Die grosse Welt kommt in die Berge

Ein schönes Buch zur schönsten Ferienregion der Welt. Letzteres fanden jedenfalls viele Touristen und Alpinisten, als sie das Berner Oberland als «Playground of the World» entdeckten.

«There was the magnificent group of the great Oberland peaks, beginning with the Finsteraarhorn almost within touch und with the Eiger and the Schreckhorn parting it in the centre by a Royal Gateway through which a glimpse of the quiet chalets and meadows of Grindelwald could be caught. (…) One missed the beautiful Weisshorn, hidden as it was behind the huge mass of the Aletschhorn; but one cannot have everything in this world, and what we had then before us was more than worth the journey out from England to see.»

Richtig! Man kann nicht alles haben in dieser Welt. Aber schon einiges. Besonders wenn frau so zäh und entdeckungsfreudig ist wie die Engländerin Margaret Anne Jackson (1843–1906), die im Januar 1888 ein paar mutige und fürchterlich kalte Wintererstbesteigungen mit den Führern Ulrich Almer, Emil Boss und Johann Kaufmann rund um Grindelwald unternahm und bei der Überschreitung der Jungfrau böse Erfrierungen erlitt. Kein Wort davon aber in ihrem Bericht voller Wärme und Witz; «A Winter Quartette» erschien im Februar-Heft 1889 des «Alpine Journal» unter dem Namen «Mrs. E. P. Jackson» – Edward Patton war der 1881 verstorbene Ehemann von Margaret Anne. Schlimmer noch: Auch bei all ihren Ersttouren heisst es in den SAC-Führern bis heute «Mrs. E. P. Jackson». Am 11. Januar 1888 also bewunderte sie vom Grossen Fiescherhorn (4049 m) die Aussicht auf die grossen Berner Oberländer Berge. Das macht sie auch am Ende des Kapitels «Von Meyer zu Heckmair, von Studer zu Steck. Der Bergsport im Berner Oberland». Es ist abgedruckt in dem vor einer Woche in Spiez präsentierten Buch «Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland»; es geht auf die gleichnamige, im letzten Jahr von der Stiftung Schloss Spiez veranstaltete Tagung zurück.

Acht Kapitel beleuchten aus unterschiedlicher Perspektive, wie der heute wichtigste Wirtschaftszweig das Berner Oberland in Beschlag nahm. Aurélie Luther lotet die geistesgeschichtlichen Ursachen aus. Fred Kaspar taucht in die Geschichte des Bädertourismus ein. Hans-Ulrich Schiedt reist zuerst zu Fuss und allein, dann zu Pferd, per Schiff und mit immer mehr Gästen nach Thun und Interlaken. Quirinus Reichen rattert mit Bahnen zuletzt aufs Brienzer Rothorn und gegen die Jungfrau hoch. Roland Flückiger-Seiler logiert anfänglich in der «little châlet inn», bald aber schon im «Royal Hotel Winter Palace» und gerne auch im «Grand Hotel Spiezerhof». Daniel Anker klettert mit Büchern, die für den alpinen Tourismus entscheidend waren, auf den Eiger und darüber hinaus. Und Laurent Tissot, der Grandseigneur der Tourismusgeschichte, heftet sich auf die Spuren von Jemima Morrell, die 1863 mit der legendären ersten organisierten Schweizerreise des noch legendäreren Thomas Cook das Berner Oberland besuchte; mehr dazu unter https://bergliteratur.ch/miss-jemima/ – und mehr zu Cook aktuell in den News. Ja, in diesen Tagen und kommenden Monaten haben einige Touristen und Tourismusleute keine so sonnigen Aussicht wie weiland Margaret Anne Jackson auf dem Grossen Fiescherhorn.

Die grosse Welt kommt in die Berge. Die Entstehung des Tourismus im Berner Oberland. Herausgegeben von Annelies Hüssy und Quirinus Reichen. Sonderausgabe der Berner Zeitschrift für Geschichte in Kooperation mit der Stiftung Schloss Spiez. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2019, Fr. 39.-

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