Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen

Das Safiental, insbesondere die Alp Falätscha oberhalb des Turrahus, ist Schauplatz eines wuchtigen Romans um Schuld und Sühne, um Recht und Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt des Geschehens der Kommissar Jon Calonder, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie der Autor Stefan Gartmann ebenfalls.

Calonder sah die Frau an. »Da wäre noch etwas, das ich nicht verstehe. Etwas Persönliches.«
»Was denn?«
»Sie leben hier im Einklang mit der Natur, in einer Welt, die manche als heil bezeichnen würden. Plötzlich platzt die Polizei in diese Idylle, gräbt unweit der Hütte, in der Sie hausen, das Skelett eines Mannes aus, der vor achtundzwanzig Jahren hier ermordet worden ist. Aber Sie scheint das nicht zu berühren.«
Nachdenklich richtete die Sennerin den Blick auf die andere Talseite, als suchte sie in den zerklüfteten Flanken der Berge nach Worten, mit denen sich ausdrücken liess, was sie fühlte angesichts des Verbrechens, das hier, auf ihrer Alp, einst begangen worden war. »Sehen Sie«, sagte sie nach einer Weile ruhig. »Es ist streng hier oben. Streng, aber schön. Karin, Severin und ich werden heute Abend miteinander reden. Über diesen Tag und über das, was hier vor achtundzwanzig Jahren geschehen ist. Aber schon morgen werden wir uns wieder unserem gewohnten Alltag widmen. Den Tieren, dem Melken, dem Käsen. Ich möchte nicht herzlos erscheinen. Aber wir haben uns auf diesen Sommer gefreut; und ich werde nicht zulassen, dass ein Ereignis aus der Vergangenheit, und mag es noch so tragisch sein, unsere gemeinsame Zeit hier überschattet.«

Ein kleiner, bezeichnender Ausschnitt aus einem ganz grossen Roman, der hauptsächlich im Safiental spielt, diesem langen, tief eingeschnittenen Seitental des Vorderrheintales, das sich aus der Rheinschlucht bis zum Bärenhorn erstreckt, mit dem Gasthaus Turrahus zuhinterst und der Alp Falätscha eine gute halbe Stunde weiter oben. Die beiden Hauptschauplätze im (Kriminal-)Roman «Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen» von Stefan Gartmann, der als Gymnasiast einen Sommer lang als Knecht auf einem Hof in diesem so ganz besonderen Tal arbeitete, wie seine Hauptfigur ebenfalls, der Churer Kriminalkommissar Jon Calonder. Er muss den Mord an einem Zusenn untersuchen, der sich verjährt hätte, wenn nicht einer, der damals auf der Alp Falätscha dabei gewesen war, sein Schweigen gebrochen hätte, kurz vor der Verjährung dieses Verbrechens.

Wie – und vor allem: warum – es dazu kam, enthüllt Stefan Gartmann auf 650 Seiten. Schritt um Schritt, Gespräch um Gespräch, Frage um Frage. Und die Antworten fallen nicht leicht, die Fragen eigentlich auch nicht. Die Berge, sie schweigen. Die Menschen, die dort wohnen, haben bisher auch geschwiegen. Weil sie mussten, weil sie wollten, weil das Leben, das Überleben in dieser rauen Natur vorrangig war. Aber nun wurde dieses Skelett eines bösen Mannes ausgegraben, dessen Verschwinden vor 28 Jahren niemand im Tal nachgetrauert hat. Ausser seine Mutter, und ihr verspricht Jon Calonder, dass er den Mörder ihres Sohnes findet. Was es auch kostet, was für alte Wunden aufgerissen, was für familiäre Geheimnisse ausgegraben werden.

Nochmals ein Ausschnitt aus diesem wuchtigen, grossartigen Roman um Schuld und Sühne im Safiental, um Gerechtigkeit und Recht, um Gut und Böse, um Liebe und Last in den Bergen; nun ja, im Tal auch:

»Sie sind Ermittler, und es ist Ihre Aufgabe, Verbrechen aufzuklären. Wenn Sie den Mörder vom Hitsch unbedingt finden müssen, dann suchen Sie weiter nach ihm; geht es Ihnen aber um Gerechtigkeit, dann sollten Sie die Vergangenheit ruhen lassen.«
»Das haben Sie mir schon einmal nahegelegt.«
Der alte Kauz schaute Calonder an: »Ja«, meinte er. »Aber offenbar hören Sie nicht auf mich.«
»Wie Sie schon sagten, ich bin Ermittler.«
»Können Sie denn nicht für einmal Mensch sein?«
»Ich versuche, beides zu sein. Mensch und Ermittler.«
Das Männlein schüttelte den Kopf. »Das wird in diesem Fall nicht möglich sein«, sagte es, und seine Worte klangen wie eine düstere Prophezeiung.
»Was macht Sie da so sicher?«
»Ich weiss Dinge, die Sie nicht wissen.«
»Warum erzählen Sie mir diese Dinge dann nicht?«
»Weil ich nicht mit ansehen will, wie der Hitsch über seinen Tod hinaus den Frieden im Tal zerstört.«

Stefan Gartmann: Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen. Bilgerverlag, Zürich 2026. Fr. 40.-

Buchpremiere «Falätscha» am Dienstag, 24. März 2026, um 19.30 im Literaturhaus Graubünden in der Werkstatt Chur an der Unteren Gasse 9.

Ein Gedanke zu „Falätscha. Vom Schweigen in den Bergen

  1. Lieber Daniel Anker
    Was für eine wuchtige Rezension zu diesem wuchtigen Roman, der mich an damals erinnert, als aus dem Nichts heraus Peter Weber den »Wettermacher« veröffenlichte.
    Mit Grüssen Ricco Bilger

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