Davos

«Stadt des Leidens» nennt eine Dichterin das Dorf Davos, in dem die Mächtigen und Möchtegerne der Welt dieser Tage in warmen Räumen zusammensitzen und schwatzen und speisen und angeblich das Leiden der Welt etwas mildern wollen. Vom Leiden, aber vor allem auch von den Freuden des Davoser Winters berichten Dichter und Dichterinnen und in unvergesslichen Bildern festgehalten hat sie der wohl berühmteste Wahl-Davoser Ernst Ludwig Kirchner.

„Perhaps the true way to toboggan is alone and at night. (…) This, in an atmosphere fighting with forty degrees of frost, in a night made luminous with stars and snow, and girt with strange white mountains, teaches the pulse an unaccustomed tune, and adds a new excitement to the life of man upon his planet.“

Ob all die Very Important Persons, die von heute Mittwoch bis Sonntag am 43. Weltwirtschaftsforum in Davos Wege suchen, um Wachstum und Widerstandsfähigkeit zu generieren, auch mal Zeit für eine nächtliche Schlittelfahrt finden werden, auf den Spuren des schottischen Romanciers Robert Louis Stevenson, der im Winter 1881-82 in Davos weilte? Wohl kaum. Dabei würde sich das diesjährige WEF-Motto „widerstandsfähige Dynamik“ eigentlich ganz gut für eine rasante Fahrt eignen. Bereits Ende der 1870er Jahre hatte der Journalist und Historiker John Addington Symonds, der in Davos seine kranke Lunge kurierte, die Faszination des Schlittelns als Zeitvertreib entdeckt. Auf der Strecke zwischen Davos und Klosters organisierte er Wettkämpfe, 1883 gründete er den Davos Tobogganing Club. Aber vielleicht finden Cameron & Co. ein paar freie Minuten für eine Schlittenfahrt:

„In weniger als einer Viertelstunde waren sie unterwegs, und Bernardine lehnte sich behaglich zurück, um ihre erste Schlittenfahrt in vollen Zügen zu geniessen. Es war alles so neu für sie. Die rasche Fahrt durch die frische Gebirgsluft, ohne ein Gefühl der Bewegung, das schläfrige Klingeln der Glocken auf den Pferdeköpfen, das geräuschlose Durchschneiden der verschneiten Strassen.“

Ob David den 1893 publizierten Davos-Roman „Ships that pass in the night“ von Beatrice Harraden kennt? Wohl kaum. „Schiffe, die nachts sich begegnen“ (1895) erzählt von Herzensangelegenheiten in der „Stadt des Leidens“ mit ihren Kurgästen, Bediensteten und Einheimischen. Die Heldin Bernardine genest in Petershof alias Davos, wird aber in London von einem Lastwagen überfahren. So ein trauriges Schicksal passiert einem nicht beim Winterwandern ausserhalb der Stadt Davos:

„Wie einsam der Seeweg des Abends ist! Kaum ein Laut. Kaum ein Rascheln im Gebüsch. Wie schwarz die Tannen und wie unergründlich der See! Nun geht der Pfad bergab und wird schmal. Die kleinen Wellen spülen mir fast an die Füße. Es klingt wie ein leises Weinen. Oder ist es ein Locken und Rufen? Hörst Du, wie das Schilf flüstert? Ja, es ruft, es ruft. Kommst Du? Komm‘ doch, komm‘! – Soll ich?
Mich braucht ja doch niemand!“

Ob jemand die Hauptfigur in der Erzählung „Das große stille Leuchten“ von Elisabeth Franke-Loofs, 1912 im Orient Verlag erschienen, von ihrem Leiden gerettet hat? Wir hoffen es. Vielleicht ein anderer einsamer Wanderer, der Lunge und Seele in Davos kuren wollte.

Und nun lassen wir all die Mächtigen während fünf Tagen die Welt retten, oder über Rezepte dazu diskutieren. Wenn das Kur- und Sportleben wieder in seinen gewohnten Gang zurückgefunden hat, begeben wir uns auf die Spuren einer VIP, die zwanzig Jahre lang, von 1918 bis 1938, in Davos lebte und arbeitete: Ernst Ludwig Kirchner. An keinem Ort hielt sich der deutsche Künstler länger auf, keiner bot ihm mehr Inspiration und Grund zum Verweilen und Schaffen. Wir begegnen ihm natürlich drinnen im Kirchner-Museum. Und draussen, auf der Stafelalp, im alten Walserhaus In den Lärchen, auf dem Wildboden am Eingang zum Sertigtal. Eine neue, handliche, schön gemachte Publikation erzählt von Kirchners Aufenthalt in der Landschaft Davos; zeigt Bilder, die er malte; Häuser, in denen er wohnte; Leute, denen er begegnete. Vier Wanderrouten führen zu seinen Lebens- und Wirkungsstätten, drei davon können laut beiliegender Karte auch im Winter unternommen werden. Ich schlage den Weg von Frauenkirch auf die Stafelalp vor; dann könnte man bei der Rückkehr in den Talboden vielleicht sogar schlitteln. Allerdings ist diese Route nur ein Winterwanderweg und keine Schlittelbahn. Aber alleine in der Nacht…

Auf den Spuren von Kirchner in Davos. Kirchner Museum, Davos 2012. Broschüre mit Karte, Fr. 28.-

Ein Kommentar to “Davos”

  1. Urs Attinger sagt:

    Bilder von Ernst Ludwig Kirchner gibt es nicht nur in Davos zu sehen, sondern auch im Kunstmuseum Chur. Neben Kirchner sind noch andere Künstler mit Bündner Wurzeln zu sehen: Natürlich Giovanni Segantini, die Familie Giaccometti und auch Cuno Amiet.
    Neben der Sammlung werden immer auch aktuelle Ausstellungen gezeigt.

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