Die Reuss

Der letzte Bildband über die Reuss, diesen urhelvetischen Fluss, erschien 1973. Schön, dass nun ein neuer vorliegt.

«Erhitzt von der Wanderung wage ich es, ins kalte Wasser einzutauchen. Eine Gletscherzunge ragt am anderen Ende des Sees ins Wasser, was der Szene ihren besonderen Reiz gibt. Ich bin allein; der Selbstauslöser der Kamera macht ein Bild von mir, dem See und dem Gletscher. Jahre später, unterdessen mit dem Schreiben dieses Buches beschäftigt, wird mir klar, dass ich damals in der Quelle der Reuss gebadet habe. Oder genauer, in einem von mehreren Quellseen des Flusses. Doch nur hier, im Witenwasserental, fliesst die Reuss direkt aus dem Gletschereis.»

Was für ein Einstieg ins Buch – und ins Wasser natürlich auch! Mehr noch: Mit dem Selbstauslöserbild des Autors beginnt «Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte». Nackt schreitet der Historiker und Wasserfachmann Jean-Daniel Blanc auf dem querformatigen Foto in den eiskalten Quellsee dieser Reuss. Auf der nächsten Seite gleich nochmals ein querformatiges Foto, wieder mit einem Gletschersee der Witenwasserenreuss, rechts davon das erste Kapitel mit dem Titel «Reusswasser aus vielen Gletschern» und mit dem oben zitierten Vorspann.

So frisch werden alle elf Kapitel eingeleitet, immer mit querformatigen Fotos des Autors und einem Vorspann, der gleichzeitig als Bildlegende dient. So sieht man beispielsweise im Kapitel «Grenzen, Kriege und immer mehr Brücken» aus der Untersicht eine Betonbrücke, die wir eigentlich alle kennen: «Die unzähligen Zugpassagiere, die täglich über die Brücke fahren, nehmen kaum Notiz von ihr, genauso wenig wie von der Reuss in der Tiefe.» Es ist das Eisenbahnviadukt von Mellingen auf der Strecke Olten-Lenzburg-Zürich. Oder zum Blick von der Halbinsel Isleten auf den Urner See und seine hohen Berge an einem sommerlichen Samstagabend notierte der Reuss-Fachmann: «Eine Idylle, aber vermutlich nicht mehr lang. Auch der Zeltplatz auf der grossen Wiese ist nur provisorisch. Werden hier bald Hotels stehen, Apartmenthäuser? Geniessen wir den Moment!»

Machen wir mit diesem vielfältigen, reichhaltig illustrierten Buch über den 164 Kilometer langen Fluss mitten in der Schweiz, der im Gotthard-Massiv beginnt und im Wasserschloss bei Brugg in die Aare mündet. Die Reuss, nach Rhein, Aare und Rhone der viertlängste Fluss der Schweiz, fliesst durch (oder entlang) sechs Kantone, mal abgesehen von Schwyz und Nidwalden, die am Vierwaldstättersee liegen. Fünf dieser sechs Kantone haben die Farbe Blau im Wappen. Blau wie der Himmel auf dem ersten Foto des Buches «Die Reuss».

Jean-Daniel Blanc: Die Reuss. In der Mitte der Schweiz und ihrer Geschichte. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2025. Fr. 44.-

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert