Im Alter

«Man ist so alt, wie man sich fühlt» ist ein Gemeinplatz, mit dem man sich gern darüber hinwegtröstet, dass man mit der Zeit loslassen sollte. Die einen schaffens, die andern leiden.

IMG_7149Vor ein paar Wochen bekam ich ein Diplom: 50 Jahre Mitglied im Alpen-Club. Das ist nun kein grosses Verdienst, aber es erinnert einen wieder einmal mehr: Du bist im Alter. Tragische Erinnerung auch der Anruf kürzlich: Ein Freund, wenig älter als ich, ist auf einer Skitour an Herzversagen gestorben. «Ein schöner Tod», pflegt man zu sagen, an einem sonnigen Tag inmitten der geliebten Berge. Aber eigentlich möchte man doch lieber noch ein bisschen weiterleben, selbst ohne Sonnenschein. Zum Beispiel an einer schattigen Felswand im Süden noch etwas klettern, es muss ja nicht mehr 7a sein. Gerade wir Bergsteiger und Kletterer tun uns schwer mit dem Alter. Kommen im Klettergarten ein paar Junge daher und packen an, so schielen wir hinüber und schmunzeln heimlich, wenn sie am Überhang auch ein bisschen studieren müssen. Wir haben den doch locker geschafft, wann war das? Vor zwanzig Jahren? Und heute, na ja, nächstes Mal versuche ich, ob es nicht vielleicht doch noch geht.

Der beste Kletterpartner aus meiner Jugendzeit hat schon vor 30 Jahren aufgehört. Er war einer der stärksten Alpinisten aus der Gegend damals, ein begnadeter Kletterer und Spitze auch im Eis und im kombinierten Gelände. Nach einer Tour fand er: Ich hab’s gesehen! Genauso wie eine Bekannte, die zur Elite gehörte und nach einer tollen Kletterwoche ihre Ausrüstung an den Nagel hängte, buchstäblich. «Und da hängt sie nach Jahrzehnten immer noch», erzählt sie lachend. «Schöner kann es nicht mehr werden, sagte ich mir.»

Vielleicht haben die beiden es richtig gemacht, die Kurve bekommen, wie man sagt. Andere leiden, können nicht loslassen, verbeissen sich. Oder auch nicht. Der Bündner Bergführer Walter Belina liess sich mit 80 von Freunden durch die Cassinroute am Badile führen und hatte offensichtlich Spass daran. Inzwischen ist er auch verstorben. Marcel Remy, der Vater der bekannten Routenerschliesser Claude und Yves, kletterte mit 92 Jahren noch 5c im Vorstieg. Andere würden gern, haben aber leider keine Söhne oder Freunde als Seilpartner für das Felsabenteuer im Alter. Vom berühmten Max Niedermann, der auch schon gegen 90 geht, habe ich gehört, dass er vor allem noch Klettersteige geht, da er dazu keinen Partner braucht. Auch andere Bergsteiger im fortgeschrittenen Rentenalter klagen, dass sie gerne noch was unternehmen würden, aber keine Begleiter finden. Sich der Senjorengruppe des SAC anschliessen ist auch nicht jedermanns Sache.

Die meisten der alten Kumpels haben aufgehört zu klettern, sie wandern vielleicht noch oder haben sich aufs Biken oder aufs Elektrovelo verlegt. Zudem haben unsere Altersgenossinnen und -genossen ohnehin fast nie Zeit. Reisen, Ferienhaus, Enkel und Urenkel hüten, Altersuni und Tanzstunde und die vielen Einladungen und Gegeneinladungen und Geburtstage. Altersstress sagt man dem. Ich käme ja schon gern, aber … also vielleicht ein andermal. Nach zwei oder drei Anrufen oder Mails gibt man auf.

Ein Bekannter hat eine andere Lösung gefunden. Eine Kletterpartnerin, 30 Jahre jünger, ist nun auch Lebenspartnerin geworden. Inzwischen klettert sie ein paar Grade härter als der alte Crack, aber sonst scheinen sie glücklich. «Man ist so alt, wie man sich fühlt» ist ein Gemeinplatz, aber etwas Wahres ist schon dran. Stehe ich am Morgen auf, dann tun mir alle Knochen weh und manchmal fühle ich mich so zerschlagen, dass ich mich gleich auf Sofa legen möchte. Drei Stunden später im Klettergarten fühle ich mich so fit, dass ich nach dem Aufwärmen im Übermut ein altes Projekt anpacke. Ich schaffe es bis zur Crux, dann seile ich ab. Immerhin. Und wie es weitergeht, wüsste ich ja, von früher. Nur den Zangengriff mochte ich nicht mehr halten.

Unten sagt der Junge, der wartet, bis die Route frei ist, zu mir: «Wow, das haben Sie aber elegant geschaft. In Ihrem Alter.»

«Du kannst Du zu mir sagen», gebe ich zur Antwort, packe Seil und Expressschlingen ein. Das nächste Mal schaffe ich es bestimmt. Wenn nur niemand zuschaut.

Kommentar abgeben