Engadin

Wo die Luft wie Champagner perlt – so schildert unser Rezensent die Atmosphäre des Engadins. Bezaubert von den Bildern und Geschichten der zwei vorgestellten Bände, die er im düsteren Bern schlürft, erfrischend als wär’s Champagner. Bald eröffnen zwischen Schuls und Maloja die legalen und illegalen Schnee- und Aprèsskibars – mit den realen Coupes und Cüplis. Schöner als Lesen wäre hinfahren, schreibt er. Nun ja, man kann ja beides.

cover-engadin-st-moritz„Die Stille über dem Morteratschgletscher an diesem Wintertag war geradezu greifbar. Tief im Schnee lagen die klingenden Bäche begraben, ein weisser Mantel deckte die Steine an den Flanken zu und hielt sie zurück. Hoch oben glitzerten die Spitzen von Palü, Bellavista und Bernina, und grün schimmerndes Gletschereis hing in Terrassen von ihnen herab.“

An diesem Tag möchte man im Engadin unterwegs sein, zu Fuss, auf Ski oder Schneeschuhen. Hineingehen in dieses funkelnde Weiss, umhergehen in diesem Hochtal, dessen Luft wie Champagner perlt. Und wo hocken wir an einem solchen Tag? Im Tiefland unten, bedrückt von Nebel und Bergen voll unerledigter Arbeit. Aber wir könnten fliehen, wenn nicht ins Engadin, so wenigstens in ein Buch darüber. Zum Beispiel in dasjenige, aus dem das sonnige Zitat hier stammt. „The Story of an Alpine Winter“ ist ein ziemlich humorvoller Roman zum winterlichen Hotelleben in St. Moritz. Elizabeth Main publizierte ihn 1907 unter dem Namen Mrs. Aubrey Le Blond; so hiess einer ihrer drei Ehemänner. Ab den frühen 1880er Jahre wohnte die Engländerin die meiste Zeit des Jahres im Hotel Kulm in St. Moritz, mehr als zwei Jahrzehnte lang. Sie bestieg grosse Gipfel wie Palü oder Disgrazia erstmals im Winter, machte vom verschneiten Engadin wunderbare Aufnahmen wie später Albert Steiner, drehte 1899 die ersten Filme, engagierte sich im Komitee zur Erstellung des Cresta Run. Als Alpinistin, Sportlerin, Schriftstellerin, Fotografin und Filmerin schrieb Elizabeth Main Geschichte.

Sie war nicht die einzige, die in diesem so besonderen Hochtal Geschichte schrieb. Das Tal selbst tut es. Mit all den Persönlichkeiten, die dort oben lebten, wirkten, arbeiteten, sich erholten, starben. Ein neues Buch veranschaulicht dies aufs Schönste: „Engadin St. Moritz. Ein Tal schreibt Geschichten – A Valley with Stories to Tell“ von Cordula Seger, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, und von Bettina Plattner-Gerber, Hoteliere und Tourismusunternehmerin, beide wohnhaft im Engadin. Ein prachtvolles Werk haben die zwei Frauen da geschaffen, von Anfang bis zur letzten Zeile. 4 mal 10 Menschen aus den letzten 150 Jahren werden porträtiert, spannend angeordnet, geschickt miteinander verbunden. Bergführer und Hotelier, Fotografin und Journalist, Bäuerin und Schuhhändler, Cresta-Runner und Schriftstellerin, Koch und Lebemann, Arzt und Bierbrauer, Einheimische und Gäste, Junge und Alte, Bekannte und Unbekannte: Sie kommen selbst zu Wort, mit ihnen erleben wir das Engadin, facettenreich und höchst lebendig. Und sehen es, denn das Buch von Seger und Plattner-Gerber ist auch ein Bilderbuch: erfrischend wie Champagner reihen sich da Fotos und Gemälde, Plakate und Buchtitel aneinander, passend ausgewählt, präzise verortet. Zahlreiche Illustrationen werden erstmals gezeigt. Anders gesagt: Wir lernen ein Engadin kennen, wie wir es noch nie gesehen haben.

cover-gebrauchsanweisung-fuers-engadinUnd weil uns das Tal beim Palü und Bernina so gut gefällt, greifen wir noch grad nach einer zweiten Publikation. Seit 2005 lebt und arbeitet die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Angelika Overath in Sent im Unterengadin. Über den neuen Familienwohnort hat sie 2010 das wunderbar stimmige Tagebuch „Alle Farben des Schnee“ veröffentlicht. Nun ist in der gut eingeführten Reiseliteratur-Reihe „Gebrauchsanweisung für“ ihr Band zum Engadin erschienen. Von A bis Z stellt die Neo-Senterin ihre neue Heimat vor, weniger mit touristischen Tipps als mit guten Geschichten, auch mal mit Rezepten und Blumenlisten. Das Engadin können wir mit diesem zweiten Buch ebenfalls lesen. Nur schöner wäre: hinfahren.

Cordula Seger, Bettina Plattner-Gerber: Engadin St. Moritz. Ein Tal schreibt Geschichten – A Valley with Stories to Tell. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 58.-

Angelika Overath: Gebrauchsanweisung für das Engadin. Piper Verlag, München/Berlin 2016, Fr. 22.90.

Buchvernissage von „Engadin St. Moritz“ am Dienstag, 15. November 2016, um 18.30 Uhr im Restaurant Baltho Küche & Bar des Hotels Marktgasse an der Marktgasse 17 in 8001 Zürich. Um Anmeldung per Mail an marktgasse@as-verlag.ch wird gebeten.

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