Die Kunst der Panoramakarte

Die Panoramakarte kennt man aus Ski- und Wanderferien. Ein neuer Bildband zeigt ausführlich Beispiele, leider nicht aus den ganzen Alpen. Und ohne illustrierte Geschichte dieser ganz besonderen Ansicht der Berge.

„Panoramen haben nicht die Aufgabe, Natur und Landschaft möglichst exakt abzubilden. Sie dürfen, nein, sie müssen betonen, überhöhen, verzerren, vielleicht sogar weglassen. Nur so schaffen sie es, im Betrachter Empfindungen zu wecken. Und ein Gefühl für die Landschaft, der er sich gegenüber steht.“

Schreibt Tom Dauer in der Einleitung zu einem ganz besonderen Alpenbuch. „Die Kunst der Panoramakarte“ heisst, und darum geht es: um Panoramakarten. Nicht um Panoramen, die man normalerweise meint; also um das möglichst exakte Abbilden eines Landschaftausschnittes, eines Horizontes oder einer Aussicht, mit dem Stift oder mit der Kamera, meistens horizontal, mit Bezeichnung der Gipfel und Örtlichkeiten, die bei guten Verhältnissen sichtbar sind. Nein, Panoramakarten haben einen anderen Zweck und sehen anders aus. Die Panoramakarte ist laut Duden eine „meist als Werbemittel für Touristikgebiete hergestellte (Land)karte, auf der der ganze Horizont oder ein Teil davon in vereinfachter, bildhafter Form dargestellt wird“. Eine ganz eigenständige Mischung von topographischer Karte und Ansichtszeichnung, die nicht der Wirklichkeit entsprechen muss. Sondern eine eigene Realität schafft, in der sich die Benützer am gäbigsten zurecht finden können. Auf einer Panoramakarte können die Liftanlagen und Einkehrmöglichkeiten, die Pisten und Wanderwege gut und übersichtlich eingezeichnet werden; auch diejenigen, die eigentlich hinter einem Berg versteckt sind – der Zeichner kann ja den Berg etwas drehen…

Die ersten sogenannten Panoramakarten tauchten in der Zwischenkriegszeit auf, als das Skifahren modern wurde. Und es gibt sie immer noch, in Prospekten und Flyern, auf grossen Tafeln bei den Seilbahnstationen sowie zum Downloaden als PDF. Der Österreicher Heinrich C. Berann (1915–1999) gilt, so Tom Dauer in seinem Essay, „als Begründer der modernen Panoramamalerei und bis heute als unerreichter Meisters seines Fachs“. Mit –––BERANN––– signierte er seine Werke. Auch das Atelier Pierre Novat schuf unzählige Panoramakarten.

Der Band präsentiert 90 Panoramakarten von den 1950er-Jahren bis heute aus vielen Alpenregionen. Das Schwergewicht liegt auf den Dolomiten. Andere Alpenregionen wurden nur spärlich oder leider gar nicht berücksichtigt. Die östlichsten Berge Österreichs (Rax), die Slowenischen (Maribor) und Cottischen (Sestriere) Alpen fehlen, ja sogar die Walliser Alpen. Dabei ist das Gebiet zwischen Zermatt und Cervinia doch ziemlich gross und gut zum Skifahren, ein paar bekannte Gipfel stehen dort auch, und es wäre interessant zu sehen, wie es dem Panoramazeichner gelingt, alle Bahnen, Pisten und Berge zwischen dem Unterrothorn und den Cimes Blanches ob Valtournenche auf einem Blatt Papier zu arrangieren. Was auch fehlt, ist eine illustrierte Geschichte dieser besonderen Karten; denn Panoramakarten sind eigentlich eine Fortsetzung alter Karten, auf denen vor allem die Berge als solche, also dreidimensional, gezeichnet wurden, und nicht mit Schraffuren oder Höhenlinien.

Freuen wir uns aber an den ins Buch aufgenommenen Panoramakarten. Faszinierende Winterdarstellungen, in denen die spezielle Topografie der Landschaft durch den Schnee besonders hervorgehoben wird, stehen neben nicht minder detailreichen Sommerkarten. Und dann gibt es noch solche, die uns leise verunsichern. Auf derjenigen vom Beatenberg wird die Wetterlatte zum Morgenberghorn, die nicht gezeichneten Gipfel hinter den Berner Hochalpen sind mit der bündnerischen Plattagruppe angeschrieben, und der Eiger ist zum Viertausender mit dem Namen „Jungfrau“ gewachsen. Die Panoramakarte vom Crêt de la Neige, dem höchsten Gipfel des Jura, hat den Neuenburgersee zum Lac de Joux verkleinert, und die erste Stadt Frankreichs an der Rhone heisst nicht mehr Bellegarde, sondern Bellevue – mais pourquoi pas?

Alpen – Die Kunst der Panoramakarte. Mit einem Essay von Tom Dauer. Prestel Verlag, München 2019, € 40.-

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