Hütten und Biwaks

Vier neue Bücher befassen sich mit besonderen Hütten und Biwaks in den Alpen und anderswo. Und im Tessin, dem Gebiet der Schweiz mit den meisten alpinen Unterkünften, wartet ein neues Bivacco auf Wanderer.

«Die Selektion der Hütten erfolgte aus verschiedenen Gründen: Einige befinden sich an außergewöhnlichen Orten; andere sind aufgrund ihrer Rolle für historische Routen, Überschreitungen oder Erstbesteigungen von Bedeutung; wieder andere wurden aufgrund ihres architektonischen Charakters ausgewählt, seien es minimalistische Biwaks oder größere bewirtschaftete Berghütten. Die Absicht dabei war es, eine breite Auswahl an geografischen Lagen und Baustilen zu repräsentieren. Einige der Hütten sind äußerst abgelegen, die Aufstiege nur für erfahrene Bergsteiger geeignet. Andere sind in einer Tageswanderung zu erreichen und laden alle ein, die sich nach Einsamkeit und Gebirge sehnen.»

Na ja, das mit dem Gebirge mag stimmen, das mit der Einsamkeit nicht immer. Im Berggasthaus Aescher-Wildkirchli im Alpstein wird man sich kaum je einsam fühlen, zu überlaufen ist diese Location in den letzten elf Jahren geworden, seit sie unter dem Titel «Places of a lifetime» als Titelbild des National Geographic abgebildet worden war. Das Berggasthaus ist eine von acht Schweizer Hütten im Bildband «Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur»; fünf davon sind Unterkünfte des Schweizer Alpen-Clubs (Dolent, Vignettes, Bouquetins, Monte Rosa, Grassen). Sieben der 34 vorgestellten Berghütten stehen in Italien, je vier in Frankreich und Norwegen, je drei in Österreich und Slowenien, zwei in Deutschland, je eine in Island, Kanada und Neuseeland. Die Texte sind etwas banal, die Fotos eher normal, bei den technischen Angaben zu den Hütten fehlen die die Internetadressen.

Ebenfalls 34 Hütten stellt der Bildband «Là-haut. Refuges d’exception». Drei SAC-Hütten wurden aufgenommen (Tracuit, Moiry und – einfach unübersehbar – Monte Rosa). Italien mit elf Capanne alpine steht zuoberst, gefolgt von Norwegen (sechs) und Slowenien (vier); vielleicht sollte man dort mal Wanderferien zu diesen besonderen Hütten und Biwaks planen. Frankreich und Kanada sind mit je zwei Refuges vertreten, je eine gebirgige Unterkunft verteilen sich auf Bosnien, Alaska, Chile, China, Australien und Neuseeland. Die Fotos geben viel her, der Text manchmal weniger; so wird empfohlen, sich auf dem Weg zur Cabane de Moiry anzuseilen, bei Schwierigkeit T2. Koordinaten fehlen, Internetadressen teilweise auch.

Rundum empfehlenswert sind hingegen die beiden Bände «Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts» von Ben Tibbetts und Valentine Fabre. Insgesamt 50 solche wilden «Alpinkabinen» haben die beiden zu unterschiedlichen Jahreszeiten besucht und schildern nun nicht nur die Hüttenwege, die Bauten, sondern auch lohnende Touren von dort aus. Mehr noch: Die Geschichte des Hüttenbaus in den Alpen ist sehr lesenswert, die technischen Angaben zu den präsentierten Touren sind’s ebenfalls. Der zweite Band dieser wirklich aussergewöhnlichen Hüttenbücher stellt mit starken Fotos und Texten 25 Biwaks vom Montblanc-Massiv bis zu den Dolomiten vor. Darunter fünf aus der Schweiz: Bivouac du Dolent CAS, Mischabeljochbiwak SAC, Cresta-Biwak SAC, Fusshornbiwak, Aarbiwak SAC. Dazu eines auf der Landesgrenze (Bivacco Anghileri e Rusconi) und zwei knapp dahinter (Bivacco Fiorio ob dem Petit Col Ferret, Bivacco Zeb südlich des Grenzgipfels Mater de Paia). Das neue Bivacco Gervasutti, das auf dem Cover von Band 2 leuchtet, hängt als gestrandetes Raumschiff über dem Glacier de Fréboudze ebenfalls in den zwei weiter oben erwähnten Bildbänden.

Der italienische Alpinist und Architekt Luca Gibello kennt sich aus mit dem Hüttenbau im Hochgebirge. So lautet auch der Titel von einem seiner Werke, das im Verlag des SAC erschienen ist. In seinem neuen Buch «Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola» blickt er zurück auf 100 Jahre Bau von Biwaks, die man einst auch Biwakschachteln nannten, weil sie so klein waren und wie vorgefertigte Schachteln oder Container aussahen, die sich auf minimalstem Platzbedarf verankern liessen. Gibello zieht ein rotes Seil von der legendären Halbkugel des Ravelli-Modells über die Serienfertigung des Apollonio-Modells, das später von der Fondazione Berti perfektioniert wurde, bis hin zum allseits bekannten Gervasutti-Biwak und der heutigen Verbreitung, die eher das Publikum der sozialen Netzwerke als die Bergsteiger-Community anspricht.

In den Tessiner Alpen, ohnehin die hüttenreichste Region der Schweiz, gibt es in diesem Jahr eine neue Unterkunft: das Bivacco Bassa di Nara etwas östlich des Übergangs Bassa di Nara (2122 m) zwischen der Leventina und der Valle di Blenio, auch bekannt als Valle del Sole. Offiziell eingeweiht wird das Biwak am 23. August 2026, während der Festa patriziale di Prugiasco; diesem Patriziat gehört es auch. Der Bau war nötig geworden für die mehrtägige Via Alta del Sole, die dem langen Grat zwischen den beiden Tälern bis zum Gotthard folgt; eröffnet wird diese neue Trekkingroute im Ticino am 6. September 2026. Und das sind die sechs Etappen: 1. Loderio bei Biasca – Capanna Pian d’Alpe; 2. Cap. Pian d’Alpe – Bivacco Bassa di Nara; 3. Biv. Bassa di Nara – Rifugio Ganna Rossa; 4. Rif. Ganna Rossa – Capanna Cadagno; 5. Cap. Cadagno – Capanna Cadlimo; 6. Cap. Cadlimo – Passo del Gottardo. Viel Spass beim Hüttenerwandern!

Aaron Rolph: Alpine Zufluchten. Berghütten am Limit der Natur. Gestalten Verlag, Berlin 2026. € 45,00. Alpine Refuges. The Architecture and Culture of Mountain Shelters.

Agata Toromanoff: Là-haut. Refuges d’exception. Éditions Glénat, Grenoble 2025. € 36,00. Amazing Mountain Cabins. Architecture Worth the Hike, 2024.

Ben Tibbetts & Valentine Fabre: Cabin Wild. Alpine Bivouac Huts. Volume 1 West: Mediterranean to Mont Blanc; Volume 2 East: Mont Blanc to the Dolomites. Alpenglow Editions, Chamonix 2025. je Fr. 51.-. (bei www.pizbube.ch)

Luca Gibello: Bivacchi delle alpi. 100 anni di emozioni in scatola. CAI edizioni 2025. € 26,00.

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