Giochi delle montagne

Die Jungfrau ist gefährlich – also der Berg ist hier gemeint. Nun gibt es aber auch ganz ungefährliche Wege zum Gipfel, zum Beispiel in Form eines Würfelspiels. Zu besichtigen zum Beispiel an der aktuellen Ausstellung im Alpinmuseum in Turin. Oder im entsprechenden Bildband. Ein schönes Weihnachtsgeschenk. Dazu noch die CDs mit Bergmusik zum Mitsingen unterm Baum.

„Der Grat wurde immer zersägter und die Platten immer steiler, was bekanntlich beim Kalkgestein nicht zur Erhöhung der Stimmung beiträgt. Auch hatten sie eine Schichtung, die offenbar ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse kletternder Menschen angelegt war. Lauener wollte durchaus wieder auf den inneren Grat zurück; Fuchs glaubte, wir sollten es da probiren, wo wir seien. In der Verlegenheit, wie zu entscheiden sei, schlug ich ein drittes vor, nämlich zu frühstücken, in der Hoffnung, es werde uns über dem Essen etwas Gescheidtes einfallen, und wenn nicht, so sei es immerhin angenehmer, mit vollem Magen etwas Dummes zu machen, als mit leerem. Lauener aß wenig und Fuchs sehr schnell, und kaum hatte er den letzten Bissen im Munde, so befahl er Lauener, zusammenzupacken, und ging auf Recognoscirung aus. Erst rechts, dann links um das Felshaupt herum, an dem wir saßen, und dann grad drüber hinauf. Nach einer Weile rief er von oben, er getraue sich nicht, ohne Seil da weiter zu gehen, und Lauener müsse heraufkommen, ich warten. Lauener gehorchte seufzend, ich nicht ungerne. Ich setzte mich, so bequem es auf den spitzen Platten gehen wollte. Unter mir fiel ’s schon mit artiger Steilheit in die Tiefe nach dem Stufenstein und drüben jenseits des Thales schimmerten die Häuser von Gimmelwald in idyllischer Kleine wie Kinderspielzeug. In tiefen Zügen athmete ich die balsamische Luft des Bergmorgens und seine göttliche Stille durchzog mein Gemüth mit tiefem Frieden.
Ich weiß nicht mehr, was ich dachte; ja ich glaube, ich habe gar nichts gedacht: ein Beweis dafür, daß man nicht zu denken braucht, um glücklich zu sein.“

Sehr schön, wie Heinrich Dübi (1848-1942) da philosophiert, während der ersten Begehung des „Usser Rottalgrat“ an der Jungfrau zusammen mit den Berner Oberländer Führern Peter Lauener und Fritz Fuchs am 21. Juli 1881. „Ein neuer Jungfrauweg“: So nennt Dübi seinen Bericht im „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“, dessen Redaktor er von 1891 bis zum letzten Jahrbuch 1923 war. Ein Urgestein des SAC also, Verfasser der Denkschriften zum 50. Geburtstag des Gesamtclubs und der Sektion Bern, Autor von Clubführern für die Berner und Walliser Alpen, Alpinhistoriker, Ehrenmitglied des SAC, des Akademischen Alpenclubs Bern, des Alpine Club, der Royal Geographic Society, Gymnasiallehrer für alte Sprachen und Geschichte.

Ob Dübi wohl das Würfelspiel „Zum Gipfel der Jungfrau / Au sommet de la Jungfrau“ gekannt hat? Es kam um 1920 im schweizerischen Punta Verlag heraus, in einer 29 x 25,5 cm grossen Schachtel; der darin liegende Karton misst auseinandergefaltet 49 x 49 cm. Ein klassisches Würfelspiel für vier Spieler: vier verschiedene Startpunkte in der Schweiz, mit Hindernissen unterwegs, je nachdem, auf welche Zahl man die Figur nach dem Würfeln zu setzen hatte. Das Ziel war für alle, ob auf der Normalroute oder gar über den Rottalgrat, der Gipfel der Jungfrau (4158 m): Punkt 40. Ob Düdi dort auch gewann, mit seinen Enkelkindern an der Rabbenthalstrasse spielend?

Das Jungfrau-Würfelspiel ist eines aus der riesigen Sammlung des Museo Nazionale della Montagna in Torino. 550 Spiele, worin die Berge eine Rolle spielen: Gesellschaftspiele, Spiele für die Familie, Tischspiele, Spielkarten, Lochkartons, Figurensets, Slalomstuben – eine unglaubliche Vielfalt, wie sie nur Spielerfinder haben. Hatten müsste ich wohl schreiben, denn die meisten dieser Spiele gibt es nicht mehr – leider. Nicht mehr zum Spielen. Aber zum Bewundern! In einem dieser schönen Bildbände in der Reihe Raccolte di documentazione del Museo Nazionale della Montagna. Drei sind schon früher erschienen: zum Bergfilm, zur Bergfotografie und zu Berg-Illustrationen verschiedenster Art. Und nun eben „Giochi delle montagne. Orizzonte d’avventura.“ Das ideale Geschenk für kurzweilige Winterabende.

Das Alpinmuseum von Turin sammelt das ganze Bildmaterial der Berge: Die Sammlung umfasst rund 140‘000 Fotos, 8000 Filmplakate, 10000 Illustrationen, 550 Spiele. Auch wer im Italienischen nicht viel mehr als „mamma mia“ und „bella montagna“ versteht, kann die klugen Begleittexte der vier Bildbände lesen – auf Englisch. Und während man „Die lustigen Skihäschen. Ein neues Gesellschaftspiel für alt und jung“ ausprobiert, könnte man noch die passende Musik anhören. In gleicher Grösse wie die Sammlungsbände ist beim Verlag Priuli & Verlucca auch „Montagna in Musica“ von Andrea Gherzi herausgekommen. Der Text ist nur auf Italienisch; dem Werk sind aber zwei CD’s mit 43 Stücken (von Ranz de Vaches di Friburgo bis Richard Strauss) und einer Gesamtdauer von knapp 2 Stunden beigelegt. Mit dabei natürlich: „La montanara“, dieses uritalienische Berglied. Mamma mia, che bella!

Giochi delle montagne. Orizzonte d’avventura. A cura di Aldo Audisio, Antonella Lombardo e Ulrich Schädler. Priuli & Verlucca, Ivrea 2012; Euro 45.-
Und: Die Ausstellung “Ai poli per gioco. Orizzonte d’avventura” im Museo Nazionale della Montagna a Torino ist bis zum 16. Juni 2013 zu sehen.

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