Gehen

Geht doch! Vor und nach dem Lesen – oder auch gleich beim. Viel Spass!

„Das Gehen reduzierte das Leben aufs Wesentliche, auf Essen, Schlaf, Begegnungen, Gedanken. Keine Erfindung aus unserer Epoche half uns dabei – auβer in gutes Paar Schuhe und in meinem Fall noch das Buch im meinem Rucksack.“

Kernsatz im neuen Buch von Paolo Cognetti, das am 11.11.19 auf Deutsch erscheint. Auf 121 Seiten nimmt uns der italienische Autor, berühmt geworden mit dem Bestseller „Acht Berge“, mit auf ein Trekking durch das abgeschiedene Dolpo im Nordwesten Nepals. Mit zwei Freunden machte er sich im Jahr 2018 auf diesen weiten Weg, sozusagen sein Geschenk zum vierzigsten Geburtstag. Mit dabei im Rucksack war das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ von Peter Matthiessen. Und natürlich das Notizheft, in das Cognetti seine Gedanken und Gefühle, seine Beobachtungen und Begegnungen notierte, oft visualisiert durch Zeichnungen, die teilweise auch im veröffentlichen Buch abgedruckt sind. Immer wieder hielt Cognetti fest, was sich seit der Matthiessens Tour im Jahre 1873 im Dolpo, dieser Ecke Nepals an der Grenze zu Tibet, geändert hat. Und wie sein Vorbild und er selbst durch das tagelange Gehen zu sich selbst fanden.

Nach dem Welterfolg von „Acht Berge“ (vgl. https://bergliteratur.ch/acht-berge-und-fontane-%e2%84%961/) war man natürlich gespannt auf Cognettis nächstes Buch. Das Unverwechselbare und die Archaik sind hier nicht mehr so präsent, so zwingend. Was auch daran liegen mag, dass Cognettis Aostatal nicht das ferne Dolpo ist und dass Matthiessens Buch nicht immer Erleuchtung verheisst, sondern manchmal auch als Gehstock auftritt. Vielleicht hat das Cognetti gespürt; auf Seite 69 schreibt er: „Mach, dass ich sehen kann und die Wort finde, um zu beschreiben, was ich gesehen habe.“ Das gelingt ihm auf feine Art und vielerorts, und wir gehen gerne mit ihm durch jenes hochgelegene Land.

„Gehen und Denk gelten seit der Antike als eng miteinander verknüpft, ja das Gehen erscheint geradezu als Voraussetzung für geistige Fortbewegung.“

Notierte Florian Werner in seinem rucksacktauglichen Buch „Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache“. Der deutsche Schriftsteller hat zu 30 Stichworten – von Aufrecht über Gesang, Karte und Wanderin bis Zwecklos – eigene und fremde Überlegungen und Passagen gesammelt und präsentiert sie so überraschend wie feinsinnig. Zum Beispiel so: „Ein altes Sprichwort besagt, dass man sich beim Unterwegssein nicht an hölzernen (oder gar metallenen) Stecken, sondern lieber an erbaulichen Schiften festhalten sollte: Der beste Wanderstab ist der Buchstab.“ Im grasig-felsigen, nun schon ziemlich überschneiten Geh-Lände halte ich mich aber doch lieber an Stöcke…

„Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.“

Habt Ihr mitgesungen beim Lesen? Oder singt Ihr dieses berühmte Lied von Wilhelm Müller beim Gehen? Florian Werner summt davon beim Stichwort „Wanderlust“. Und zitiert auch die Definition des Oxford English Dictionary: „An eager desire or fondness for wandering or travelling.“ Wanderlust also, vom Deutschen ins Englische gewandert. Die US-amerikanische Schriftstellerin, Journalistin und Kulturhistorikerin Rebecca Solnit nannte so ihr vor knapp 20 Jahren erschienenes Buch: „Wanderlust. A History of Walking“. Nun ist diese umfassendste und tiefgehendste Geschichte des Gehens endlich auf Deutsch erschienen, unter dem Titel „Wanderlust“. Let’s go – and read it.

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen. Penguin Verlag, München 2019, Fr. 22.-

Florian Werner: Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache. Duden Verlag, Berlin 2019, Fr. 12.-

Rebecca Solnit: Wanderlust. A History of Walking. Viking, New York 2000; auch als Taschenbuch erhältlich. Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. Matthes & Seitz Berlin Verlag 2019, Fr. 42.-

Kommentar abgeben