Den feinen wissenschaftlichen Bildband über die Höhlen der Schweiz liest man am besten jetzt, wenn es draussen 30° und mehr ist.
«Aber am Rande des sprudelnden Quells blüh’n Alpenranunkeln,
Gritliblumen und Veilchen empor im bekräuterten Moosgras,
Und es erröten versteckt Erdbeeren im niedern Gebüsch.
Innen durchblitzt die schaurige Nacht der Kristalle Gefunkel;
Und aus der einzigen Öffnung erblickt durch schillernde Flechten
Grünender Zweig‘ und Eppiggehäng‘, anstaunend der Wandrer,
Gleichsam im magischen Spiegel, des Sees hellglänzende Küsthöhn.»
Tja, so wurde die Beatushöhle einst beschrieben. Heute hört es sich etwas prosaischer an: «Die Höhlen mit ihrem grossen Eingangsportal, das sich in die Kalksteinwand am Nordufer des Thunersees schmiegt, bieten einen malerischen und zugleich majestätischen Anblick; Wasserfälle am Höhleneingang lassen den Ort lebendig wirken.» Also immer noch: schmiegsam, malerisch, majestätisch, lebendig. Anders gesagt: besuchenswert. Bei dieser Hitze erst recht. Die St. Beatus-Höhlen gehören zu den dreizehn touristisch erschlossenen Höhlen der Schweiz. In denen es auch im Hochsommer angenehm kühl ist – Pullover mitnehmen bei einem Besuch.
Zur Anreise und Abkühlung sei Lektüre empfohlen. Weniger allerdings das Werk, aus dem die poetischen Zeilen stammen. Nämlich aus dem vierten Gesang von «Parthenaïs oder Die Alpenreise. Ein idyllisches Epos in zwölf Gesängen» des dänischen Schriftstellers Jens Immanuel Baggesen (1764–1823); das Epos erschien 1804, im gleichen Jahr wie «Wilhelm Tell», und machte für das Berner Oberland so fein Reklame wie Friedrich Schiller für die Zentralschweiz. Ich fand Baggesens Lob der Beatushöhle, zusammen mit Staubbach und Jungfrau, im Taschenbuch «Das Berner Oberland im Lichte der deutschen Dichtung» von Otto Zürcher, 1926 im Haessel Verlag in Leipzig erschienen, als 18. Bändchen der Reihe «Die Schweiz im deutschen Geistesleben». Ob diese kulturelle Verbindung die Politiker hüben und drüben kennen?
Doch jetzt sofort von draussen nach drinnen: ins Buch «In den Höhlen der Schweiz. Vom Abenteuer zur Wissenschaft» von Rémy Wenger, Amadine Perret und Jean-Claude Lalou, herausgegeben vom Haupt Verlag in Bern und vom Schweizerischen Institut für Speläologie und Karstforschung. Die vier Kapitel behandeln Geschichten aus der Unterwelt (da hat auch der heilige Beatus seinen Auftritt), den natürlichen Lebensraum (was da drinnen alles kreucht und fleucht), die wissenschaftlichen Bereiche der Höhlenforschung (wie Geomorphologie oder Hydrogeologie) sowie Abenteuer unter der Erde (Höhlentauchen, Engstellen) – wer unter Klaustrophobie leidet, sollte bei den entsprechenden Fotos weiterblättern. Allerdings: Die Bilder in diesem Buch – schon gewaltig, was es da im natürlichen Untergrund der Schweiz zu sehen gibt. Das Inventar der Schweizer Höhlen und Schachthöhlen umfasste im Jahr 2023 11‘765 Höhlen. Die längste ist das Hölloch mit 21 Kilometer, die St. Beatus-Höhlen belegen mit gut 12 Kilometern Platz zehn. Jens Baggesen hätte sich vor gut 200 Jahren also schon ein bisschen hineinwagen können und dann hoffentlich Katzengold bewundert anstatt die Erdbeeren beim Eingang… Die tiefste Höhle ist das Siebenhengste-Hohgant-System mit einer Tiefe von 1340 Metern. Dort unten ist es jetzt wunderbar kalt. Aber wehe, wenn das Wasser kommt: «Nur hoch oben donnert es stets und droht in dem Hersturz/Alles mit reißender Flut zu verschwemmen.»
Rémy Wenger, Amadine Perret, Jean-Claude Lalou: In den Höhlen der Schweiz. Vom Abenteuer zur Wissenschaft. Haupt Verlag, Bern 2024. Fr. 59.-

