Drei klarsichtige Publikationen zum Gletscherschwund. Der Sommer 2025 war das viertschlimmste.
Die Ewigkeit
schmilzt.
Zurück bleibt der Sonne
weisses Licht.
Die letzte der sechs Strophen im Gedicht «Gletscherschmelze» von Seraina Kobler, abgedruckt in der Nummer 232 der Schweizer Literaturzeitschrift «orte»; diese Ausgabe widmet sich dem Föhnrausch und anderen Naturphänomenen wie Bergsturz, Brockengespenst, Steinschlag oder Trogtal. Dichterische Texte wechseln ab mit sachlichen Beiträgen, illustriert mit perfekt abgestimmten Fotos von Marco Volken, dem selbst ein Porträt gewidmet ist.
Die Literaturzeitschrift «schliff» ihrerseits widmete 2023 eine ganze Ausgabe dem scheinbar ewigen Eis unter dem prägnanten Titel «Gletscherbersten». Sie bersten wirklich auseinander, nicht nur in den Alpen, sondern auf der ganzen Welt. An wenigen Orten zeigen sich die Folgen natürlicher Klimaschwankungen sowie des menschengemachten Klimawandels so drastisch wie in der Verflüssigung gigantischer Eismassen an den Polen. Aber in den Alpen sehen wir hier und jetzt, wenn das Eis weg ist und trostlose Geröllhalden zum Vorschein gekommen sind. Seitdem vielerorts von Gletschern auch als «Fieberthermometer» des Planeten die Rede ist, zeichnet sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für das vermeintlich ewige Eis ab. In der fiktionalen Literatur so stark wie in der Sachliteratur. Und ganz einfach auch in einer Bildlegende, wie zu einem schwarzweissen Foto im Kapitel «Niedergang des Eises» von Matthias Huss: «Wo früher der Schwarzbachfirn war und über Jahre glaziologische Messungen durchgeführt wurden, blieb nach dem Sommer 2022 nur noch eine Steinwüste und etwas Toteis zurück.»
Es ist noch schlimmer gekommen. Am 1. Oktober 2025 ging folgende Meldung über die Bildschirme: «Drei Prozent weniger Gletschervolumen der Schweizer Gletscher. Das ist die Bilanz des Jahres 2025. Mit dem viertgrössten Schwund seit Messbeginn nahm die Eismasse damit in den letzten zehn Jahren um einen Viertel ab, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (GLAMOS) und die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz berichten.» Präsident von GLAMOS ist Matthias Huss. «Die stetig schwindenden Gletscher tragen dazu bei, dass sich das Gebirge destabilisiert», sagt er. Dies könne zu Ereignissen wie im Lötschental führen, wo im Mai 2025 eine Fels-Eis-Lawine das Dorf Blatten verschüttet habe. Man gehe davon aus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts ein Grossteil unserer Gletscher verschwinden werde und anstatt der Eisriesen nur noch Geröllfelder zu sehen seien.
Die Gletscherlandschaft verändert sich vielerorts rasant. So musste etwa der Betrieb der Eisgrotte am Rhonegletscher im Sommer 2025 eingestellt werden. Denn der Eisblock, der längst vom Gletscher getrennt war und nur noch künstlich mit Tüchern geschützt wurde, ist zu klein und zu dünn geworden. Traurig hängen die Tücher über den letzten Eisresten. Auch andernorts versuchen solche Schutzdecken, das Abschmelzen des Eises zu verhindern. Nochmals Matthias Huss: «In rund zehn verschiedenen Schweizer Skigebieten wie beim Gurschengletscher auf dem Gemsstock, auf dem Titlis oder in Zermatt managt man das Abschmelzen der Gletscher mit Vliesabdeckungen». Dennoch könnten die Gletscher der Schweiz unmöglich mit technischen Massnahmen, sondern nur durch wirksamen, weltweiten Klimaschutz noch zum Teil gerettet werden. Nicht gerettet, sondern noch.

Passend zur glaziologischen Schreckensmeldung erschien der von vier Gletscherwissenschaftlern verfasste Bildband «Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise» mit so trefflichen wie tristen Fotos. Wunderbar leuchten Geröll und Stein auf den Panoramafotos von Andreas Wipf, und dort, wo es noch Schnee und Eis hat, gleisst das Weiss. Aber immer weniger, weil wir – eigentlich bekanntlich – seit Jahrzehnten das Klima aufheizen und die Gletscher überall auf der Welt verschwinden, der kleine Geltengletscher eben so schlimm Grönlands Eisschild. Der Bildband beleuchtet in 25 Kapiteln, wie schnell das scheinbar ewige Eis vom Trient bis Silvretta schmilzt. Und was neu entsteht. Ob uns das gefällt? Nochmals Seraina Kohler:
Erinnerungsspuren verschwinden
unter Saharastaub und geteerten Schatten,
dem Schutt bröselnder Berge.
Föhnrausch. In Kooperation mit «Alpentöne» und dem Urner Institut Kulturen der Alpen. Orte – Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 232, August 2025. Orte-Verlag, Schwellbrunn. Fr. 18.-
Kathrin Schuchmann, Alexander Honold, Boris Previšic (Hg.): Gletscherbersten. schliff Literaturzeitschrift N° 16. edition text+kritik, Köln 2023. € 9,80.
Andreas Wipf, Samuel U. Nussbaumer, Horst Machguth, Heinz J.Zumbühl: Schweizer Gletscherlandschaften im Klimawandel. Eine Panorama-Zeitreise. Haupt Verlag, Bern 2025. Fr. 48.- Buchvernissage am 13. November 2025 um 19.00 Uhr im Atelier 14B bei der Buchhandlung Haupt am Falkenplatz in Bern. Eintritt frei inkl. Apéro. https://hauptbuchhandlung.ch/kurse-events/13.11.2025-Schweizer-Gletscherlandschaften-im-Klimawandel

