Vier Bergromane von Schriftstellerinnen. Schwierige Anstiege zum Gipfel. Erst recht die Wege zurück ins Tal.
«Ich werde sie euch zeigen», schloss der Bergführer rätselhaft und faltete sein Poster zusammen. «Morgen machen wir einen Gipfel, wenn die Beine mitmachen.»
Ich schaue ihn mit leerem Blick an.
«Machen sie nicht.»
«Es ist ein hübscher Gipfel, Laurence. Wir steigen über die Schlaufe einer Gesteinsfalte hinauf.»
Sieben Zeilen aus dem Roman «Geschichte einer Erhebung» der Genfer Autorin Laurence Boissier (1965–2022). Die 2020 erschienene Originalausgabe heisst gleich: «Histoire d’un soulèvement». Genaugenommen sind es zwei Erhebungen. Diejenige der Alpen, wie sie der Bergführer des Langen und Hohen erzählt, und diejenige der Autorin selbst, die an einer neuntägigen geführten Wanderung teilnimmt und sich anfänglich stärker, dann immer schwächer gegen die Teilnehmer der Wandergruppe, den Bergführer und die Zumutungen bei den Übernachtungen in mehr oder minder komfortablen Unterkünften stellt. Lektüre für alle, die schon mal eine geführte Wanderung erlebten bzw. nie eine solche machen werden.
«He, Ame, komm mal her.»
Lustlos rafft der Junge sich auf. Sie stehen sich gegenüber, da nimmt der Vater seine gelbe Schirmmütze ab und streckt ihm die rechte Hand hin. Die Geste ist so ungewöhnlich und verblüffend, dass Amedeo reflexartig einschlägt.
«Punta Liberté, 3453 Meter über Normalnull. Herzlichen Glückwünsch, Signor Ghisleri.» (…) Der Ingenieur schüttelt dem Jungen jetzt fest und mit einem Ernst die Hand, dass Amedeo errötet.
«So haben das die Bergführer früher bei meinem Vater gemacht. Und er bei mir.»
Der Junge spürt etwas in seinem Hals, ein Schluchzer, befürchtet er.
Dreizehn Zeilen aus dem Roman «Wir gehen mal los» der Piemonteser Autorin Raffaella Romagnolo (Jg. 1971). Die 2019 erschienene Originalausgabe lautet: «Respira con me». Und das macht der sechzehnjährige Amedeo nicht nur auf der (fiktiven) Punta Liberté in den Bergen des Piemonts, sondern auch unterwegs, beim schwindelerregenden Zugang zur geschlossenen Fontanafredda-Hütte, weshalb Vater und Sohn im muffigen Winterraum nächtigen müssen. Und Atem holen muss der Teenager erst recht, als der strenge Herr Vater beim Abstieg von einem wegen des auftauenden Permafrosts ausgelösten Erdrutsches mitgerissen und schwer verletzt wird. Der Rückweg wird für Ame zu einem Weg in eine neue Freiheit. Lektüre für alle, die schon mal auf eine Tour mitgehen mussten bzw. jemanden dazu überredeten.
Sie gelangte nun auf den Grat, der in Richtung des Gipfels führte. Er war breit, aber gegen das Rheintal hin fiel der Fels gut hundert Meter senkrecht ab. Sie sah es nicht, denn der Nebel kam weiß herauf. Aber sie wußte es. Auch hier wäre eine gute Stelle – sie blieb kurz stehen –, aber es würden weitere gute Stellen kommen. Sie wollte zum Gipfel.
Und dann gäbe es ja noch den Rückweg. Vielleicht den steilen hinunter nach Vättis.
Neun Zeilen aus dem Roman «Calanda oder Alvas Antwort» der deutschen, in Sent im Unterengadin lebenden Autorin Angelika Overath (Jg. 1957). Einer niederschmetternden Diagnose setzt Alva einen letzten Aufstieg auf den Calanda entgegen. Schritt für Schritt steigt sie hoch, Gedanke für Gedanke lässt sie ihr abwechslungsreiches Leben vorbeiziehen, Seite für Seite begleiten wir – zusehends besorgt – die Frau auf ihrem schweren Gang. Ob Alva es auf den Churer Hausberg schafft? Und vor allem: auch wieder hinunter? Das sei hier nicht verraten. Lektüre für alle, die schon mal diesen berühmten Bündner bzw. St. Galler Gipfel besteigen wollten, mit oder ohne ärztliche Befunde.
«Wenn ich zurückkomme von der Roten Nadel, bringe ich Ihnen einen Stein mit, einen kleinen roten Stein, den ich vom Gipfel breche.»
«Danke. Ich werde ihn immer aufheben. Aber Sie kommen ja nicht zurück; Sie steigen gleich hinüber ins andere Tal –»
«Ja. Das ist wahr. Das hatte ich vergessen…»
Sieben Zeilen aus der Novelle «Das Joch» der österreichischen Autorin Vicki Baum (1888–1960). Sie wurde und ist bekannt durch ihren Roman «Menschen im Hotel» (1929). Vergessen war leider ihre grossartige alpin-touristische Novelle mit dem doppeldeutigen Titel, 1922 veröffentlicht im Band «Die andern Tage», 1931 wieder aufgelegt als achter und letzter Band von «Romane des Herzens». Nun ist «Das Joch» mit der sommerlich-sinnlichen Geschichte zwischen dem tatendurstigen Florentin und der unglücklich verheirateten Maja in einem Berggasthof in den Dolomiten wieder in einer feinen Ausgabe greifbar. Ob Florentin nach der Erstbesteigung der Roten Nadel den Abstieg schafft. Und Maja den Rückweg in die Unfreiheit? Lektüre für alle Gipfelstürmerinnen und Sommerfrischler. Immer eingedenk der Frage, die sich Laurence in der zweiten Hüttennacht stellt: Auf welche Gipfel muss man noch steigen, um sich selbst zu beweisen?
Laurence Boissier: Geschichte einer Erhebung. Verlag die Brotsuppe, Biel/Bienne 2025. Fr. 28.-
Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los. Diogenes Verlag, Zürich 2026. Fr. 32.-
Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. € 24,00.
Vicki Baum: Das Joch. Atlantis Verlag, Zürich 2026. Fr. 28.50



