Zwei neue Bücher und eine neue Veranstaltungsreihe zum Frauenalpinismus. In Bern, am Matterhorn, in den Bergen der Welt.
«Mit jedem Tritt ihrer steigeisenbewehrten Füße an der Nordwestwand des Huandoy Este in der peruanischen Cordillera Blanca gewann Juliana García die wertvolle alpine Erfahrung, die sie brauchte, um zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der lateinamerikanischen Kletterszene zu werden.»
So steil steigt das Kapitel über die erste zertifizierte Bergführerin Lateinamerikas im Buch «Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge» von Joanna Croston ein. Darin stellt die Direktorin des Banff Centre Mountain Film and Book Festival 20 Alpinistinnen vor. Bekannte wie die Japanerin Junko Tabei, die erste Frau auf dem Everest, wie die Französin Catherine Destivelle, der als erster Frau die Solobegehung der klassischen Nordwandroute in der Eigernordwand gelang, und erst noch im Winter; wie die US-Amerikanerin Lynn Hill, die als erste Person (!) die berühmte Nose am El Capitan frei kletterte. Daneben werden, immer auch mit Porträtfotos und Actionbildern, noch hierzulande unbekannte Bergsteigerinnen porträtiert. So eben Juliana García aus Ecuador. So Sarah Hueniken aus Kanada, professionelle Eiskletterin und Gründerin der Trauma-Selbsthilfegruppe Mountain Muskox. So Wasfia Nazreen aus Bangladesch, die nicht nur auf den Seven Summits, den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente stand, sondern auch auf dem K2, dem schwierigsten 8000er. Bestens in die Auswahl hätte ebenfalls Nasim Eshqi gepasst.
Nun, wir können die aus dem Iran geflohene Kletterin und Aktivistin live erleben, am Freitag, 28. November um 18.30 Uhr, im ALPS in Bern. Nasim Eshqi ist eine grossartige Erzählerin und hat vor allem auch etwas zu sagen. Sie setzte sich im Iran für Frauenrechte ein und lebt heute in Italien, wo sie politisches Asyl erhielt. Mit ihrem Auftritt lanciert das ALPS Alpines Museum der Schweiz eine neue Veranstaltungsreihe: «AktivismusAlpinismus» stellt international aktive Menschen vor, die Bergsport mit gesellschaftlichem Auftrag verbinden. An drei Abenden pro Jahr (jeweils November bis April) spricht das ALPS mit internationalen Persönlichkeiten über ihr Engagement – für Umwelt, Inklusion, Safe Spaces, Menschenrechte. Am 18. Februar 2026 stellt Beat Baggenstos sein Projekt ClimbAID vor. Am 23. April spricht Zof Reych über ihren Einsatz für neurodivergente, queere Kletter:innen und über ökologische Spannungen im Boulder-Hotspot Fontainebleu. Durch die Veranstaltungen führt Isabella Helmschrott, ehemalige Geschäftsleiterin von CIPRA Schweiz.
Zurück in die Berge. Und zu einer ganz frühen Pionierin des Bergsteigens, zur Engländerin Lucy Walker (1836–1916). Die Schriftstellerin Andrea Günther hat zu ihr einen biografischen Roman verfasst: «Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn». Der Hinweis «Roman» ist wichtig, denn dann darf Lucy ihren Lieblingsführer Melchior Anderegg auch mal küssen, und das nicht nur am Berg. Dann darf es auch von Süden einen Besteigungsversuch des Cervino durch Melchior, Lucy und Gefährten geben, obwohl ein solcher nie stattfand. Aber romanhafte Schilderungen geraten dann auf abschüssiges Gelände, wenn sich Fiktion und Fakten vermischen. Wie an der Jungfrau, an der Lucy Walker am 8. Juli 1860 von Süden unterwegs war, während Andrea Günther ihre Heldin auf die damals noch unbegangene Guggiroute von Grindelwald aus schickt. Wie am Strahlhorn, das vom Adlerpass, «wo die Eisfläche ein Ende nahm», über den Nordwestgrat erreicht wurde – dabei gab es damals dort oben nur Eis, wie ein Blick auf die Dufourkarte zeigt. Schade, ein Fachlektorat hätte die alpinistischen Fehltritte vermieden. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, weil die Autorin eindringlich schildert, wie die Gipfelstürmerin sich gegen gesellschaftliche Hindernisse durchsetzen musste. Im Berghaus Schwarenbach, wo Lucy Walker 1859 Melchior Anderegg kennenlernte, sagte sie zum Vater und Bruder, aber auch zur Mutter und Tante, die von den bergsteigerischen Ambitionen der jungen Frau nicht viel bis gar nichts hielten: «Bei euch Herren ist anscheinend die Idee fest verankert, dass eine Frau als Kamerad nicht geeignet ist, um Abgründe zu überwinden und auf Eis zu klettern. Wir sollen euch artig vom Tal aus zujubeln und in die Arme schließen, wenn ihr zurückkehrt!»
Joanna Croston: Höher als der Himmel. Heldinnen der Berge. Mit einem Vorwort von Helga Hengge und einer Einleitung von Nandini Purandare. Callweg Verlag, München 2025. € 40,00.
Andrea Günther: Die Gipfelstürmerin. Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn. Roman. Gmeiner Verlag, Meßkirch 2025. € 20,00.
Veranstaltung im ALPS Alpines Museum der Schweiz in Bern, 28.11.2025, 18.30: Nasim Eshqi: Against Femicide. Das Gespräch wird auf Englisch geführt. Eintritt Fr. 15.- Info und Anmeldung hier: https://alps.museum/veranstaltungen/nasim-eshqi-against-femicide


