Mitfahren und mitlesen in die Ferienecke der Schweiz. Autolust und -frust zwischen Maienfeld und Poschiavo, Müstair und Sedrun.
«Berninapasshöhe, 3. Juli 1927. Neben dem Hospiz hat sich eine Gruppe von Autofahrern und Autofahrerinnen zum Gruppenfoto versammelt. Es herrscht Freude, denn seit zwei Tagen ist Autofahren über den Berninapass ins Puschlav erlaubt. Bereits 1925 war das berüchtigte Bündner Autoverbot gefallen. Im Puschlav dauerte es zwar etwas länger, weil der Initiativtext von 1925 (vermutlich aus Rücksicht auf die dort verkehrenden Bahnen) die Albula- und die Berninapassstrasse ausgenommen hatte. Nun aber war auch hier die ‹herrliche Zeit des Autofahrens› gekommen, wie sich der Davoser Mechaniker Karl Grüger später erinnerte.»
So startet das herrlich bebilderte Sachbuch «Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025». Die vorangehende Doppelseite zeigt die fröhliche Schar auf dem Berninapass und drei Autos, so einen Chrysler mit Berliner Kennzeichen und das Fahrzeug von Florian Zambail. Der Samedaner Arzt gehörte zu den rund 300 Personen, die im Sommer 1927 im Kanton Graubünden ein Auto besassen. Heute ist der grösste Kanton der Schweiz pro Kopf der Bevölkerung stärker motorisiert als ihr Durchschnitt. «Statistisch entfällt auf jeden Bündner Haushalt mehr als ein Personenwagen. Davon, wie das möglich war, handelt dieses Buch.»
Ein Autobuch als Bergbuch (der Woche)? Ja sicher, denn das Bündnerland ist Bergland und Passland, überzogen mit Saumwegen, Eisenbahnlinien, Strassenkurven, Brücken und Tunnels. Immer ist der Berg im Weg, zum Glück aber auch am Weg. Die Weltkurorte St. Moritz und Davos: Wer würde sie besuchen (und kennen), wenn sie nicht erreichbar wären auf Fuss- und Kutschen-, dann auf Eisen- und schliesslich auch auf Strassenstrecken.
«Da Fälle vorgekommen sind, in denen durch das Befahren der Strassen mit Automobilen, der Post- und der Fahrverkehr überhaupt gefährdet wurde und da solche Fälle sich wiederholen und zu eigentlichen Katastrophen führen könnten, beschliesst der Kleine Rat:
1. Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.
2. Dieser Beschluss wird zu sofortiger Nachachtung öffentlich bekanntgegeben.
Chur, den 17. August 1900. Im Auftrag des hochl. Kleines Rates
Der Kanzleidirektor: G. Fient.»
Dieser Erlass der Bündner Regierung, veröffentlicht im «Amtsblatt des Kantons Graubünden» vom 24. August 1900, blieb trotz heftigem Widerstand und neun Volksabstimmungen bis zum 21. Juni 1925 in Kraft. Erst dann hob eine Mehrheit der stimmberechtigen Männer in der 10. Abstimmung das Autoverbot auf, und der Kanton Graubünden erlaubte das Autofahren (vorerst nur auf den Hauptverkehrsstrassen, und noch ohne Albula- und Berninapass) als letzter Kanton der Schweiz.
In den vergangenen 100 Jahren erlebte Graubünden alle Vorteile, Reize und Herausforderungen dieser Erfindung, die Alltag und Tourismus grundlegend veränderte. Fünf Forscherinnen und Forscher präsentieren die Geschichte des motorisierten Verkehrs in Graubünden in ihrer ganzen Spannbreite. Christoph Maria Merki rast «von Null auf Hundert», Isabelle Fehlmann kurvt durch «Die Landschaft der Strasse», Simon Bundi setzt mit tollen Postkarten und Fotos die Schweinwerfer auf das «Land der Umfahrungen» und „Die Anziehungskraft des Automobils», Kurt Möser schaltet «Die Bündner Automobilgeschichte im internationalen Kontext» und Flurina Graf navigiert souverän durch Mobilitätsporträts von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Kurz: Eine 325seitige, reich illustrierte Geschichte über eine persönliche Maschine, die emotional und verkehrspolitisch nicht wirkmächtiger sein könnte.
1968 notierte Max Frisch in «Tagebuch 1966–1971» unter dem Stichwort «SAN BERNARDINO» ein paar Zeilen: «Siebenmal im Jahr fahren wir diese Strecke, und es tritt jedesmal ein: Daseinslust am Steuer. Das ist eine grosse Landschaft. Vor allem in den Kurven: der Körper erfaßt Landschaft durch Fahrt, Einstimmung wie beim Tanzen.»
Simon Bundi, Isabelle Fehlmann, Flurina Graf, Christoph Maria Merki, Kurt Möser: Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925-2025. Herausgegeben vom Institut für Kulturforschung Graubünden. AS Verlag, Zürich 2025. Fr. 49.-
