Die Alp und der Prinz

Eine Alp ist eine Alp ist eine Alp. Es gibt keinen Grund, das Banale zu leugnen. Ausser man wird eines Besseren belehrt.

© Annette Frommherz

Ein Prinz mehr auf dieser Welt. Noch weiss George nichts von der grossen Welt, von Tälern und Bergen. Er kennt die Obere Walalp nicht, am Fusse des Stockhorns, wo sich Kühe und Gemsen gute Nacht sagen, wenn es langsam dunkelt. Und morgens streichelt die Nacht gutmütig den Tag und lässt die Schatten wandern.
Orange leuchtende Kapuziner suchen sich ihren Weg vom Hüttenfenster hinauf zum Vordach, entlang der Regenzinne. Das Radio steht stumm auf zwei Nägeln, die aus der Hüttenwand ragen. Käsetücher flattern im Sommerwind. Als Bühnenbild im Hintergrund der Flecken Schnee, der übrig blieb vom langen Winter. Falsche Versprechungen vom Abendrot, das ferne blieb und sich erst am nächsten Abend trauen wird. Wie tote Hände hängen die grünen Plastikhandschuhe neben dem Kupferkessel, beleuchtet von der Neonröhre, die sich kalt an der Decke räkelt. Das Buch ‚Vom Ende einer Geschichte‘ wird draussen zwischen Schafgarben und Kuhfladen gelesen. Nichts lenkt ab. Nur das Klatschen, wenn die Rossbremsen plagen.
Glockenblumen baumeln, Margeriten wuchern masslos auf den Weiden. Die Trampelpfade der Kühe weisen den Weg ins Nirgendwo. Gockel und Hühner eilen zum Futtertrog der Ferkel, wo Salatblätter serviert werden. Das Gemüt legt sich in die Alpenwiesen und döst in den Nachmittag, bis die letzten Sonnenstrahlen schmeicheln. Im Kopf öffnen sich die Grenzen, Gedanken bahnen sich vorsichtig den Weg hinaus in die Freiheit. Chömed, Chueli, chööömed! Die Rufe am Berg gehen in einen Singsang über. In die Rufe stimmt das Glockengeläut ein, das sich nähert und die Herde ankündigt.
Nachdenken geht von alleine. Allem nachhängen, was erst hier oben möglich wird. Sinn und Unsinn, Vergessenes und Unmögliches, Entscheidendes und Verdrängtes. Applaus! Beifall! Die Entschleunigung wirkt im Verborgenen.

Hier auf der Alp finden sich die Genügsamen, die Arbeitswilligen und Zivilisationsmüden. Hier oben ruft man nichts unerwidert. Auf jeden Jodel folgt eine Antwort. Kuhschwänze peitschen ins Gesicht. Fladen spritzen die Hosen fleckig. Die Milch schwappt über den Kesselrand und ist gelber als aus der Packung. Auf die Arbeit folgt der Heisshunger. Am Tisch unter dem Vordach wird aus den Schüsseln geangelt, wird kauend berichtet und aus dem Tag ein wichtiger gemacht. Unterdessen behält das Schicksal alles im Auge. In der Seele wird bewahrt, was der Erinnerung entgehen könnte.
Wer wird dem Prinzen je davon erzählen?

www.walalp.ch

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