Entschleunigung

Wenn alles ein bisschen gemütlicher und lieblicher vonstatten geht, dann befindet man sich mit ziemlicher Sicherheit im Berner Oberland. Viel zu lange waren wir nicht mehr in dieser Gegend. Wie kann man nur.

© Annette Frommherz

Vortags war ich noch damit beschäftigt, meiner Nichte beim Heiraten beizustehen. Das war in Thun. Dort gabelte ich anderntags meinen Liebsten auf, und zusammen machten wir uns auf den Weg Richtung Kandersteg. Zeitlich waren wir etwas knapp dran; die Talstation der Gondelbahn war, als wir am Schalter eintrafen, bereits auf Feierabend eingestimmt. Kein Problem: Nur für uns fuhr eine letzte Gondel hinauf. Kein unflätiges Wort, kein böser Blick, kein niederträchtiges Raunen wie in Unterländer Gebieten oft gang und gäbe, sondern verständnisvolle Worte in urtümlichem Berner Dialekt. Uns wurde es warm ums Herz.

Am Oeschinensee war der Schönwettertumult des Tages verschwunden und Ruhe am Wasser eingekehrt. Nur zwei junge Abenteurer waren in Sicht- und Winkweite anzutreffen. In der Hetze hatten wir zwar Teller und Besteck im Auto gelassen und auch sonst so einiges vergessen. Aber Risotto direkt aus der Pfanne und von der Kelle zu essen gibt einem ein zusätzliches Gefühl von Freiheit. Überhaupt galt hier oben Entschleunigung als Zauberwort. Am See zu sitzen und hinauf auf das Blüemlisalphorn und die Wilde Frau, das Oeschinen- und das Doldenhorn zu schauen: Das war schon prächtig. Später ins knisternde Feuer schauen und müde werden und sich von Mutter Natur beherbergen lassen.
Aber eigentlich wollte ich ja vom Klettersteig erzählen.

Es mutet dann doch etwas seltsam an: Die Metallstangen, die aus den Felsen ragen. Metall also, auf dem wir am nächsten Morgen stehen und uns ab und an mit den Händen am Drahtseil halten. Das Gestein, das ich normalerweise so gerne berühre, bleibt so fast unberührt. Es ist mir, als verrate ich den Felsen.

Der Klettersteig in Kandersteg ist mit dem Schwierigkeitsgrad K4, mit den zwei Dreiseilen-Brücken über den tosenden Wasserfällen und der Tyrolienne eine beliebte Attraktion. Aber trotz grossem Andrang geht es zügig vorwärts. Schwindelfrei müsse man sein, heisst es in den Beschreibungen des Klettersteigs. Ich tue so, als wäre ich es. Und indem ich mich selber überliste – nämlich anfangs den Blick an den Felsen haften – kommt dieses Gefühl der bleiernen Erdanziehung erst gar nicht auf.
Doch, es gefällt uns. Aber wir wollen es nicht vergleichen mit den Mehrseillängen-Routen irgendwo in den Berghängen zum Gipfel. Weil es nichts zu vergleichen gibt.

Oben auf der Allmenalp, nach drei Stunden im Klettersteig, verwöhnt das Berggasthaus mit Köstlichkeiten und der inzwischen vertrauten Gelassenheit und Freundlichkeit. Der Florian, der auf der Handorgel auswendig spielt, etwas Langeweile im Gesicht, aber Tempo in den Melodien, dem schaue ich gerne zu bei Rhabarberkuchen und einer unverschämt grossen Portion Nidle.
Etwas von der Ruhe haben wir mit nach Hause genommen. Als Andenken. Und als Seelennahrung, bis wir wieder kommen.

Ein Kommentar to “Entschleunigung”

  1. ruth loosli sagt:

    sehr schöner text, vielen dank!
    wer kennt die lobhörner? die waren mir neu – ich habe sie aber nur von ferne bewundert … und berndeutsche freundlichkeiten sind auch in winterthur anzutreffen – z.b. am 5. juli im hof der stadtbibliothek – wo u.a. annette frommherz zu hören sein wird (bei schlechtem wetter um eine woche verschoben) um 18.30

Kommentar abgeben