Fünf helvetische Wanderführer

Nie war es einladender als jetzt, in der Schweiz zu wandern. Auf geht’s, schnürt die Stiefel, konsultiert die Führer!

»Treffen Sie mich morgen nachmittag um drei Uhr in der Gorge du Chauderon.«
»Wo liegt denn das?« fragte Templar erstaunt. »Ich kenne die Gegend nicht so genau.«
»Sie gehen den Abhang nach Glion hinunter, wenden sich nach rechts, gehen durchs Dorf und kommen dann auf eine Straße, die nach Les Avants führt. Dicht vor der Brücke, die sich über die Talschlucht zieht, finden Sie einen Fußweg nach der Schlucht und kommen an das Ufer des kleinen Flusses. Es ist ein schöner, ruhiger Platz, wo wir wahrscheinlich nicht gestört werden.«
»Aber warum wollen wir denn die Sache nicht hier abmachen? Ich könnte doch heute abend auf Ihr Hotelzimmer kommen …«
»Sie bekommen Ihr Schandgeld in der Gorge du Chauderon oder überhaupt nicht«, entgegnete Somerville kurz.

Nehmen Sie die Kriminalgeschichte „Der Selbstmörder“ von Edgar Wallace erst nach der Wanderung durch die Gorge du Chauderon zur Hand – die Schlucht zwischen Montreux und Les Avants ist beengend und beängstigend genug. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Geschichte nicht kannte, obwohl ich doch für meinen Rother-Wanderführer „Genfer See“ ausgiebig Literaturstudien betrieben hatte. Nun habe ich „The Man Who Killed Himself” auf Deutsch gelesen; das Original erschien erstmals in „The Royal Magazine“ (Februar 1920) und dann im „Hush Magazine“ (N° 4, September 1930).

Auf die Chauderon-Story von Edgar Wallace stiess ich im Führer „Wanderungen durch die schönsten Schluchten der Schweiz“; allerdings fehlt dort der Titel. Nachteiliger ist aber, dass der Ausstieg aus der Chauderon-Schlucht falsch eingezeichnet ist. Für Abenteuer am stotzigen Léman-Ufer ist also gesorgt. Doch das haben Schluchtwege sowieso an sich. Hajo Degen und Ragna Kilp stellen 47 Touren in der Schweiz und je eine in ihren vier grossen Nachbarstaaten vor. Ob es wirklich die schönsten sind? Die Cholereschlucht am Thunersee und das Küsnachtertobel am Zürichsee gehören eigentlich auch dazu. Bei der Combe du Pilouvi am Bielersee ist zudem nur die obere Hälfte erfasst, obwohl die untere grad so erlebnisreich ist. Trotzdem: Wer diesen wasserreich illustrierten Führer mitnimmt und dann hoffentlich nicht neben einem stiebenden Wasserfall studiert, lernt ganz neue Seiten der Schweiz kennen. Genau genommen jeweils immer zwei: die rechte und die linke Schluchtwand. Oft verbindet eine Brücke beide Wände.

„Über sieben Brücken mußt du gehen“ ist ein 1978 von der DDR-Rockband Karat veröffentlichtes Lied. Berühmt wurde es vor allem in der Version von Peter Maffay; auch Vicky Leandros und Helene Fischer nahmen den Hit in ihr Repertoire auf. Philipp Bachmann nun, Geograf und Wanderführerautor, singt (zum Glück?) nicht, sondern befiehlt uns: „Über 30 Brücken musst du gehen“. Die 30 Wanderungen in der ganzen Schweiz führen über mindestens eine für Fussgänger attraktive Brücke, zweimal sogar über acht Brücken: in der Aaschlucht bei Engelberg und – der Name sagt es bereits – in Brugg. In der Stadt Bern schlägt Bachmann eine Sechsbrückentour vor. Mit zwei bis drei Stunden Wanderzeit und nicht allzu grossen Höhendifferenzen sind die Wanderungen auch für Familien bestens geeignet. Zur Charles Kuonen Hängebrücke müssen knapp 700 Höhenmeter auf- und abgestiegen werden, aber für die mit knapp 500 Metern längste Fussgänger-Hängebrücke der Welt darf man schon etwas ins Schwitzen kommen! Alle Wanderungen sind gut mit Bahn und Bus erreichbar und bieten meistens auch eine Einkehrmöglichkeit. Ein Ausflug allerdings ging bachab: der Flimser Wasserweg mit seinen sieben Brücken.

Bachab gehen auch die Gletscher! Der Winter 2019/2020 war der wärmste seit Messbeginn 1864. Aber vor 24‘000 Jahren, da war es bei uns noch richtig schön kalt, da lagen sieben Achtel der Schweiz unter Gletschereis. Den Spuren dieser Gletscher begegnen wir überall. Nicht nur bei den Findlingen, sondern auch bei Drumlins und Schluchten, Mooren und Seen. Jürg Alean und Paul Felber nehmen uns mit auf 14 „Eiszeit-Wanderungen“ zwischen dem Kesslerloch bei Schaffhausen und den riesigen erratischen Blöcken bei Monthey, mit einem Besuch des neuen Gletschersees auf dem Klausenpass (inklusive Minieisbergen) und einem überraschenden Abstecher in die Altstadt von Bern. Zu jeder Route gibt es Hintergrundinformationen, Karten, genaue Wegbeschreibungen und zahlreiche Fotos. Mehr noch: Mit aktuellen Vergleichsfotos aus arktischen Regionen zeigen die beiden Autoren, wie es damals hierzulande wohl ausgesehen hat. Allerdings, und das sollte uns zu denken geben: Wie der Morteratschgletscher in den letzten 30 Jahren geschrumpft ist – unseretwegen!

Zugegeben: Manchmal sind wir auch froh, dass die Gletscher zurückgegangen sind. So können wir Steigeisen und Pickel, Seil und Karabiner zuhause lassen, müssen dafür aber mit Geröll und Schutt Vorlieb nehmen, was die Fortbewegung da und dort gar schwieriger macht. Auf der achten Etappe des 2019 eröffneten Weitwanderweges „Via Glaralpina“ lernen wir solche Veränderungen hautnah kennen. Die schwierige Etappe führt vom Urnerboden über das Gämsfairenjoch (2846 m) zur Claridenhütte SAC; Gipfelstürmer steigen noch zum Gipfelkreuz des Gämsfairenstock (2971 m). Der von Maya Rhyner und dem Team Via Glaralpina gemachte Führer stellt mit allen nötigen Infos, mit tollen Fotos, hintergründigen Geschichten und mit den Wandertipps von Gabi die 19 Etappen rund um den Kanton Glarus vor. 230 Kilometer und 18‘000 Höhenmeter Auf- und Abstieg von Ziegelbrücke via Glärnischhütte zur Bifertenhütte und via Naturfreundehaus Fronalp zurück nach Ziegelbrücke: Das werden unvergessliche drei Wochen sein im Sommer oder Herbst 2020. Wer kommt mit?

Wir! Aber nicht nur ins Glarner-, sondern auch ins Walliserland. In dem am 18. Juni 2020 erschienenen Wanderführer „Oberwalliser Südtäler“ stellt Iris Kürschner mit sehr schönen Texten und Fotos sechs Mehrtagestouren mit insgesamt 29 Etappen zwischen Simplon, Zermatt und Turtmanntal vor. Dreimal dient Zermatt als Start bzw. als Ziel, zweimal schultern wir die Rucksäcke bereits in Visp, je einmal umrunden wir den Monte Leone und Weissmies-Fletschhorn. Immer aber geniessen wir diese grossartige Landschaft mit den höchsten Eis- und Rebbergen der Schweiz, mit gemütlichen Hotels und Hütten, mit chüschtigen Alpkäsereien und spannenden Geschichten. Zum Beispiel diejenige von den Murmeltieren, den zutraulichen von Saas Fee sowie unglücklichen, die in der Pfanne landeten. Oder eine andere von den Bauherren der Simplon-Strasse, von den berühmten Bergführern im Saas- bzw. im benachbarten Nikolaital, vom blauen Wunder in Zermatt. Ein Wanderführer zum Laufen und Lesen.

Und falls uns der Lesestoff ausgehen sollte: Hier noch eine zweite Empfehlung für eine kriminalistische Kurzgeschichte. Sie stammt von Bram Stoker, bekannt geworden als Autor des Romans „Dracula“ (erstmals publiziert am 26. Mai 1897). Im gleichen Jahr erschien auch „The Secret of Growing Gold“. Nur eine kurze Passage daraus: „And then there came a rumour, certified later on, that an accident had occurred in the Zermatt valley.“

Hajo Degen, Ragna Kilp: Wanderungen durch die schönsten Schluchten in der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2020. Fr. 29.90. „Der Selbstmörder“ von Edgar Wallace gibt’s hier: http://estories.x10.mx/der-selbstmorder/

Phillip Bachmann: Über 30 Brücken musst du gehen. Wanderungen zu den attraktivsten Fussgängerbrücken der Schweiz. Ott Verlag, Bern 2020. Fr. 38.-

Jürg Alean, Paul Felber: Eiszeit-Wanderungen. 14 Routen zu Zeugen der Eiszeit in der Schweiz. Haupt Verlag, Bern 2020. Fr. 38.-

Via Glaralpina. AS Verlag, Zürich 2020. Fr. 28.-

Iris Kürschner: Oberwalliser Südtäler. Wanderungen und Geschichten zwischen Simplon, Zermatt und Turtmanntal. Rotpunktverlag, Zürich 2020, Fr. 39.-

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