände; so wurde Annemarie Schwarzenbach als Mitautorin gestrichen. Mit ihr zurück zum Hochstuckli. Sie zählt in ihrem Kapitel noch andere im Winter und Sommer lohnende Schwyzerberge auf, «aber am berühmtesten, und das zu Recht, bleibt doch das Hochstuckli».

Bereits 1909 hatte Martin Gyr im «Ski», dem Jahrbuch des Schweizerischen Ski-Verbandes, das «vielbesuchte» Hochstuckli (1566 m) gerühmt, «das mit seinem Umgelände ein geradezu ideales Skifeld darstellt». Am Schluss seines zehnseitigen skitouristischen Artikels «Einsiedeln, das Sihltal und das Alptal» gibt er noch einen letzten Tipp ab: «Allerdings möchten wir wünschen, dass unsere Sportsfreunde zur Vervollständigung des Bildes immer die Karte und die ortskundigen Leute zu Rate ziehen, wenn sie sich auf einer dieser Touren befinden.»

Seit diesem Winter gibt es gar die Schneesportkarte «Hochstuckli». Natürlich waren die Schwyzerberge schon früher auf speziellen Karten für Skifahrer abgebildet, so beispielweise auf der Skitourenkarte der Südostbahn von 1955 im Massstab 1:75‘000, mit einer grünen Zugskomposition, dem Sessellift Sattel-Mostelberg und dem Namen «Hochstuckli» auf dem Titelblatt; Verkaufspreis 40 Rappen.

Die druckfrische Hochstuckli-Karte (435 S) gehört zu den zwölf ganz neuen speziellen Schneesportkarten des Bundesamtes für Landestopografie swisstopo im Massstab 1:50‘000. Es sind dies folgende Blätter: 426 S Speer, 435 S Hochstuckli, 438 S St. Antönien, 444 S Glaubenberg, 452 S Gastlosen, 460 S Piz Sesvenna, 471 S Les Cornettes de Bise, 476 S Monte Tamaro, 477 S Camoghè, 478 S Piz da la Margna, 493 S Grand Combin und 494 S Monte Rosa. Die beiden ebenfalls neu aufgelegten Blätter 469 S Valposchiavo und 492 S Mont Blanc waren 2018 bzw. 2019 erstmals herausgekommen. Dazu sind ebenfalls die 29 Schneesportkarten in der klassischen Aufteilung der 1:50‘000-Karten erhältlich, von 227 S Appenzell bis 284 S Mischabel. Die Übersicht hier: www.swisstopo.admin.ch/de/informationen-schneesportkarten. Insgesamt umfasst das Schneesportkartensortiment neu 43 statt wie bisher 33 Blätter.

Warum die Neuerung? Die Antwort von Benjamin Fuhrer, Junior Produktmanager bei swisstopo: «Die Absatzmengen der gedruckten Schneesportkarte rechtfertigen eine Produktion im Offsetverfahren mit hohen Auflagen nicht mehr. Daher werden die Schneesportkarten ab der Saison 25/26 neu on Demand im virtuellen Sortiment angeboten. On Demand heisst, jede Karte wird auf Bestellung produziert. So fallen auch sämtliche Lagerkosten weg. Der Wechsel des Druckverfahrens zu LFP hat aber auch zur Folge, dass nur noch das Standardkartenformat angeboten werden kann. Gebiete, welche auf Grund der Formatänderung wegfallen, werden neu auf zusätzlichen Karten angeboten.»

Auf dem Blatt Lachen war auf der Rückseite einst noch die Rigi zu finden; nun wird sie vom Blatt Hochstuckli abgedeckt. Oder die Schneesportkarte Val Verzasca von 2021: Sie zeigte auch die Ski- und Schneeschuhtouren im unteren Val Calanca und in der Valle Morobbia, die eigentlich zum Blatt Roveredo gehören. Jetzt greifen winterliche Sportsfreunde zu den neuen Blättern Monte Tamaro und Camoghè. Ein Zipfel des Misox mit dem Pizzo Paglia (2593 m) wird von keinem Blatt der analogen Schneesportkarte erfasst; digital allerdings auch nicht. Verständlich: So befahrbar die Nordwestflanke dieses aussichtsreichen Gipfels scheint, der Zugang durchs Val Leggia ist den Skifahrern alles andere als angenehm.

swisstopo, Schneesportkarten, 1:50‘000: Preis pro Blatt Fr. 21.- (früher 24.50).

Wenn Berge rutschen

Ein Band mit Erzählungen, ein historischer Roman, eine Ausstellung: Wie gehen wir damit um, wenn die Berge laut, zu laut werden?

«Von der Kirche aus dem 13. Jahrhundert steht immerhin noch der Turm, im Banngebiet jenseits des Walles, der Linthal schützen soll vor Bergrutschen, wie 1881 einer das Dorf Elm unter sich begrub.»

Notierte der in Glarus aufgewachsene Schriftsteller Tim Krohn in seinem jüngsten Buch «Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen», und zwar in der Geschichte «Die Fremde beginnt nach ein paar Kilometern… Knapper Abriss über das Glarnerland, wo es am engsten (und am schönsten) ist.» Es sind dies 16 Erzählungen und zwei Gedichte aus seiner alten Heimat und aus seiner neuen, dem Bündnerland, genauer dem Val Müstair. Denn dort wohnt Krohn jetzt mit seiner Familie; wie es dazu kam, erfahren wir im Nachwort «Unser ideales Heim». Feine Lektüre zu ganz unterschiedlichen Themen. Aber still wird es nicht immer sein in der Höhe, jedenfalls nicht im «Genusssinn», wenn Hubert die Tuba bläst für Edith-Samyra, die nackt im Heustockseelein steht und mit diesem Ritual ihre Trauer um die nepalesische Königsfamilie beenden will. Nicht die einzige wunderbar schräge Geschichte in diesem handlichen Bergbuch.

Ganz im Glarnerland spielt der historische Roman «Kilchenstock. Der drohende Bergsturz» des Glarner Schriftstellers Emil Zopfi. 1928 begann der Kilchenstock über Linthal gefährlich und scheinbar unaufhaltsam zu rutschen. Die Wissenschaftler prognostizierten einen gewaltigen Bergsturz. Musste das Dorf evakuiert werden? Die Dorfbewohner wussten nicht mehr, wem sie vertrauen konnten. Den Fachleuten? Den Politikern? Dem Pfarrer? Gott? Der Wahrsagerin? Dem eigenen Gefühl? Emil Zopfi erzählt eindringlich, wie wir reagieren, wenn der Berg nicht ruft, sondern zu kommen droht bzw. kommt. Sein Roman erschien erstmals 1996 und liegt nun in einer Neuauflage vor, erweitert um ein aktuelles Nachwort, denken wir an Gondo am Simplon, Bondo im Bergell, Brienz an der Albula, Kandersteg und natürlich an Blatten und Ried im Lötschental. Die Erzählung vom Kilchenstock, so Zopfi, «ist ein Lehrstück über das Verhalten von Menschen angesichts einer drohenden Katastrophe. Wird das befürchtete Unglück eintreffen oder bleiben wir verschont? Was können wir tun? Wer hilft uns in dieser Lage? Die Fragen, welche die Linthaler damals bewegten, stellen wir uns heute immer wieder.» Mehr noch: «Die gegenwärtige Weltlage gleicht jener vor hundert Jahren, als der Kilchenstock die Linthaler in Angst und Schrecken versetzte.»

Auf jeden Fall ist «Kilchenstock» die passende Lektüre für den Besuch der Ausstellung «Wenn Berge rutschen» im Raum Biwak von ALPS, dem Alpinen Museum in Bern. Am Beispiel Glarus erfahren Besucherinnen und Besucher von Menschen aus Politik, Tourismus, Landwirtschaft und allgemeiner Bevölkerung, was es heisst, mitten im Wandel durch tauenden Permafrost, Murgänge oder ausbleibendem Schnee zu leben. Das Projekt ist eine Übernahme des Sito Kollektivs und wurde für das ALPS mit aktuellen Fragen und Beispielen aus den Kantonen Bern und Wallis erweitert. Am 22. Januar gibt es zum Museumsbier um 18 Uhr eine Kurzführung zu «Wenn Berge rutschen», am 3. März erzählt Werner Bellwald ab 18 Uhr, wie es sich anfühlt, wenn ein Bergsturz innert Sekunden ein Lebenswerk wegfegt, und am 26. März fragt das Museum ab 18.30 Uhr nach dem Bergsport im Jahr 2050. Müssen wir dann den Bergen fernbleiben?

Wohin sie denn wolle, fragt die Hauptfigur in Tim Krohns Erzählung «Melancholie» eine junge Einheimische aus dem abgeschiedenen Avers: «Nach Zürich oder wenigstens nach Chur. Das Schlimmste ist, ohne Berge kann ich auch nicht sein. Aber von Zürich aus sieht man sie wenigstens.»

Tim Krohn: Die Stille der Höhe. Erzählungen aus den Bergen. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Emil Zopfi: Kilchenstock. Der drohende Bergsturz. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 29.80.

ALPS: Wenn Berge rutschen (bis 19. April 2026). www.alps.museum

Wengen, Verbier, Arosa

Drei ganz unterschiedliche Publikationen zu drei berühmten Fremdenverkehrsorten in den Schweizer Alpen. Ganz im Fokus der Öffentlichkeit steht diese Woche Wengen mit den Lauberhornrennen.

«Arme Berge, was haben die Menschen euch angetan!»

Das fragt sich der Holzschnitzler Hans Eicher aus Wengen, eine der Hauptfiguren im Roman «Flut» von Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928). Er kannte das Dorf am Fusse des Lauberhorns, an dem diese Woche wieder die besten Skifahrer um Sieg und Ruhm fahren, bestens. Denn 1904 heiratete Wiedmer, Bäckersohn aus Herzogenbuchsee und Archäologe, Maria Stern, die in Wengen das Hotel Beausite führte. Und schon 1905 veröffentlichte der frische Hoteldirektor im renommierten Huber-Verlag den Roman «Flut». Mit dem Titel sind die Fremden gemeint, die immer zahlreicher in das Bergdorf Stägen kommen, das unschwer als Wengen erkennbar ist. Der Roman erntete zwar Lob von der Kritik, namentlich von Josef Viktor Widmann im «Bund»; er sah im Autor einen neuen Gotthelf. Aber dass die Hoteliers kaum Freude hatten, ist mehr als verständlich. Das Ehepaar Wiedmer-Stern floh denn auch nach Bern, ins Historische Museum, wo er die freiwerdende archäologische Stelle antrat. In einer Brandrede gegen den Tourismus, die Wiedmer einem Journalisten der fiktiven «Landes-Zeitung» in die Feder legte und die Hans Eicher «bös, aber gut!» findet, lesen wir auf Seite 226 in der Neuausgabe – hier zitiert aus www.beausiteparkhotel.ch/geschichte/.

«Wenn auf einem Berg vier Fremde Schinkenbrot gegessen haben, so werden fünf Hotels hinaufgestellt; diese rufen wieder einer Bahn, und die Behörden geben dem Projekt ihren Segen. Die Bahn schleppt dann allerdings hinauf, was das Zeug hält; aber die vier Bergfreunde, die einmal der stolzen Höhe zuliebe hinaufwanderten, sind nicht darunter. Solche Leute wollen Bergluft, nicht Eisenbahnrausch; sie hören lieber das Herdengeläute als polyglottes Geschnatter und den Klatsch der Table d’hôte, ohne den der waschechte Reisepöbel nicht leben kann, und der in seiner Mitte aufgeht wie die Schwämme auf dem Mistbeet. – – –

Und nun der Nutzen für unser Land! Er war bisher, wenigstens materiell, ein gewaltiger; ich brauche bloss den Gebrauch von einheimischen Nahrungsmitteln, die Einnahmen der Bahnen und Schiffe, die Gewerbetreibenden und Handwerker zu nennen. Aber jetzt naht auch der Moment, wo die Gefahr der Überproduktion da ist; wo dort oben fast jeder Bauer, selbst wenn er kaum einen Halbliter von einem Fünfliber abrechnen kann, eine Pension baut und in seiner Unbeholfenheit der Spielball geriebener Dienstboten und gemeiner, rücksichtsloser Gäste wird. Denn gerade auf solche Wirte hat es diese grosse Kategorie unter den Fremden abgesehen; der Mann ist ihnen schutz- und wehrlos preisgegeben, und wagt er es zu mucksen, so kriegt er eins auf die Nase. Sie schreiben ihm vor, was sie essen wollen; sie schreiben ihm vor, wie ihr Zimmer eingerichtet sein soll; sie bestechen seine Dienstboten durch Trinkgeld zu Pflichtverletzungen, und zu guter Letzt diktieren sie ihm auch, wieviel sie zahlen wollen.»

Wie der Tourismus ein Bergdorf flutet, lässt sich im schweren und reich illustrierten Bildband «Chroniques de Verbier» von Marie-Madeleine Gabioud Seite um Seite, Hotel um Hotel, Chalet um Chalet, Bahn um Bahn eindrücklich sehen und lesen. Wir bewundern die ersten Skilifte und die luftigen Gondeln der Télécabine auf die Ruinettes, etwas weniger all die Inszenierungen, Happenings, Infrastrukturen neueren Datums. Mit «l’urbanisation de la montagne» ist das vierte Kapitel betitelt – arme Berge, wie wahr! Ein paar Kapitel weiter hinten fahren Roland Collombin und Philippe Roux tout Schuss, die Freeriders verwandeln den Bec des Rosses in einen Zirkus des Ski extrem. Und dann tauchen auf dieser so grossartigen wie überbauten Sonnenterrasse im Val de Bagnes zahlreiche Berühmtheiten auf, mais bien-sûr! Mir persönlich gefällt am besten, wie der französische Schauspieler, Komiker und Chansonnier Bourvil schüchtern lächelnd auf einem Tellerlift sitzt.

Apropos Berühmtheiten. Im dritten Fremdenverkehrsort in den Schweizer Alpen, die mit frischen Publikationen aufwarten, tummeln sich auch solche, die nicht erkannt werden wollen, jedenfalls nicht von der Polizei. 36 unterschiedlich unterhaltende Kurzkrimis versammelt Andreas Russenberger in «Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen». In «Freunde fürs Leben» geht es allerdings um eine bekannte Figur, die Gaunern das Leben schwer machte: um Sherlock Holmes. Sein Erfinder, der Engländer Arthur Conan Doyle, machte 1894 mit den Brüdern Branger die zweite Skiüberschreitung der Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und beschrieb die Tour in «An Alpine Pass on Ski». Auf dieser Fahrt soll Doyle für Sherlock dessen Freund und Begleiter Doctor John Watson gefunden haben. Manchmal verhelfen die Berge den Menschen zu Geistesblitzen.

Jakob Wiedmer: Flut. Herausgegeben von Felix Müller und mit einem Nachwort von Christian Rohr. Chronos Verlag, Zürich 2025. Fr. 38.-

Marie-Madeleine Gabioud: Chroniques de Verbier. Passé, présent, futur. Éditions Slatkine, Genève 2025. Fr. 77.-

Andreas Russenberger: Arosa. Wo auch Gauner Urlaub machen. Krimis. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 17,00.

Les Fromages de Suisse

Ein französischer Bildband zu zehn bekannten Schweizer Käsen. Mit Rezepten. Viel Freude bei der Zubereitung und beim Essen, beim Anschauen und Lesen.

«Le Gruyère AOP doit son nom à la région de la Gruyère, dans le canton de Fribourg. Aujourd’hui, il est fabriqué dans les cantons de Fribourg, Vaud, Neuchâtel, Jura et dans quelques communes du canton de Berne.»

Entnehmen wir einem neuen französischen Bildband über den Schweizer Käse – ein unerwartetes Buch, wo sich doch unsere westlichen Nachbarn als die Käsenation der Welt verstehen, inklusive den Frischkäse, der seit 1850 in der Normandie aus pasteurisierter Kuhmilch mit etwas Rahm hergestellt – und Petit-suisse genannt wird. Den Gruyère français gibt es zudem auch. Doch der Gruyère AOP mundet besser, mais oui. Er ist schliesslich der beste Käse der Welt. Und kommt erst noch aus einer Berner Gemeinde. Aber nicht aus dem Berner Jura, wie die Übersichtskarte in «Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» von Stéphane Méjanès suggeriert, sondern aus Vorderfultigen, einem kleinen Dorf im Hügelland zwischen Gürbe und Sense. Nach 2022 gewann die Käserei Vorderfultigen im Herbst 2025 an den World Cheese Awards zum zweiten Mal den Weltmeistertitel; diesmal Pius Hitz mit seinem achtzehn Monate gereiften Greyerzer. Mehr dazu hier: https://berg-kaeserei.ch/

«Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande» tischt drei Gänge auf. Erstens zahlreiche grosse Fotos von Kühen, Käsern und Käserinnen, von Landschaften und Gerichten. Zweitens Geschichten und Informationen zu diesen zehn helvetischen Käsesorten: Appenzeller®, Emmentaler AOP, Étivaz AOP, Gruyère AOP, Raclette du Valais AOP, Sbrinz AOP, Tête de Moine AOP, Tomme Vaudoise, Vacherin fribourgeois AOP, Vacherin Mont-d’Or AOP. Und drittens präsentieren zwölf Köche aus renommierten Restaurants von Belgien, Frankreich und der Schweiz ihre Rezepte. So stellt Lionel Rigolet vom «Comme chez soi» in Bruxelles folgenden Gang zum Nachkochen vor: Filet de sandre grillé, aumônière de soupe du chalet au Gruyère AOP Réserve 12 mois, croquant de Gruyère AOP Classique 10 mois. Da bekommt man ja gleich Hunger.

Den hatten wir am Badeplatz zwischen dem Hafen Vully-les-Lacs und Guévaux am Murtensee, der übrigens für seine Zanderfänge bekannt ist. Dort assen wir am Neujahrsmittag 2026 ein Fondue mit der Hausmischung der Dorfkäserei von Lugnorre. Köstlich!

Stéphane Méjanès: Les Fromages de Suisse. Une épopée gourmande. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 50,00.

Jahreswechsel

Das 150. Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol sowie Volume 129 of The Alpine Journal bieten gebirgige Lektüre vom Feinsten.

«Uns bietet das kühn hinausgebaute Horn einen wahrhaft phantastischen Anblick dar. Wie ein einziger, dem Gebirge entwachsener Riesenkrystall ragt die blendend beleuchtete Spitze gegen den nächtlich blauen, wolkenlosen Himmel auf. Von dem senkrechten Abbruche, welcher sich auf der Nordseite des Horns noch mehrere Klafter hoch über die weite Aushöhlung erhebt, hängen hunderte von kolossalen Eiszapfen herab, welche in dem grellen Sonnenlichte gleich Edelsteinen funkeln.»

So beschreibt der Geograf Friedrich Simony (1813–1896), Mitbegründer des Österreichischen Alpenvereins am 19. November 1862, den Gipfel des Großvenedigers (3657 m), «eine steil aufgerichtete, nur mit Gefahr zu erklimmende Schneescheide, auf derem höchsten Punkte kaum als 5 – 6 vollkommen schwindelfreie Menschen Platz zu finden vermögen». Der Großvenediger ist der höchste Gipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern und des Landes Salzburg. Simonys 32seitiger Aufsatz «Aus der Venedigergruppe» erschien 1865 im ersten Jahrbuch des Alpenvereins. Nun liegt die 150. Ausgabe vor: BERG 2026, gemeinsam herausgegeben vom ÖAV mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Hauptfigur in der Rubrik BergWelten ist wie einst der Großvenediger. Simonys Gipfelwechte ist auf seinem Aquarell von 1856 zu bewundern; allerdings würden sich da kaum Menschen hinaufwagen, so fragil hängt das Schnee- und Eisgebilde über dem Abgrund. Längst ist die Wechte weggeschmolzen, wie viele Gletscher ebenfalls.

Der Jubiläumsband steht im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert, unter anderem in einem Beitrag von Georg Bayerle (mehr zu ihm hier: https://bergliteratur.ch/alpen-appelle/). In der Rubrik BergSteigen geht es ums Free Solo, das schon auf viel leichteren Routen passiert, als wir denken; um die naturverträgliche Lenkung des Skitourenbooms; um den rasanten Siegeszug des Elektromotors für Mountainbikes; und um Sexismus in den Bergen – Autorin Nadine Regel fordert «Mehr Respekt bitte!». Das BergWissen beschäftigt sich unter anderem mit der Gemse und der Frage, ob sie sich im Zuge des Klimawandels zu einer neuen Art entwickeln könnte.

Flora statt Fauna. Die Titelseiten der Rubriken im «The Alpine Journal 2025. A record of mountain adventure and scientific observation» bilden Alpenblumenaquarelle von Reginald Farrar (1880–1920); der Botaniker, Alpinist und Autor wird auf neun Seiten porträtiert. Weitere Porträts im Jahrbuch des Alpine Club erhalten Tom George Longstaff, der 1899 mit dem Grindelwalder Führer Christian Kaufmann unterwegs war, und Eustace Thomas, ein früher 4000er-Sammler. Diese besonderen Alpengipfel werden in einem andern Kapitel ausführlich bestiegen. Aufschlussreich ist «The Alpine Journal and the Ladies» – keine einfache Beziehung, früher jedenfalls. Meta Brevoort stand am 20. September 1871 als erste Frau auf dem Bietschhorn; sie verfasste einen Bericht über die Tour und publizierte ihn 1872 im Journal, allerdings nicht unter eigenem Namen. Micha Rinn seinerseits nennt die Traversierung aller neun Türme der Drei Zinnen in den Dolomiten «between Heaven and Earth».

Zwischen Himmel und Erde: So malte Friedrich Simony den Großvenediger. Und wir sind schon bald zwischen 2025 und 2026. In diesem Sinne: Es guets Nöis!

Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2026. Alpenvereinsjahrbuch 150. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 25,00.

Adam Butterworth (Editor): The Alpine Journal 2025. Volume 129. The Alpine Club, London 2025; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

Skiferien

Auch wenn es an Weihnachten wieder mal grün ist, nicht nur unten, sondern teils auch oben: Skiferien müssen sein, wenn nicht jetzt, dann erst recht im Februar. Mais oui! Drei Publikationen helfen nicht bei der Planung, aber beim gemütlichen Aufenthalt am Chalet oder im Hotelzimmer.

Pizza mit Pommes, wo gab es denn so was?, wunderte sich Frieda.
Beim Skifahren gab es das, wie sie kurz darauf feststellte. Selma erklärte ihnen, wie man die Spitzen der Ski vorne zusammenschob, während man die Enden auseinanderzog. Wenn es aussah wie ein Riesenpizzastück im Schnee, machte man alles richtig. Mit diesem Pizzastück konnte man nämlich supergut bremsen.
«Wenn ihr die Ski parallel haltet, werdet ihr schneller», erklärte Selma und richtete ihre Ski aus wie zwei Pommes, die nebeneinander lagen.
«Aber das lernen wir später. Wir fangen mit Pizza an.»

Selma ist Skilehrerin. Und Frieda ihre Schülerin. Mit dabei in der Skischule sind ihr Bruder, ihre Eltern – und Flinn. Nur: Er wird es nie lernen, das Skifahren. Das Gehen im Schnee, das beherrscht Flinn. Schliesslich zieht er den Schlitten des Weihnachtsmannes. Da er ihn jedoch mal da, mal dort ziehen muss, muss er hin und her reisen, dummerweise auch im Flugzeug. Und jetzt leidet er unter Flugangst. Frieda soll und will ihm helfen. Vielleicht verliert Flinn beim Skifahren die Angst vor Höhe und Geschwindigkeit. Soweit das Starthäuschen im Kinderbuch «Es düst ein Rentier durch den Schnee». Weihnächtliche Winterferien mal ganz anders, und doch vertraut. Geschickt verbinden Smilla Blau (Text) und Susanne Göhlich (Bild) die Klischees von Familienferien im Hotel und im Schnee bzw. auf der Eisbahn oder dem Sessellift mit einem Miturlauber, der sich nicht ganz an die Regeln halten kann. Und eigentlich lieber Pizza und Pommes, noch lieber aber Zimtkekse verspeist.

Gegessen wird ebenfalls in der siebten Ausgabe der Zeitschrift «ski français», die sich den «Vacances au ski» widmet. Im Kapitel «Quand la montagne fond dans l’assiette» teilen sich auf einer seitengrossen Foto Laetitia und Johnny Halliday in Gstaad nicht nur ein Fondue, sondern auch einen Kuss – moitié-moitié der ganz andern Art. Dabei werden in diesem Kapitel nicht Gruyère und Vacherin fribourgeois gerührt, sondern die Käsesorten aus der Savoie, die trotz all der winterlichen Besucher nicht ganz so bekannt sind wie die Skiorte, die insbesondere im Februar be- und überfahren werden. Sehr zu empfehlen, neben einem Raclette au Beaufort des Montagnes, ist das Kapitel «Le mythe des vacances au ski – carte postale ou construction sociale?» Kurze Kostprobe vielleicht? «Les vacances au ski sont l’une des plus grandes légendes hivernales de notre époque postmoderne: un mélange d’effort et de luxe, de nature et de consomation, d’authenticité rêvée et de réalité bien balisée.» So abgegrenzt wie die Pisten, die Bergrestaurants – und die sozialen Schichten: «Aller au ski, c’est faire partie de ceux qui savent.» Also für diejenigen, die das Skifahren so gut beherrschen wie das Avant- und Après-Ski. Und die das nötige Grossgeld haben. Schnee sollte es auch haben.

Hat es wieder mal nicht viel. So hocken wir vor einem Chalet an einem windstillen, sonnigen Platz und lesen ein Buch. Oder auch vor dem Cheminée, wenn Wetter oder Helligkeit nicht mitmachen. Zum Beispiel «Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz». Dreizehn Geschichten, davon acht extra für diese Anthologie geschrieben, von bekannten Krimiautoren und -autorinnen wie Marcel Huwyler, Gabriela Kasperski, Ina Haller – oder Christoph Simon. Hauptfigur in seiner Story ist sein neuer Serienheld Paul Gertsch, Trödelladenbesitzer in der Berner Länggasse; den ersten Auftritt hat er in «Die geschenkte Leiche». Seine Tochter Alina hat ihm ein frühes Weihnachtsgeschenk gemacht: zwei Nächte im Hotel Blüemlisalp an einem See oberhalb Kandersteg. Es könnte der Oeschinensee sein; allerdings führt dort kein Wanderweg um den See herum, im Winter schon gar nicht. Aber Paul Gertsch unternimmt genau diese Runde zum morgendlichen Training. Kann passieren, und es passiert noch viel mehr Unvorhergesehenes, nicht nur bei Fondue (am 1. Abend) und Raclette (am 2. Abend). Beispielsweise, was Küchengehilfin Rosa (sie muss immer die Fondues anrühren) beim Eislaufen auf dem zugefrorenen See entdeckt. Wenn schon kein Schnee liegt, kann wenigstens auf Schwarzeis gekurvt werden.

Wo Sie auch immer stieben, sitzen oder singen: Frohe Weihnachten!

Smilla Blau, Susanne Göhlich: Es düst ein Rentier durch den Schnee. Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2025. € 14,00.

Ski français. Tome 7: Vacances au ski. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 20,00.

Miriam Kunz (Hrsg.): Das letzte Fondue. Weihnachtliche Krimigeschichten aus der Schweiz. Atlantis Verlag, Zürich 2025. Fr. 22.90.

Auf nach Grönland!

Expeditionen und Expositionen zur grössten Insel der Welt. Mit im Gepäck für die Hinreise nach Bern bzw. die Rückfahrt: ein Foto-Lese-Band, ein Essay und ein Krimi.

«Auf dem höchsten Punkt des Inlandeises flattert ein Schweizerfähnchen…»

Legende zu einem schwarzweissen Foto, das einen Teilnehmer der Grönlandexpedition des Akademischen Alpenclubs Zürich neben einem Schlitten zeigt, links davon weht ein Fähnlein an zwei umgekehrt in den Schnee gesteckten Skistöcken, das Schweizer Kreuz mehr erahn- als sichtbar. Das Foto findet sich im Buch «Quer durchs ‹Schweizerland›» der beiden Teilnehmer André Roch und Guido Pidermann. Insgesamt sieben Schweizer nahmen an der Expedition vom 26. Juni bis 11. Oktober 1938 teil, «auf kühner Fahrt durchqueren sie mit Ski und Hundeschlitten dieses neue ‹Schweizerland› bis an den Rand des Inlandeises, stossen auf diesem vor bis zu seinem höchsten Punkt und lassen die Schweizerfahne auf 16 unbestiegenen Gipfeln Grönlands flattern», so der Klappentext. «Mit dem ersten Nordlicht (…) sind die Bergsteiger an der Küste zurück, kehren bei den Eskimos von Kungmiut, dem glücklichsten Völklein der Erde, als Gäste ein.»

Mehr zu dem von Schweizern entdeckten und benannten grönländischen Schweizerland im ausgezeichneten Beitrag «Die Schweiz, Grönland und die Wissenschaften. Die Entdeckung der horizontalen Alpen» von Daniel di Falco. Er ist der Mitherausgeber der Begleitpublikation zur Ausstellung «Grönland. Alles wird anders» im ALPS Alpines Museum der Schweiz. Weder die Lektüre noch den Besuch sollte man verpassen. Erst recht nicht, seither Grönland oben auf die weltpolitische Agenda gerutscht ist. Ganz oben auf der Weltkarte ist das Land auf den uns geläufigen kartografischen Ansichten ja ohnehin. Mehr noch: Grönland ist ebenfalls im Bernischen Historischen Museum, gleich vis-à-vis dem ALPS, ein Thema. Die Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe» beschäftigt sich mit der Grönland-Sammlung des Museums; Schweizer Expeditionen brachten Anfang des 20. Jahrhunderts Souvenirs mit, die heute als «Grönland-Sammlung» aufbewahrt werden. Diese Sammlung wirft Fragen auf – und gibt Antworten auf unser Verhältnis als Touristen zu Eingeborenen, zur grössten Insel der Welt, zur Arktis überhaupt. Eine eigene Publikation zu dieser Grönlandexposition gibt es nicht, aber die Tafeln in der Ausstellung bieten klugen Lesestoff. Und der im Museumsshop aufgelegte Essay «Invasionen des Privaten» der österreichischen Schriftstellerin Anna Kim – sie wurde als gebürtige Südkoreanerin in Grönland oft für eine Einheimische gehalten – vertieft unsere Kenntnisse zur mehr weissen als grünen Insel; ein Kapitel befasst sich mit dem «Dickicht der Sprachen».

Exakt darum geht es ebenfalls im politischen Grönland-Krimi «Sieben Gräber für den Winter» von Christoffer Petersen. Die Sprachenfrage mischt den Wahlkampf zwischen der Premierministerin und dem Herausforderer auf, zusätzlich zum Verschwinden ihrer Tochter. Der vor kurzem pensionierte Polizist David Maratse muss den Fall klären, in neun Tagen von Sapaat bis Marlunngorneq. Die richtige Lektüre für die Fahrt nach Zürich, wo Françoise Funk-Salamí ihre Grönland-Fotos in der Kunstsammlung Rüegg ausstellt, und vor allem nach Bern ins Museumsviertel. Die Fläche zwischen den beiden Museen heisst Helvetiaplatz. Da passt der Satz auf Seite 176 im Buch von Roch und Pidermann: «Am Sonntag, den 28. August, schon etwas ausgeruht, brechen die Zurückgebliebenen morgens um 5 Uhr auf, die ‹Punta Helvetia› zu besteigen, einen schönen 1400er am rechten Ufer des Sioralikgletschers.»

Daniel Di Falco, Beat Hächler (Hrsg.): Grönland. Alles wird anders. ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern 2024. Fr. 20.-. (im Museum).

Anna Kim: Invasionen des Privaten. Literaturverlag Droschl, Wien 2011; 2. Auflage 2012. Fr. 15.- (im Bernischen Historischen Museum).

Christoffer Petersen: Sieben Gräber für den Winter. Ein Grönland-Krimi. Kampa Verlag, Zürich 2025. Fr. 26.50.

Ausstellungen:
▲ ALPS Alpines Museum der Schweiz, Bern: Grönland. Alles wird anders (bis zum 16. August 2026).
▲ Bernisches Historisches Museum, Bern:  Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe (bis 31. Mai 2026).
▲ Kunstsammlung Rüegg, Rämistrasse 30, 8001 Zürich (Eingang über Zeltweg): Silap ingerlasia – Wie die Welt sich bewegt. Grönland-Fotos von Françoise Funk-Salamí (bis 14. Februar 2026; Mittwoch bis Freitag, 12–18.30 Uhr, Samstag, 11–17 Uhr; www.kunstsammlung-ruegg.ch).

Veranstaltungen:
Grönland × Grönland. Ein Land, verschiedene Perspektiven. Mittwoch, 21. Januar 1926, 17.30–18.45 Uhr, Start im ALPS. Eine Führung, die die Vergangenheit und Gegenwart Grönlands in den Blick nimmt. Der Rundgang durch das Bernische Historische Museum und das ALPS eröffnet überraschende Zusammenhänge und vielseitige Einblicke. https://alps.museum/veranstaltungen.
Erforschung Grönlands durch Alfred de Quervain. Vortrag von Manuel Gossauer vom Akademischen Alpenclub Bern. Dienstag, 24. Februar 2026, 19.00–21.00 Uhr, im Restaurant Dählhölzli, Bern. Nicht-Mitglieder sind willkommen, werden aber gebeten, sich vorher kurz per E-Mail anzumelden (praesident@aacb.ch).

Mit Ski zum Tag der Berge

Drei Skibücher zum Internationalen Tag der Berge. Mal philosophisch, mal historisch, mal touristisch. Die Piste ist geöffnet.

«La piste est la mise à plat du skieur. Si les visiteurs des stations modernes ne sont sans doute pas les premiers, dans l’histoire des véhiculations humaines, à avoir éprouvé le frisson de la glisse, ils sont en revanche les premiers à avoir planifié ce plaisir en compactant la neige sous le poids des dameuses.»

Eine kurze Worterklärung, bevor wir uns am internationalen Tag der Berge (11. Dezember) mit dem brusttaschentauglichen Buch «Traité de ski alpin par temps chaud» von Laurent Buffet auf die Piste machen. Dass sie, wenigstens am Morgen, so schön und eben gewalzt ist, das haben eben am Abend und oft noch in der Nacht die Dameuses gemacht, die Pistenraupen. Diese Fahrzeuge, im Südtirol nett auch Schneekatzen genannt, fahren im Kapitel auf, das mit «Kurvenführung der Pistenstrecken» überschrieben ist. Wobei dies natürlich mehr mit Gedanken als mit Gelände zu tun hat. Wie alles auf den hundert, mit fünf schwarzweissen Abbildungen illustrierten Seiten in dieser philosophischen Abhandlung zum alpinen Skilauf. Dass Roland Barthes mitkurvt, erstaunt nicht, eher schon Walter Benjamin mit seinem Werk zu Paris und den Passagen. Nun, die Pisten sind ja auch speziell gemachte Wege, um Menschen von A nach B zu bringen, mehrmals am Tag. Zum Vergnügen (hoffentlich) und mit Geschwindigkeit (wenn man’s kann). Wobei Laurent Buffet die Psychoanalyse als Pistenmarkierung hinstellt, was man beim lesenden Fahren vielleicht nicht immer mitkriegt. Das Folgende hingegen schon, kurz vor dem Abschwingen: «Auf der Suche nach einem anderen Leben hinterlässt der Skifahrer weiterhin seine Spuren auf den schmelzenden Schneeflocken.» Die beiden letzten Sätze dann wieder im Original: «On dit que la montagne est dangereuse. Le skier est sans doute le dernier des aventuriers.»

Ob er das wirklich ist, sei mal dahingestellt. Sicher ist: Der Skilauf, insbesondere der alpine, ist eindeutig mehr als einfach über eine schräge weisse Fläche zu gleiten und zu kurven, nicht unbedingt möglichst schnell, aber schon mit Fahrwind. Was der Skilauf historisch und gesellschaftlich mit dem Skiland Schweiz verbindet, erfahren wir im ebenfalls brusttaschengrossen Buch «La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse». In zehn Kapiteln, vom Aufkommen des Skilaufs am Ende des 19. bis zum Après-Lift im 21. Jahrhundert, schildern Grégory Quin und Jean-Philippe Leresche von der Uni Lausanne und Laurent Tissot von der Uni Neuchâtel eindringlich und überzeugend, wie das Skifahren untrennbar mit der zeitgenössischen Geschichte der Schweiz verbunden ist. Lange Zeit war es als Sport und Freizeitbeschäftigung die Nummer 1 im Land, ein fester Bestandteil des helvetischen «Alpenmythos», der mit Albrecht von Haller einsetzte und mit Vreni Schneider und Pirmin Zurbriggen (sein «Knie der Nation» anno 1985!) Nachfolger fand. Dennoch wird heute die Zukunft dieses nationalen Wintersports aufgrund des Klimawandels und der sozialen und ökologischen Kosten zunehmend in Frage gestellt. Hinter den jüngsten Erfolgen der Schweizer Champions und der Freude am Skifahren verbergen sich allerdings weitreichendere Fragen zum Fortbestand einer echten Skikultur, die dieses tief schürfende Buch anhand ihrer historischen Wurzeln, ihrer Wirtschaftlichkeit, ihrer Technologien, ihrer Politik und ihrer alten und aktuellen Praktiken untersucht. Und das auch mit Tabellen zu Schneetagen, zur Grösse von Skigebieten, zur Anzahl von Skifahrern, Skiclubmitgliedern und verkauften Skis, zu den 230 durchgeführten Weltcuprennen in der Schweiz von 1967 bis 2025 (56 Mal in Adelboden; nur einmal zum Beispiel in Flühli im Entlebuch, ein Slalom 1987, inoffizielles Abschiedsrennen für Erika Hess mit Sieg von Corinne Schmidhauser). Ganz schön das fünfte Kapitel, das sich mit der Vorstellungswelt des Skilaufs beschäftigt, mit Plakaten, Filmen, Büchern. Schade eigentlich, dass «Heidi» zur berühmtesten Figur im Alpenland Schweiz aufstieg, lange bevor der Skilauf Fahrt aufnahm. Das wär doch eine schier göttliche Fügung gewesen, wenn Heidi der Klara aus Frankfurt das Skifahren beigebracht hätte…

Stopp, Querschwung! Es fährt ja Ski, das Heidi, in seinem Land nämlich, in der Ferienregion Heidiland zwischen Walensee und Sarganserland. Insbesondere natürlich im Skigebiet Wangs-Pizol mit dem «schönsten Skiberg der Ostschweiz». Das heisst es im Führer «111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss» vonChristoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke. Der Führer war vor fünf Jahren erstmals erschienen (https://bergliteratur.ch/fuehrer-fuer-die-wintersaison/) und kurvt nun mit 20 neuen Pisten auf. Das heisst umgekehrt, dass gleichviele nicht mehr unbedingt gefahren werden müssen. Folgende sechs Pisten aus der Schweiz wurden gestrichen: La Dzorniva in Lax, Hockenhorngrat im Lötschental und die Skitour über die Lötschenlücke (letztere verständlicherweise wegen des Bergsturzes von Blatten!), Chälenegg auf der Klewenalp, Mythen-Skisafari und die Abfahrt von Stütze 2 am Säntis. Neu dabei sind vier eidgenössische Strecken: Grindel auf der Firstseite von Grindelwald, Säntisabfahrt nach Wasserauen, der Schwarze Diamant in Arosa und die Standart in Bivio. Insgesamt 32 Must-Runs in Switzerland. Neu dabei sind ebenfalls zwei ganz besondere österreichische Skipisten. Einerseits die Ulli-Maier-Strecke im Salzburger Land (am 29. Januar 1994 starb Ulli Maier wegen Aufpralls an einem Holzpfosten bei einem Super-G in Garmisch-Partenkirchen; die Piste an der Kreuzbodenalm, wo Ulli jeweils trainierte, trägt seit 2019 ihren Namen). Andererseits die Streif in Kitzbühel, neben dem Lauberhorn DIE Abfahrtsstrecke. Jeder «mordu de la vitesse», so eine Bezeichnung von Laurent Buffet, möchte dort mal runterfahren. Und gewinnen bzw. heil unten ankommen. Bonnes descentes, mes amis!

Wenn es denn Schnee hat. Im Weyerli in Bern hat es. Aus dem chemikalienfreien Abriebmaterial der Kunsteisbahn Weyermannshaus entsteht auf dem Abhang im Freibadgelände eine Miniskipiste inklusive eines begehbaren Förderbands. In Betrieb bis am 8. Februar 2026 jeweils am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag von 13 bis 17 Uhr; www.sportamt-bern.ch/schneespass-im-weyerli/.

Laurent Buffet: Traité de ski alpin par temps chaud. Éditions La Bibliothèque, collection Les Billets, Les Lilas 2025. € 14,00.

Grégory Quin, Laurent Tissot, Jean-Philippe Leresche: La civilisation du ski. Une autre histoire de la Suisse. Savoir Suisse des Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2025. Fr. 17.50.

Christoph Schrahe, Thomas Biersack, Stefan Herbke: 111 Skipisten, die man in Deutschland, der Schweiz, Österreich & Südtirol gefahren sein muss. Überarbeitete Neuauflage. Emons Verlag, Köln 2025, € 19.-

Kinder und Jugendliche zum Berg

Drei neue Bücher für Kinder und Jugendliche, darin Berge gross oder nur am Rande vorkommen. Ausgerechnet das Geschichtsbuch zum Bergsteigen kommt nicht in die Höhe.

«In den Schweizer Alpen ragte ein mächtiger Berg empor, der unerreichbare Gipfel des Mont Blanc.»

Heisst es auf Seite 11 des Buches «Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt» von Katja Seifert, empfohlen ab sechs Jahren. Klar, in vielen Reiseführern zur Schweiz vor allem des 19. Jahrhunderts wurde der Mont Blanc grosszügig zu den helvetischen Bergen gezählt. Mais quand-même, würden die Leute von Chamonix bzw. Courmayeur sagen… Das Buch zu Geschichte und Motivation des Bergsteigens, «reich illustriert mit interessanten Fakten» (so der Waschzettel), löst dieses Versprechen buchstäblich immer wieder ein. Auf Seite 19 befindet sich das Matterhorn «an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien», zwei Seiten später lesen wir im Abschnitt zur ersten Frauenbesteigung im Jahr 1871: «Meta gelang wenig später als erster Frau die Matterhorn-Überschreitung von der Schweiz nach Frankreich»; der Nachname von Meta wird zudem mal richtig Brevoort, mal aber auch Bretvoort geschrieben. Es wird noch interessanter: Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die Erstbesteiger des Everest, «bezwangen eine 12 Meter hohe Felsstufe, an der zuvor vermutlich Mallory und Irvine gescheitert waren». Nur versuchten die Letztgenannten den Everest von Norden zu besteigen, während Hillary & Tenzing von Süden erfolgreich waren.

Um Unstimmigkeiten, allerdings ganz anderer Art, geht es im Jugendkrimi «Gauner im Berg!» in der Reihe «SOS Seraina, Olivio, Simon» von Frank Kauffmann und Daniel Reichenbach. In ihrem fünften Fall ermittelt das Trio aus Amden und Weesen in den Höhlen des Churfirstengebiets, wo sich die Beute eines jahrzehntealten Uhrendiebstahls verstecken soll. Vielleicht im berühmten Wildmannlisloch, wahrscheinlich aber in einer ganz anderen Höhle. Für Spannung ist also gesorgt, erst recht, als die jugendlichen Detektive mit Hilfe eines richtigen Speläologen den Schatz finden, jedoch in der tiefen Höhle gefangen bleiben, weil der Komplize des Gauners ihnen die Leiter zum Wiederaufstieg abgeschnitten hat. Doch es gibt einen Geheimausgang, der allerdings so schmal ist, dass man nur auf dem Bauch kriechend durchkommt. Da braucht Seraina einen kühlen Kopf – und Mut. Ob sie es schafft?

Und ob es «Der kleine Hasenfuß Leo» schafft, sich an einem Seil über eine tiefe Schlucht zu schwingen? Leo ist ein kleiner Schneeleopard, der mit seiner Familie eine Bergwanderung unternimmt bzw. unternehmen muss. Denn Leo ist ängstlich, da er Probleme mit seinem Gleichgewichtssinn hat. Mit Rat und Tat einer pfiffigen Hummel wird er stabiler und damit mutiger. Er schafft die Tour schliesslich und ist zu Recht stolz auf sich. Die Thematik dieses Kinderbuches von Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh und Daniel Spreitzer dreht sich um Reizverarbeitung, wie dem Begleitschreiben zu entnehmen ist. «Bei den einen funktioniert sie besser, bei den anderen weniger. Kinder mit einer Sensory Processing Disorder beim Gleichgewichtssinn bleiben bei Wanderungen und Touren lieber zu Hause. Dabei täte es ihnen – unter guter Anleitung – sehr gut. Das ist die Message unseres Buches.»

Katja Seifert: Auf in die Berge! Was Menschen in die Höhe treibt. NordSüd Verlag, Zürich 2025. Fr. 29.90.

Frank Kauffmann, Daniel Reichenbach: SOS Seraina, Olivio, Simon. Gauner im Berg! Baeschlin Verlag, Glarus 2025. Fr. 24.-

Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh, Daniel Spreitzer: Der kleine Hasenfuß Leo. Verlag Bibliothek der Provinz, Wien 2024. Fr. 22.90.