Gipfelbücher – Mont Blanc und Piz Languard

Zwei Bücher zu Bergen, auf deren Gipfel sich einst Gebäude befanden. Es gibt sicher noch andere Gemeinsamkeiten, aber das Dach der Alpen liegt halt schon in anderen Sphären als die Rigi des Oberengadins.

 «Der weite helle See, dessen Wasser so blau sind, daß man sich wirklich wieder jenseits der Berge glauben könnte, die breiten Quais an seinen Ufern (…), die freien mit Gartenanlagen geschmückten Weitungen und Plätze, die kleine Rousseau-Insel mit ihren schattenden Bäumen, dahinter das am linken Ufer des See’s emporsteigende alte Genf (…); und zu dem Allen die mit Flecken, Landhäusern und Villen übersäeten Berge, die von allen Seiten auf den See und auf die Stadt hinunterschauen, während sich gegen Südosten die schneebedeckten Hochgebirge aufthürmen, als deren weithin strahlender Gipfel sich der Montblanc erhebt, das Alles bildet ein Ganzes, das einen sehr lieblichen und zugleich sehr großartigen Eindruck hervorbringt.»

Notierte die deutsche Schriftstellerin Fanny Lewald in «Sommer und Winter am Genfersee. Ein Tagebuch» von 1869. Eva Feller und ich spazierten vorgestern Dienstag vom Jardin botanique de Genève dem Lac Léman entlang zur Rotonde du Mont-Blanc unweit des Jardin des Alpes. Die Szenerie hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht gross geändert, wenn man den Lärm der vierspurigen Quaistrasse mal ausblendet. Einfach grossartig der Blick auf das immer noch etwas schneebedeckte Hochgebirge, mit der Aiguille Verte links der Môle-Pyramide, mit den Grandes Jorasses und der Dent du Géant rechts davon, und noch etwas weiter rechts, erhaben und majestätisch auch im leichten Dunst, das Dach der Alpen: der Mont Blanc. 4805 Meter über dem Meer, manchmal auch ein paar Dezimeter mehr, sicher jedenfalls der höchste Gipfel von Westeuropa; aber nicht von ganz Europa, wie immer wieder zu lesen ist.

Item. Der Mont Blanc. Les Français schreiben mont Blanc, genauso wie pointe Walker für den höchsten Gipfel der Grandes Jorasses. Das zu drei Ländern gehörende Gebirge breitet sich so aus: Massif du Mont-Blanc. Schreibt man im Nachbarlande aber Mont Blanc, dann handelt es sich um die bekannte Marke einer cremigen Nachspeise. Und wie schreiben sich die gleichnamigen Schreibuntensilien? Montblanc. Alles klar? Nicht ganz. Denn zu wem der Berg gehört, ist nicht entschieden. Für die Franzosen verläuft die Landesgrenze um den Gipfelaufbau herum, mais bien-sûr. Für die Italiener geht sie über den höchsten Punkt, ma certo. Und deshalb ist der Monte Bianco auch der höchste Gipfel Italiens – und des Valle d’Aosta. Davon lesen wir in «Une histoire du mont Blanc» von Hervé Bodeau. Und noch von viel mehr. Nicht alles vom weissen Berg, mais non. Zu ihm gibt es eine ganze Bibliothek. Aber wer faszinierende Seiten des mont Blanc kennenlernen will, greift zu diesem reich illustrierten Buch. Auch wenn diejenigen von Chamonix und St-Gervais schon mehr gezeigt werden als die sich auftürmende von Courmayeur.

«Wer in Pontresina war und nicht auf dem Piz Languard, der war in Rom und hat vergessen, den Papst zu besuchen.»

Dieser Werbespruch kam Ende des 19. Jahrhunderts auf, als der Berg Schritt für Schritt bis zuoberst touristisch erschlossen wurde. Offenbar hielten sich die Touristen an die Aufforderung. «Der Piz Languard wurde letzten Sonntag von zirka 100 Touristen und einheimischen Liebhabern des edlen Bergsports besucht», meldete die «Engadiner Post» am 14. Juli 1904. «Für solche, welche punkto Lungen-Gymnastik nicht so viel zu leisten vermögen, um vom Tale aus zum Sonnenaufgang den Gipfel zu erreichen, wird durch den Bau einer Unterkunftshütte mit Schlafraum (etwa eine halbe Stunde unterhalb der Spitze) schon in den nächsten Tagen gesorgt werden. Das Restaurant auf der Spitze wird stark frequentiert und bedeutet eine ebenso eigenartige als willkommene Bequemlichkeit.»

Nun ist zum Piz Languard (3262 m) ein gewichtiges Buch erschienen. Der Umweltnaturwissenschaftler Gian-Reto Walther beleuchtet in «Piz Languard. Geschichte und Geschichten» alle Seiten des berühmten Aussichtsberges, von der künstlerischen und touristischen Entdeckung über die Triangulationspyramide (gibt es noch), das Restaurant bzw. den Tanzpavillon zuoberst (gibt es leider nicht mehr), die Georgy-Hütte rund 100 Meter unterhalb des Gipfels (gibt es noch: www.chamanna-georgy.ch), die Bahnprojekte, das Panorama und die gedruckten Panoramen, die verschiedenen Wege nach oben bis zum Hotel Languard in Pontresina unten. Mit den vielen alten Berichten und Illustrationen kehrt man zurück in eine Zeit ohne Klicks und Swipes. Aber etwas (bekannt) machen, das wollte und musste man schon immer, am Genfersee so gut wie an den Oberengadiner Seen. Und so lesen wir bei Walther bzw. in den «Naturbilder aus den Rhätischen Alpen» von Gottfried Ludwig Theobald von 1860, dabei Notiz eines weiteren Gipfels nehmend, von dem man ebenfalls einige (bedruckte) Seiten kennt:

«In früherer Zeit war die einsame Bergwüste, welche den Piz Languard umgibt, nur den Gemsenjägern und Hirten bekannt, bis der Führer J. Colani in Pontresina mit richtigem Blick herausfand, daß der Felsengipfel des Piz Languard der Rigi von Bünden werden könnte.»

Hervé Bodeau: Une histoire du mont Blanc. Éditions Glénat, Grenoble 2026. € 26,00.

Gian-Reto Walther: Piz Languard. Geschichte und Geschichten. Somedia Buchverlag, Chur 2026. Fr. 65.-

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