Der Berg ruft – mehrmals

Der Berg ruft – die Echos sind im Gasometer Oberhausen und im Alpinen Museum Bern zu hören und zu sehen.

«Bei Tagesanbruch setzten wir uns in Bewegung und begannen, den südwestlichen Grat zu ersteigen. Von einem Schlendern mit den Händen in den Taschen war keine Rede mehr; jeder Schritt war ein richtiges Klettern. Zum Glück war es ein höchst angenehmes Steigen. Die Steine lagen fest und waren nicht mit Geröll bedeckt. Die Spalten waren gut, wenn auch nicht zahlreich, und kamen wir in Gefahr, so verschuldeten wir sie selbst. So dachten wir wenigstens und riefen laut, um das Echo der Felsen zu wecken. Wir bekamen keine Antwort, das heißt jetzt nicht. Warten wir ein Weilchen und dann, da hier alles den großartigsten Maßstab hat, zählen wir ein Dutzend und hören von den Mauern der Dent d’Hérens, die stundenweit entfernt ist, Echos in reinen, sanften und musikalischen Tonwellen zu uns dringen.»

Es ist der 29. August 1861, Edward Whymper macht seinen ersten Versuch am Matterhorn, zusammen mit einem unbekannten Führer aus dem Berner Oberland. Die Nacht haben sie auf dem Col de Lion verbracht. Sie hatten ein Zelt dabei, aber es liess sich wegen des starken Windes nicht aufstellen; wenigstens konnten sie sich ins Zelttuch einhüllen. Es war die erste Nacht, die Alpinisten am Matterhorn (4478 m) verbrachten. Und es war der insgesamt achte Versuch, den unübersehbaren Berg auf dem italienisch-schweizerischen Grenzkamm zu besteigen, der damals die besten Alpinisten auf den Platz rief. Whymper und sein Führer kommen an diesem Donnerstag bis auf 3800 Meter am Liongrat. Der Engländer wird sieben weitere Versuche unternehmen, bis dann am 14. Juli 1865 endlich die Besteigung gelingt. Ein Triumph, der – wir wissen es – in einer Tragödie endete, mit dem Absturz von vier der sieben Erstbesteigern.

Seither steht das Matterhorn im Zentrum. In mannigfacher Hinsicht. Und es tut dies zur Zeit auch an einem Ort, wo die Berge höchstens gut 100 Meter hoch sind. Im Ruhrgebiet nämlich, genauer im Gasometer Oberhausen, einem einzigartigen Industriedenkmal, das in 118 Metern über dem Boden gipfelt. In dieser höchsten Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas hängt das Matterhorn kopfüber im 100 Meter hohen Luftraum des Gasometers, als monumentale Skulptur, die mittels 3D-Technik im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten beleuchtet wird. Die Skulptur spiegelt sich im Fussboden der Manege, so dass man den Berg der Berge doppelt sieht – sozusagen als visuelles Echo. Unvergesslich! „Der Berg ruft“ heisst die Ausstellung, die noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen ist.

Dem Matterhorn begegnet man im Gasometer natürlich auch sonst immer wieder. Dort eine Foto, da das berühmte Gemälde vom Absturz, dort der Pickel von Whymper, hier ein Stück Gipfelfels, den man berühren darf; nicht ganz zufällig hat er die Form des Gipfelaufbaus! Im Erdgeschoss und im ersten Stock besteht die Ausstellung vor allem aus grossen und grossartigen Fotos, die viele und schöne Geschichten erzählen. Was jedoch fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung zum Thema: Wintersport und Klimawandel werden kaum gezeigt, und schon gar nicht ihre unschönen Seiten. Schliesslich ruft der Berg nicht nur, er kommt auch.

„Es war unsere Lieblingsunterhaltung, durch laute Rufe dieses Echo zu wecken, das nach etwa 12 Sekunden jeden scharfen Schrei mehrmals sehr deutlich wiedergab“, erzählt Whymper in seinem berühmten Buch „Berg- und Gletscherfahrten in den Alpen, in den Jahren 1860 bis 1869“. Darin beschäftigt er sich immer wieder mit dem Echo. Er hätte also grosse Freude an der neuen Ausstellung im Alpinen Museum in Bern, die zusammen mit dem Musiker und Stimmkünstler Christian Zehnder entstanden ist: „Echo. Der Berg ruft zurück.“ Im Zentrum stehen sieben Echo-Aufnahmen aus verschiedenen Regionen der Schweiz. Mit einem hochsensiblen Kunstkopf-Mikrofon zeichnete Zehnder seine Jutze und Jodel so auf, dass sie ein dreidimensionales Hörerlebnis vermitteln. „Echo“ war aber immer weit mehr als das unterhaltsame akustische Phänomen, das im 19. Jahrhundert mit dem Einsatz von Echo-Kanonen touristisch vermarktet wurde. «Echo» steht auch für unser aller Bedürfnis nach Resonanz: Wir rufen – und freuen uns auf den Rückruf. Von der Lorrainebrücke in Bern, dem Jodlerclub „Echo von Niedergösgen“ und der Dent d’Hérens. Ho-la-re-di-ho…

Der Berg ruft. Herausgegeben von Peter Pachnicke. Klartext Verlag, Essen 2018; € 20.- in der gleichnamigen Ausstellung im Gasometer Oberhausen; bis 27. Oktober 2019.

Echo. Der Berg ruft zurück. Ausstellung im Alpinen Museum der Schweiz, Bern, Biwak #24; bis 27. Oktober 2019. Vielfältiges Veranstaltungsprogramm, das heute Mittwoch mit einem Jodelspaziergang durch Bern beginnt. www.alpinesmuseum.ch/de/veranstaltungen

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