Grimsel

Der Grimsel oder die Grimsel? Jedenfalls geht es in diesem Buch um umkämpftes Terrain. Kraftwerk, Arvenwald ect. Im Totensee sollen einst die Leichen von Franzosen geschwommen sein. Heute ist’s eine Idylle. Nebel treiben, der See blaut. Tote allenfalls wenn im Sommer die Motorräder über den oder die Grimsel brausen.

An der Grimsel Cover„Kein Ort in der Welt, über den so verschiedene Ansichten geltend gemacht werden. ‚Ich gehe wenigstens einmal im Jahre hinauf, sagte mir ein Freund, der ein himmlisches Plätzchen am Thunersee sein nennt, zuweilen selbst scheue ich den langen Weg durch das Hasli zum zweiten Male nicht, um dort oben ein paar köstliche Tage zu verleben. Die frische Bergesluft stärkt mich, das leichte Wasser trinke ich mit mehr Wohlbefinden, als zu Hause meinen Wein, und ich fühle mich so heiter, so heimelig in der Familie des Wirthes, daβ ich stets mit wahrem Vergnügen mich unter diesem Dache finde.‘ Ich gab ihm Recht. Hatte ich denn nicht auch manchen Tag dort zugebracht, bei schönem und schlechtem Wetter, und das Plätzchen lieb gewonnen? Wir waren noch im Gespräche, uns manchen freundlich erlebten Augenblickes erinnernd, als meines Freundes liebliche Frau sich uns zugesellte. ‚Und ich, rief sie aus, als ihr des Gegenstand des Gespräches bekannt geworden, ich kann nicht begreifen, was ihr Alle an der Grimsel findet. Ich kenne keinen traurigeren Fleck auf Gottes Erdboden. Sollte man nicht glauben, im Grabe der Schöpfung selbst zu sitzen. Mein Mann hatte mir das Alles so schön ausgemalt, daβ ich mich verführen lieβ, ihn einmal zu begleiten. Ich bin nie unglücklicher gewesen, als während der paar Tage, welche wir oben zubrachten. Eine finstere Schwermuth, deren ich nicht Meister werden konnte, hatte sich meiner bemächtigt.‘“

Lese ich im Buch „Im Gebirg und auf den Gletschern“ von Carl Vogt, das 1843 im Verlag von Jent & Gaβmann in Solothurn erschien. Das Exemplar wurde vom „Lese-Cabinet, Papier & Spielkarten Verlag Alexander Pulver, Marktgasse N° 91 in Bern“ verkauft, wie einem Kleber zu entnehmen ist. Sechs der elf Kapitel spielen auf der Grimsel und im Haslital. Ein Buch zur Grimsel also. Und nun halte ich ein druckfrisches Buch in der Hand: „An der Grimsel“ von Susanne Vettiger. Ein Werk über „Landschaft, Berge, Menschen“, wie die Einladung zur Buchvernissage vom Samstag, 22. November 2014, in Buchhandlung Piz Buch & Berg in Zürich verspricht. „Es gibt darin vieles zu entdecken mit den Augen, dem Kopf und dem Herzen. Aus dem Nebel in die Sonne und zurück.“

Der graue Buchdeckel ist drei Millimeter dick und hat keinen Umschlag. Auf dem Cover ist eine Nebel-Fotografie zu erahnen, die sich auf der Rückseite lichtet und den Blick auf einen Stausee freigibt. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Auf den ersten 175 Seiten ohne Pagina und Legenden zeigt Susanne Vettiger 120 Fotos des Grimselgebietes: Berge und Beton, Granit und Gras, Hospiz und Hütten, Maschinen und Moränen, Strassen und Strommasten, Wasser und Wege. Zu jeder Jahreszeit. Archaisch und idyllisch, verspielt und verbaut, neblig und sonnig. Im zweiten Teil finden sich 60 Portraits von Menschen, die an der Grimsel leben und arbeiten: Einheimische und Zugewanderte, Erwachsene und Kinder. Und im dritten Teil lesen wir die ausführlichen, vorder- und hintergründigen Legenden zu den Fotos. Die erste laute so:

„Am Totensee. 2164 m. ü. M. an der Grimsel. Offenbarung, aus dem Nichts. Wetterwechsel, unvergleichliches Licht, schroffe, abweisende Felswände, unergründliches Blau der Seen. Schwemmebenen-Orte mit eigenem Rhythmus. Das Auge findet immer Neues. Wer sich bewegt, wird durch seine Wahrnehmung bewegt. Sehen, fühlen, erkennen, fragen und finden; LEBEN. Es ist ein persönliches Schauen und sich erleben, individuelles Sein.“

Schade, dass die Ehefrau des Freundes von Carl Vogt schon lange nicht mehr unter uns weilt. „An der Grimsel“ wäre das perfekte Weihnachtsgeschenk. Sie könnte damit die Grimsel erleben ohne hinaufzufahren.

Susanne Vettiger: An der Grimsel. Verlag du + ich, Basel 2014, Fr. 58.- www.du-i.ch.
Buchvernissage: Piz Buch & Berg, Müllerstrasse 25, 8004 Zürich, ab 14 bis 17 Uhr, www.pizbube.ch.

Kommentar abgeben