Neue Romane von zwei Autorinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber beide spielen in den Alpen, genauer: im Oberengadin. Am Schluss fahren die Hauptfiguren mit dem Auto über den Berninapass, die einen über den richtigen, der andere vielleicht über einen fiktiven.
«Warum bin ich hier?», fügt er mit einem Blick auf den Tisch hinzu. «Doch bestimmt nicht wegen der Nusstorte.»
«Es gibt Probleme am Arabrena-Stauwerk. Und ich brauch jemanden, der sich da oben auskennt.»
«Ich: Ich muss jetzt auch los. Der Berg ruft!
Ferdinand: Es schüttet. Und der Kaviar ist noch gar nicht da.»
Gesprächsausschnitte aus zwei neuen Romanen, darin die Berge eine zentrale Rolle spielen, heute und morgen.
Seraina Kobler schickt in «Tal der Schwalben» den jungen Energiewissenschaftler Alesch Mastei zurück in seine Bündner Heimat – und voraus in eine leider gar nicht mehr so ferne Zukunft, mit steigenden Meeresspiegeln, anschwellenden Flüchtlingsströmen, fast verschwundenen Gletschern und mit einer zweigeteilten Schweiz: der Metropolitane im Mittelland und dem Restland in den Bergen. Zur alpinen Brache gehört auch das einst mondäne Oberengadin.
Caroline Wahl schickt in «1999 Meter über dem Meer» die junge Kommunikationsfachfrau Samara – sie nennt sich auch Mary, Lena und Teresa – auf einen Selbstfindungstrip nach Bali, Berlin, zu den Eltern irgendwo in Deutschland, nach Oberstdorf und insbesondere nach St. Moritz, wo sie sich als Fotografin inszeniert bzw. inszeniert wird. Am liebsten sitzt die Hauptfigur, wie die Autorin selbst, in einem Cabriolet. Nicht zufällig ist auf dem Cover denn auch Karl Bickels Plakat für die 2. Internationale St. Moritzer Automobilwoche 1930 abgebildet: rote Autos rasen über eine kurvenreiche Passstrasse hoch. Ganz anders Koblers Schwalben, die vor einem unheilvollen, farbigen Himmel gegen einen schwarzen Felsen fliegen, der einer Sphinx oder Kassandra gleichen mag.
Und so wie die Zuckerbäcker aus dem Engadin jeweils wie Schwalben, wie Randulins, aus der Ferne in ihre Heimat zurückkehrten, so macht das auch Alesch, nur halb freiwillig, denn die Chefin des allesbeherrschenden Stromkonzerns schickt ihn zum Arabrena-Gletscher, wo in einem geheimen Labor eine revolutionäre, leider auch hochgefährliche Energiegewinnung getestet wird. Arabrena, das tönt wie Cambrena, und diesen Gletscher gibt es noch, südwestlich des Berninapasses. Arabrena ihrerseits existiert bereits, weiss die künstliche Intelligenz: «eine digitale Wissens- und Ausbildungsplattform, die sich auf die Förderung von erneuerbaren Energien in der Region Naher Osten und Nordafrika konzentriert.» Das nur nebenbei. So wie auch nur am Rande notiert sei, dass sich bei der Beschreibung der Bahnstrecke vom Genfersee nach Bern geografische Unstimmigkeiten eingeschlichen haben. Vielleicht ändern sich ja, wenn das Land in eine Arbeits- und Lebenszone sowie in eine Sperrzone halbiert wird, auch die Verkehrsströme? Jedenfalls ungemütliche Zukunftsaussichten. Hoffen wir, dass es dann noch Leute mit gesundem Menschenverstand gibt, wenn die Gletscher nicht nur schmelzen, sondern in die Luft fliegen, wie der halbfiktive am Berninapass.
Über diesen Pass verlassen Samara und ihr Fritzi, den sie in Berlin erstmals getroffen und dann in St. Moritz wiedergefunden hat, «das süße Dörflein» – und das Buch. Kurz nachdem sie sich in einer einfachen Hirtenhütte, in der über der Tür «1999 Meter» ins Holz geritzt ist, die gegenseitige Liebe gestanden haben. Auf der Landeskarte findet sich die Hütte nicht, muss es auch nicht, ein bisschen Hochstapelei darf sein, wie der ganze Roman ja so gelesen werden kann und muss. «Wie eine junge Hochstaplerin die St. Moritzer High Society an der Nase herumführt», lautet eine erfundene Spiegel-Schlagzeile. Ganz real ist jedoch, dass Caroline Wahl für ihre Romantitel gerne Zahlen wählt: «22 Bahnen» und «Windstärke 17» hiessen ihre ersten beiden Werke – beide verkauf(t)en sich bestens.
Ganz real ist ebenfalls, was Annetta, die Jugendliebe von Alesch, zu den Lebensaussichten in den Bergen sagt; sie will dort oben bleiben – was sie erwartet, gilt freilich auch unten im Tal: «Es wird noch schwerer, hier zu leben. In diesem schnellen Wechsel von zu viel und zu wenig. Hitze, Dürre, zu wenig Wasser, dann zu viel. Kein Schnee oder Berge davon.»
Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. € 24,00. Am 19. Oktober 2026 um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich stellt Caroline Wahl ihr neues Buch vor. https://kaufleuten.ch/event/caroline-wahl-literatur/
Seraina Kobler: Tal der Schwalben. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2026. € 25,00. Am 14. September 2026 um 18.30 an der Uni Luzern findet die Lesung von Seraina Kobler statt, mit anschliessender Diskussion mit Prof. Dr. Boris Previšić, Direktor des Urner Instituts Kulturen der Alpen, und Prof. Dr. Max Baumgart, Energierechtler am Zug Institute for Blockchain Research. https://www.unilu.ch/agenda/prof-dr-boris-previsic-seraina-kobler-und-prof-dr-max-baumgart-energie-10564/

