Grenzen

Was wäre die Welt ohne Grenzen? Ein grenzenloses Paradies vielleicht? Oder eine strukturlose Wüste? Zur Jahreswende zwei ganz unterschiedliche Bücher über Grenzen, kuriose, historische, gebirgige und virtuelle wie die Datumsgrenze. Grenzen werden uns auch im Jahr 2016 wieder beschäftigen, solche die fallen, verschoben werden oder vermauert.

Landkarten_erzählen„Zu Fuss von Amerika nach Russland? Was wie eine verrückte Idee klingt, ist keineswegs ein Ding der Unmöglichkeit. Die beiden Länder sind sich geografisch näher, als es auf den ersten Blick erscheint. Nur 3,5 Kilometer liegen zwischen den beiden Diomedes-Inseln in der Beringstrasse, von denen die grössere Russland, die kleinere den USA gehört. Im Winter, wenn eine Brücke aus Eis die beiden Inseln verbindet, lässt sich die Staatsgrenze mit einem Snowmobil oder zu Fuss im Prinzip problemlos überqueren.“

Nichts wie hin! Mit Ski oder Schneeschuhen ginge der Übergang sicher auch. Jedenfalls gäbiger und wärmer als im Sommer, schwimmend wie die Amerikanerin Lynne Cox anno 1987. Mit „Die Insel der Ewiggestrigen“ ist das Kapitel über die Diomedes-Inseln überschrieben; eines von 44 im Buch „Grenzen erzählen Geschichten. Was Landkarten offenbaren“. Darin berichten Redaktoren und Korrespondenten der NZZ von seltsamem Grenzverläufen rund um den Globus, von der Kleinstinsel Märket in der Ostsee, die sich Finnland und Schweden teilen, bis zu den Carteret-Inseln im Pazifik, die zu Papua-Neuguinea gehören. Gehört haben ist eigentlich die richtige Zeitform, denn mit dem Anstieg der Welttemperatur und des Meeresspiegels dürften bald alle dieser Inseln überflutet werden. Auch so können sich Grenzen verschieben und verschwinden. Andere sich noch nicht festgelegt oder höchst umstritten, zum Beispiel in der Arktis oder im Südsudan.

Cover 80 Karten CHKomplizierte Grenzverläufe gibt es jedoch auch hierzulande. Denken wir nur an das deutsche Büsingen mitten in der Schweiz, „Schaffhausens ewiges Ärgernis“, oder an das italienische Campione im schweizerischen Teil des Lago di Lugano. Wie die Eidgenossenschaft entstanden ist, ihr Umfang und ihre Städte, die Eisen- und Autobahnen, wie das Land auch aussehen könnte mit mehr oder weniger Kantonen: All das und noch viel mehr präsentiert uns Diccon Bewes mit dem grossformatigen Bildband „Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise“. Karten aus sechs Jahrhunderten, darunter mehrere wunderbare Fundstücke, lassen die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und touristische Geschichte der Schweiz lebendig werden. Zum Beispiel Ursula Hitz‘ typografische Karte der 25 höchsten Gipfel der 26 Schweizer Kantone (die beiden Appenzell teilen sich den Säntis), ergänzt um ein paar andere berühmte Berge wie Eiger, Pilatus und Matterhorn. Oder Gerardus Mercators grosse Karte der Schweiz, enthalten in seinem Atlas von 1595. Darauf findet sich das verschwundene Territorium Wiflispurgergow, das sich einst über die ganze Westschweiz, das halbe Berner Oberland und Teile des Bernbietes erstreckte. Der Name leitet sich von Wiflisburg her; so hiess Avenches, in römischer Zeit Hauptstadt der Civitas Helvetiorum, auf Mittelhochdeutsch.

Wollen wir dort das verschwindende Jahr erleben und auf das neue anstossen? Warum nicht? Allerdings liegt im einstigen Gau von Wiflispurg ein noch passenderer Ort, um dies zu tun: St. Silvester am Röstigraben im Hinterland von Freiburg/Fribourg. Persönlich zöge ich die beiden Diomedes-Inseln vor. Zwischen ihnen verläuft nämlich nicht nur die russisch-amerikanische Staatsgrenze, sondern auch die Internationale Datumsgrenze. Das heisst, dass es auf der kleineren westlichen immer einen Tag später ist. Wenn also auf der östlichen mit dem 1. Januar das Jahr wechselt, beginnt auf der andern erst der 31. Dezember. Anders gesagt: 48 Stunden Silvester.

In diesem Sinne: Happy New Year!

David Signer (Hrsg.): Grenzen erzählen Geschichten. Was Landkarten offenbaren. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015, Fr. 29.–, www.nzz-libro.ch .

Diccon Bewes: Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise. Hier und Jetzt Verlag, Baden 2015, Fr. 74.- www.hierundjetzt.ch

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