Die Gletscher hören nicht auf zu schmelzen. Drei Bücher erzählen eisige Geschichten, ganz nah und weit weg.
«The greatest satisfaction of this expedition was the certainty which we had thus discovered of being able to pass directly from the Gemmi to the Simmenthal. As we took the last step up the snow, all that lovely valley, with its green and sheltering mountains, burst in an instant in our view. (…) We descended to the valley by the Räzli and Amerten glaciers.»
Heute ist es nicht mehr nötig, vom Lämmerejoch (3131 m) bzw. vom nahen Wildstrubel-Westgipfel (3244 m) über Gletscher nach der Lenk abzusteigen. Ja, wenn man sich das Luftbild auf map.geo.admin.ch anschaut, dürfte es gar möglich sein, ganz ohne Eisberührung von der Gemmi ins Simmental hinüberzuwechseln. Klickt man jedoch bei der Zeitreise aufs Jahr 1858, dann ist der Wildstrubel noch ein Eisberg. So erlebten ihn am 11. September 1858 die Engländer Thomas Woodbine Hinchliff und Leslie Stephen mit dem Meiringener Bergführer Melchior Anderegg, alle ganz grosse Figuren des Goldenen Zeitalters des Alpinismus. Hinchliff beschrieb die Pass- und Gipfeltour vom Berghotel Schwarenbach nach der Lenk im ersten Band der ersten bergsportlichen Vereinspublikation, in «Peaks, Passes, and Glaciers. A Series of excursions by members of the Alpine Club» von 1859. Damals galten Passüberschreitungen fast so viel wie Gipfelbesteigungen, möglichst natürlich als erste. Darüber werde ich mich mit dem Passbuch-Autor und -fotograf Marco Volken am Samstag, 9. August 2025, um 19.30 Uhr an der Sommer-Universität Lenk bestimmt unterhalten.
Ganz sicher waren damals Traversierungen leichter, wenn das ewige Eis noch hoch die meistens steilen und gerölligen Flanken verbarg und so ein einfaches Gehen im Schnee – trotz ein paar Spalten – ermöglichte. Tempi passati – und wie! Wie man letzte Woche in den Nachrichten hören und lesen konnte, fand der Gletscherschwundtag 2025 besonders früh statt, nämlich schon am 4. Juli. Das ist jener Zeitpunkt im Jahr, an dem der Schnee, den ein Gletscher im Winter gesammelt hat, wieder weggeschmolzen ist.
«Vom Schmelzen alter Gewissheiten»: So der Titel in «Szene Alpen», dem Themenheft Nr. 112/2025 der Cipra. «Ewiges Eis: Das war ein stehender Begriff in Geographie und Bergliteratur – für die Gletscher genauso wie für die beiden Polargebiete der Erde, die Arktis und die Antarktis. Im Jahr 2025 zeigt sich unwiderruflich, dass wir nur noch von vergangenem und immer vergänglicherem Eis sprechen können.» Bevor nun auch das letzte Eis bachab geht, hier der Hinweis auf drei eisige Bücher.
Der Tessiner Daniele Maini dokumentiert im Bildband «In cammino tra i ghiacciai» eine zweiwöchige Tour aus dem Bergell durch die Bergeller und Bernina Alpen nach Poschiavo, unternommen von mehreren Leuten im Sommer 2022 und aufgenommen von Radiotelevisione svizzera. 13 Etappen, 130 Kilometer, 15000 Meter Aufstieg, 16000 Meter Abstieg, Schwierigkeit T2 bis T6 mit einigen alpinistischen Abschnitten über Gletscher und Grate. Und mit einigen Pässen und Gipfeln; auf der elften Etappe sorgte die Traversierung des Piz Palü für den Höhepunkt der Fussreise durchs italienisch-schweizerische Gebirge. Auf den oft grossformatigen Fotos dominieren Fels und Stein, Eis und Schnee; zuweilen mal Blumen und Gras, und die Spuren der Zivilisation mit Hütten, Strassen, Bahnen. Wer noch Eis unter den Steigeisen knirschen hören will, ist gut beraten, sich in die Welt zwischen Badile und Bernina zu begeben.
Durchgehend Eis fand Aurelia Hölzer vor, die als Ärztin und Co-Leiterin der Polarforschungsstation Neumayer III im Jahr 2022 in der Antarktis überwinterte. Davon erzählt die Deutsche spannend und unterhaltsam in «Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht – 54 Wochen in der Antarktis». Tauschen möchte man nicht unbedingt, jedenfalls nicht im Winter. Doch Begegnungen mit Kaiserpinguinen könnte man sich gut vorstellen, und dass man nach einem Jahr in ihrer Gesellschaft keine Schneemänner, dafür Schneepinguine baut, ebenfalls. Ein Farbfoto zeigt die Autorin, wie sie sich an eine solche Schneefigur lehnt, die linke Hand liegt ohne Schutz auf dem Eis. Es kann dort auch weniger gemütlich sein. Auf jeden Fall eine Lektüre, die für Abkühlung sorgt, wenn uns das nächste Hitzehoch erreicht.
Coolness auch im dritten Buch. Jeannette Stangier-Bors beschreibt in «Eiskalt schwimmen. 30 magische Kaltwasser-Highlights in der Schweiz», wie warm es ihr ums Herz wird, wenn sie in eisige Seen und Flüsse taucht und darin noch schwimmt. Manchmal gar zwischen Eisblöcken, wie auf dem genialen Titelbild. Überhaupt die Fotos, die viel ausmachen, dass man das Buch ganz fasziniert trotz klammer Finger anschaut. Und klammheimlich denkt: Das müsste man bzw. frau schon mal ausprobieren. Die Sport- und Informatiklehrerin an den Schulen in Uster weiss selbstverständlich, worauf es ankommt. Und dass nicht einfach ins kalte Wasser gesprungen werden sollte. 30 Gewässer in der Schweiz (Züribiet und Graubünden je 7, Zentralschweiz 6, Ostschweiz sowie Tessin und Wallis je 5) stellt sie mit allen (wasser-)touristischen Infos genau vor, immer verbunden mit einer Wanderung. Die sich auch ohne eiskaltes Bad unbedingt lohnt, zum Beispiel im Sommer… Das Gries-Seeli am Klausenpass ist gar erst ab Juni beschwimmbar. Der See entstand wegen des Abschmelzens des Claridengletschers; für einmal hat die Klimaerwärmung etwas Gutes – wenn gerne bei maximal 5 Grad gebadet wird.
Baden kann man auch in der Lenk, sogar kalt baden. Zum Beispiel im Rezligletscherseeli. Das gab’s noch nicht, als Hinchliff mit seinen Gefährten nach der Lenk abstieg und glücklich über den gefundenen Übergang von einem Tal ins andere war. Mehr zu Pässen also im Vortrag «Über die Alpen – Grosse und kleine Pässe zu Fuss entdecken» von Marco Volken und im Gespräch dazu mit Daniel Anker im neuen Kulturhaus Lenk, das am Wochenende vom 8. bis 10. August im Rahmen Sommer-Universität Lenk offiziell eröffnet wird: www.kulturlenk.ch/de/sommer-universitaet-aktuell. Nichts wie hin, bevor der letzte Schneefleck am Schneehorn beim Lenkerstrubel verschwunden ist.
Daniele Maini: In cammino tra i ghiacciai. Val Bregaglia – Engadina – Valposchiavo. Fontana edizioni, Pregassona-Lugano 2023. Fr. 50.-
Aurelia Hölzer: Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht – 54 Wochen in der Antarktis. Malik Piper Verlag, München 2024. € 22,00.
Jeannette Stangier-Bors: Eiskalt schwimmen. 30 magische Kaltwasser-Highlights in der Schweiz. AS Verlag, Zürich 2024. Fr. 42.80.
Alle «Bücher der Woche» unter: www.bergliteratur.ch




