Heini Ryffel (1940–1963)

Der Mensch lebt, solange man sich seiner erinnert. Heini Ryffel ist vor fünfzig Jahren, am 13. Oktober 1963, am Ostturm im Bockmattli abgestürzt, zusammen mit Juli Hensler.

Heini hat mir das Leben gerettet. Warum musste er sterben? Warum habe ich überlebt? Die alten Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Es war im Winter 1962, wir kletterten im Bockmattli, waren eben in die kleinen Kehle zwischen der Namenlosen Kante und dem Kleinen Turm gequert, als uns eine Lockerschneelawine überspülte. Heini stand vor mir, krallte sich an seinen Pickel und hielt den minutenlangen mächtigen Strom des Schnees von mir ab. Ich hatte keinen Pickel, nichts, stand hilflos in der schwarzen tosenden Flut. Ohne Heini hätte es mich es mich aus dem Stand gerissen, dreissig Meter oder mehr über Felsen in die Tiefe geschleudert.
Bockmattli, das war unsere Leidenschaft. Sonntag für Sonntag mit dem Velo ins Wägital. Wir wetteiferten, Westpfeiler, Direkte Grosse Nord, Schafstöcklikante, Namenlose Süd. Kurz zuvor hatten wir die erste Winterbegehung gemacht. Grosse Pläne. Ostern im Donautal. Am Seil waren wir nie zusammen, ausser nach jener Lawine, als wir uns anseilten, Haken schlugen, weiterstiegen. Was wollten wir? Ich weiss es nicht mehr. Wir wollten einfach klettern, es war Winter, zuhause hielten wir es nicht aus. Ein grosser Sommer folgte. Im September gelang Heini mit Walti Schnyder die Alte Nordwand am Föhrenturm, wie man seine Route heute nennt. «Klassische Route mit einigen schönen Seillängen an Wasserrillen. Nach Regen lange nass», steht im Führer. H.Riffel, W.Schnyder. Eine schwache Erinnerung. Einmal kletterte ich die Route mit Christa, dachte an Heini. Er hatte immer wieder erzählt, wie er sich hoch über dem Stand an Wasserrillen krallte und einen Haken schlug, einen guten Haken. Heute ist die Route saniert, die alten Spuren sind beseitigt. Ich erinnere mich nicht mehr, ob sein guter Haken noch steckt.
Heini war ein einfacher Mensch, liebenswert, hilfsbereit. Ich besuchte ihn in Tuggen auf einem Bauernhof. Ein Hund stürzte mir entgegen, zerriss mir die Hosen. Seine Mutter nähte den Dreiangel. Heini lieh mir seinen Schlafsack, alt, mit Wolle gestopft, warm gab er nicht. Besser als nichts, wir hatten nicht viel damals, Geld schon gar nicht. Dafür Freunde, Träume, Pläne. Heini konnte, wenn ich mich recht erinnere, keine Lehre machen. Er arbeitete in einer Drechslerei. In einem Nachruf ist zwar von einer Lehre die Rede. Erinnerungen können täuschen. Sie hätten es nicht einfach, sagte er mir einmal, als Reformierte in der katholischen March. Klettern, das war unser Leben.
Im Sommer 1963 schaffte Heini mit Peter Arigoni grosse Routen in kürzester Zeit. Lyskamm Nordwand, Capucin Ostwand, dann gleich den Bonattipfeiler. Ich war im Militär, als ein Freund schrieb: «Sicher weisst du, dass Heini vor drei Wochen abgestürzt ist.» Nein, ich wusste es nicht. Ich rannte hinaus aus dem Zelt in den Wald, wo wir campierten, ich weinte.
Die glatte Nordwand des Ostturms, wir hatten oft über sie diskutiert, hinübergeschaut, Routen gesucht. Heini und Juli kamen etwa bis zur Mitte, ihren Sturz hat niemand beobachtet. Man fand sie unter der Wand. Freunde sind später hinaufgeklettert, ein Rucksack hing noch an einem Standhaken. Warum er nicht eingehängt war? Das ist wieder eine der Fragen, die nie eine Antwort finden.

2 Kommentare to “Heini Ryffel (1940–1963)”

  1. Hans-Peter Geier sagt:

    Ich finde es sehr schön, dass sich jemand an Heini Ryffel erinnert. Er war ein wunderbarer, bescheidener Mensch und ein grandioses Kletter-Talent. Nie ging er an seine Grenzen. Immer bewahrte er eine sehr grosse Sicherheits-Reserve. Umso unverständlich ist nach wie vor sein tödlicher Unfall mit Juli Hensler am Ostturm des Bockmattli…und wird es wohl für alle Zeiten bleiben.

    1962 haben wir miteinander eine ganze Reihe von grossen Klettereien realisiert, wie Aiguille Noire de Peuterey Südgrat, Aiguille du Géant Südwand, Piz Badile Nordostwand, Pizzi Gemelli Bügeleisenkante, Il Gallo Westgrat etc.

    Wunderschöne Erinnerungen an „tempi passati“

    Hans-Peter Geier

  2. Rolf Ganahl sagt:

    Den Rucksack fanden Ivor und ich auf einer Rekognoszierung im folgenden Sommer in der Scharte zwischen Trepsenstock (?) und Ostturm.
    Wohl am Vortag hatten Juli und Heini Seillaengen praepariert, die Erste davon ein schwieriger Quergang von der Scharte; dann sind sie wohl am gleichen (Quergangs-) Seil zurueckgestiegen, und am folgenden Tag erneut von der Scharte gestartet. Aus unserer Sicht war das Seil dann nur an zwei Endpunkten befestigt und frei haengend horizontal zur Wand.
    Am diesem Tag waren die Kletterer wohl bereits angeseilt, aber nicht mit gegenseitiger Sicherung plaziert. Es muss dann der Haken der Seilbruecke am Stand in der Scharte ausgebrochen sein…
    Wir haben unsere eigenen Plaene bezueglich Ostturm dann aufgegeben. Mit Heini und Peter Arigoni kletterten Ivor und ich in den Churfirsten (alte, oestliche Brisi Suedwand) und im Raetikon (kleinen Sulzfluh).

    Rolf Ganahl, Bainbridge, USA

    P.S. mit den Umlauten (diakritische Zeichen) tut man sich hier in USA schwer..

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