Annemarie Schwarzenbach: Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge

Annemarie Schwarzenbach: Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge. Herausgegeben und mit einem Essay versehen von Robert Steiner und Emil Zopfi. 280 Seiten, mit Fotos von Lorenz Saladin. Fr. 35.–. Erscheint im August 2007 im Lenos Verlag, Basel.

saladinportraitAnnemarie Schwarzenbach: Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge. Herausgegeben und mit einem Essay versehen von Robert Steiner und Emil Zopfi. 280 Seiten, mit Fotos von Lorenz Saladin. Fr. 35.–.Lenos Verlag, Basel 2007.

Im September 1936 verbreitete die kommunistische Parteizeitung «Freiheit» die Nachricht, der Schweizer Alpinist Lorenz Saladin sei auf dem Abstieg vom Khan Tengri im Tien Schan ums Leben gekommen. Saladin war einer der erfolgreichsten Schweizer Expeditionsbergsteiger der Dreissigerjahre, im Kaukasus und im Pamir waren ihm Erstbesteigungen gelungen, bevor er 1936 mit einer russischen Expedition zu seinem Schicksalsberg aufbrach. «Er war von einer Idee getragen, von einem Inhalt erfüllt – von der Leidenschaft zu den Bergen», schrieb die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in ihrem Buch «Lorenz Saladin, ein Leben für die Berge», das zwei Jahre nach seinem Tod erschien.

Alpinist und Kommunist aus Idealismus

Lorenz Saladin kam 1896 in Nuglar im Schwarzbubenland zur Welt. Nach der Scheidung der Eltern kam er in ein Heim, lief aus einer Metzger- und einer Bandweberlehre davon, arbeitete in Sägereien, leistete im ersten Weltkrieg Militärdienst, betrieb mit einem Partner ein Sanitärmonteurgeschäft und begab sich schliesslich auf eine Wanderschaft durch Europa, Südamerika und die Vereinigten Staaten. «Alles war zu eng für mich», schrieb er, bis er zu seiner Passion fand, dem Erforschen ferner Gebirge.
Dass Saladin hierzulande in Vergessenheit geraten ist, hat auch mit seiner politischen Haltung zu tun. Max Oechslin, Redaktor der «Alpen», bezeichnete ihn in einem Nachruf als Kommunist «aus Idealismus, wie Romain Rolland». Oft habe man «den unvergesslichen Kameraden» nicht verstanden, «bloss seiner Gesinnung wegen zu Unrecht», schreibt die Sektion Lucendro des SAC, deren Mitglied er war. Russischen Alpinisten ist sein Name jedoch heute noch geläufig. Ein 6280 Meter hoher Vorgipfel des Kahn Tengri heisst «Pik Saladin».
Die Expedition zum Khan Tengri war vom sowjetischen Gewerkschaftsverband finanziert, vier der führenden Bergsteiger der Sowjetunion waren dabei, darunter Witali und Ewgeni Abalakow, die bedeutendsten Pioniere des russischen Alpinismus. Allerdings waren sie schlecht ausgerüstet, kaum akklimatisiert und wurden durch die Bürokratie aufgehalten. Der Anmarsch mit Pferden über den 70 Kilometer langen Iniltschek-Gletscher war schwierig und kraftraubend. Erst im September erreichten sie den Berg – viel zu spät im Jahr für den nördlichsten und kältesten Siebentausender der Erde. Trotzdem schafften sie am 5. September 1936 die Drittbesteigung des 7010 Meter hohen Gipfels. Sturm zog auf, der Abstieg über den schwierigen Westgrat wurde zum Leidensweg. Ohne Ausrüstung biwakierten die fünf in einer Schneehöhle, einer stürzte schwer in den verschneiten Felsen. Fast alle trugen Erfrierungen davon. Auf dem Rückmarsch starb Saladin auf dem Rücken eines Pferdes, wahrscheinlich an einer Blutvergiftung. Er hatte seine erfrorene Ferse mit einem Messer aufgeschnitten. Nachkommen glauben heute noch, er sei umgebracht worden.
In der Schweiz ging das Gerücht, er habe für die Sowjets spioniert. Die Expedition war im verbotenen Grenzland zu China unterwegs. Saladin fotografierte Berge und Gletscher, Kletterer in Aktion, Standlager und Biwaks, aber auch kirgisische Nomaden mit ihren vielen Kindern, ihren Jurten und Pferdeherden. Also nichts von strategischer Bedeutung.

«Einfacher Bursche» und reiche Tochter

Annemarie Schwarzenbach war eine Sympathisantin der Linken, obwohl sie aus einer der reichsten Familien des Landes stammte. Ihr Vater war Seidenindustrieller, ihre Mutter eine Tochter von General Ulrich Wille. Annemarie pflegte enge Beziehungen zu Thomas Manns Kindern Erika und Klaus. In ihrer moralisch freizügigen Umgebung fand sie eine Gegenwelt zur ihrer bürgerlich-konservativen Herkunft. Trotz ihrer Intelligenz, ihrer legendären Schönheit und ihrer materiellen Unabhängigkeit war sie von Selbstzweifeln zerrissen und von einer unstillbaren Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit getrieben. Ihre Reisen im eigenen Auto durch Europa, Asien und die USA waren oft eine Flucht aus tiefster Traurigkeit; sie flüchtet in die Drogensucht, in den Alkohol und unternahm Selbstmordversuche.
Saladins Expeditionsfotos weckten ihr Interesse. «Menschliche Dokumente allerersten Ranges», urteilte die erfahrene Fotografin. Dass ein «einfacher Bursche» ohne Ausbildung zu solch künstlerischem Ausdruck fähig war, faszinierte sie. Die Fotos dienten ihr nebst intensiver Recherche zur Rekonstruktion seiner Expeditionen, was ihr mit erstaunlicher Einfühlungsgabe und Sachkenntnis gelang, obwohl sie keine Bergsteigerin war. Saladins Charakter beschreibt sie als eigentliches Gegenbild zu sich selbst. Ihn schienen keine Ängste zu plagen, keine abgrundtiefe Traurigkeit: «Es finden sich in seinen kargen Notizen und wenigen Briefen keine Stellen, die Zweifel oder Unsicherheit über Wert oder Erfolg seiner kühnen Unternehmungen ausdrücken. Schwierigkeiten bedeuten ihm wenig, Geduldsproben und Enttäuschungen ertrug er leicht. Diese Festigkeit und Ruhe gegenüber äusseren Ereignissen war ein Merkmal von Saladins Charakter».
In Moskau traf sie seine russischen Expeditionskollegen und brachte seine Fotos in die Schweiz. Ihre Biografie Lorenz Saladins wurde ein Bestseller, geriet aber in Vergessenheit wie auch die Autorin, die erst in jüngster Zeit wieder entdeckt worden ist. Zu ihrem hundertsten Geburtstag legt der Basler Lenos-Verlag das Buch neu auf, ergänzt mit einem aktuellen Essay, das alpinistische, literarische und politische Hintergründe beleuchtet.

Stalins Terror gegen Alpinisten

Das Manuskript beendete sie im Sommer 1938 während eines Drogenentzugs. Heute wissen wir, dass kurz zuvor Saladins bester Freund, der russische Alpinist und Musiker Georgi Charlampiew, hingerichtet worden war. Zwei Expeditionskollegen kamen ins Straflager, einer verschwand für immer. Stalins Terror entlud sich voll auf die russische Bergsteigerelite. Man warf ihnen «Spionage» vor. Charlampiew wurden seine Kontakte mit Schwarzenbach, Saladin und anderen Alpinisten aus dem Westen zum Verhängnis. Witali Abalakow überlebte das Straflager, Ewgeni kam 1949 bei einem Gasunfall ums Leben. Der englische Geheimdienst habe ihn ermordet, um zu verhindern, dass er als erster den Everest besteige, behauptet sein Sohn.
Unsere Nachforschungen zu Lorenz Saladins Schicksal und die literarische Bearbeitung durch Annemarie Schwarzenbach haben viele neue und dramatische Einzelheiten zu Tage gebracht. Einige Geheimnisse bleiben. So bleibt sein Grab verschollen, auf das Ewgeni einen Stein legte, mit Bleistift beschriftet: «Saladin Lenz. Gestorben am 17.09.1936. Die Schrift zu meisseln gelang mir nicht. Schlafe ruhig, Freund! Tragisch ist dein Tod so weit von deiner Heimat und von den Lieben.»

Emil Zopfi

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