Everest-Lhotse 1956 – 2026

Das unter Hans-Rudolf Keusen geschaffene Jubiläumsbuch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» lässt mit den vier erhaltenen Tagebüchern, mit der Expeditionspost und mit zahlreichen erstmals gezeigten (Farb-)Fotos die Erfolge (Erstbesteigung des Lhotse, Zweit- und Drittbesteigung des Everest im Mai 1956) und die Spannungen (die gab es!) hautnah lebendig werden.

«An Sonntagen wird in der Schweiz geschossen u. hier gesprengt. Mit Tuchel u. Ere steige ich etwas ab, um gefährlich gewordene Eistürme zu sprengen. Das Experiment ist wiederum gelungen. Vom Hin- u. Hergehen bin ich aber müde geworden. Ich bin froh, dass ich nicht mit Tuchel nach Lager III steigen muss. Ich verbringe wieder einmal die Nacht ganz allein im Lager.»

Notierte Fritz Luchsinger, der Ende März 1956 noch fast an einer akuten Blinddarmentzündung gestorben war, am Sonntag, 29. April, in sein Tagebuch. Das tat am gleichen Tag auch Ernst Reiss, genannt Ere. Die beiden Teilnehmer der Schweizer Everest-Lhotse Expedtion 1956 werden am 18. Mai als Erste auf dem Lhotse (8516 m) stehen, dem vierthöchsten Gipfel der Welt:

«Weiter geht unser Aufstieg am nächsten Tag zu Lager II, wo wir auf der Route mit der Eisaxt erneut erhebliche Wegverbesserungen treffen. Hier in diesem Lager stossen wir auf den Arzt Edi Leuthold u. auf Fritz Luchsinger, der noch gestern im Spätnachmittag nach Lager II aufgestiegen ist. Leider ist die Stimmung der Sherpas hier nicht gut, da die anwesenden Sahibs mit Fr. Müller zusammen irgendwelche Sonderleisten für diesen Tag verlangten. Uriken, einer der Besten, bemerkt sogar, dass alle hier anwesenden Sherpas einen Rückzug aus den Cwm in Betracht ziehen, falls wir weiter auf unseren Forderungen beharren. Tuchel, unser Leiter, schlichtet diese ernste Meinungsverschiedenheit. – Man darf mit diesen Sherpas schon nicht umgehen wie mit Rekruten!»

Ob Berufsoffizier Luchsinger den Tagebuch-Seitenhieb seines Lhotse-Seilpartners kannte? Insgesamt elf Sahibs, so wurden die Herren aus der Schweiz bezeichnet, nahmen an der Expedition vor 70 Jahren teil. Dabei gab es nicht nur alpintechnische Schwierigkeiten wie der gefährliche Khumbu-Eisbruch mit seinen labilen Türmen hinauf ins West Cwm, ins riesige Becken unter Everest, Lhotse und Nuptse. Sondern manchmal auch Schwierigkeiten mit den Sherpas, vor allem zwischenmenschlicher und sprachlicher Art. Davon ist aber im Tagebuch von Expeditionsleiter Albert Eggler, Tuchel genannt, wenig zu lesen, jedenfalls nicht am 29. April:

«Mit Luchsinger und Reiss nehme ich am Weg I–II mehrere Sprengungen vor. Die Route wird teilweise verlegt. – Abends steigen wir ins Lager III. – Das Wetter ist immer noch gut.»

Die Teilnehmer dieser von Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung ins Everest-Gebiet entsandten Expedition mussten ein Tagebuch führen. Vier Tagebücher haben sich zum Glück erhalten und bilden nun das Rückgrat des von der Stiftung herausgegebenen Jubiläumsbuchs. Das vierte Tagebuch stammt von Hansrudolf von Gunten; er stand am 24. Mai 1956 zusammen mit Dölf Reist auf dem Everest. Ein Tag zuvor war Jürg Marmet und Ernst Schmied die zweite Besteigung des höchsten Gipfels der Welt gelungen. Am 29. April schrieb von Gunten in sein Tagebuch:

«Wolfgang und ich steigen heute ins Lager 1 auf. Die Hitze ist ziemlich gross und wir kommen langsam vorwärts. Zudem habe ich die Dummheit begangen, mich mit einer Sauerstofflasche zusätzlich zu beladen, was sich in der Nähe des Lagers zu rächen beginnt. Lager 1 hat sich inzwischen ziemlich stark verändert. Grosse Spalten haben sich mit Krachen geöffnet, so dass alle Zelte verstellt werden mussten.»

Die erste Besteigung des Lhotse und die Zweit- und Drittbesteigung des Everest: ein alpinistischer Meilenstein. Ihn würdigten 1956 Albert Eggler in «Gipfel über den Wolken», Jörg Wyss 1958 mit dem SJW-Heft «Mt. Everest und Lhotse. Die Erlebnisse der schweizerischen Himalayaexpedition 1956» und Oswald Oelz 2006 mit dem schwarzweissen Bildband «Everest – Lhotse. Schweizer am Everest 1952 und 1956».

Das neue, unter der Leitung von Hans-Rudolf Keusen entstandene Buch «Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche» veröffentlicht erstmals Auszüge aus den Tagebüchern und aus der Expeditionspost. Persönliche Stimmen der Teilnehmer, eingebettet in den sorgfältig rekonstruierten Kontext, lassen Erfolge wie Spannungen lebendig werden – zusammen mit zahlreichen erstmals veröffentlichten Fotos, insbesondere auch Farbfotos. So erscheint diese wichtige Expedition rundum in einem neuen Licht. Karten, Eckdaten der Expedition vom 29. Januar bis zum 8. Juli sowie die Zusammenstellung der umfangreichen Expeditionspost weisen zudem den Weg.

Die Vernissage findet am 8. Mai 2026 im ALPS in Bern statt. Sie ist leider schon ausgebucht. Aber der Gang an den Helvetiaplatz lohnt sich trotzdem. Denn die neue Fundbüro-Ausstellung «Souvenir. Selfies, Kitsch und Gipfelsteine» ist clever, vielschichtig, unterhaltsam, überraschend. Nicht zuletzt mit zwei Steinen vom Gipfel des Everest, die Jürg Marmet und Dölf Reist je in ihren Rucksack gesteckt haben. Und mit dem Ernst Reiss gewidmeten Souvenirteller aus Holz zur Erinnerung an seine Erstbesteigung des Lhotse.

Hans-Rudolf Keusen, Daniel Anker, Françoise Funk-Salamì, Christine Kopp: Everest-Lhotse. Aus den Tagebüchern der Schweizer Expedition 1956. Eine Spurensuche. AS Verlag, Zürich 2026. Fr. 48.-

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