Das 150. Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins, des Österreichischen Alpenvereins und des Alpenvereins Südtirol sowie Volume 129 of The Alpine Journal bieten gebirgige Lektüre vom Feinsten.
«Uns bietet das kühn hinausgebaute Horn einen wahrhaft phantastischen Anblick dar. Wie ein einziger, dem Gebirge entwachsener Riesenkrystall ragt die blendend beleuchtete Spitze gegen den nächtlich blauen, wolkenlosen Himmel auf. Von dem senkrechten Abbruche, welcher sich auf der Nordseite des Horns noch mehrere Klafter hoch über die weite Aushöhlung erhebt, hängen hunderte von kolossalen Eiszapfen herab, welche in dem grellen Sonnenlichte gleich Edelsteinen funkeln.»
So beschreibt der Geograf Friedrich Simony (1813–1896), Mitbegründer des Österreichischen Alpenvereins am 19. November 1862, den Gipfel des Großvenedigers (3657 m), «eine steil aufgerichtete, nur mit Gefahr zu erklimmende Schneescheide, auf derem höchsten Punkte kaum als 5 – 6 vollkommen schwindelfreie Menschen Platz zu finden vermögen». Der Großvenediger ist der höchste Gipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern und des Landes Salzburg. Simonys 32seitiger Aufsatz «Aus der Venedigergruppe» erschien 1865 im ersten Jahrbuch des Alpenvereins. Nun liegt die 150. Ausgabe vor: BERG 2026, gemeinsam herausgegeben vom ÖAV mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol. Hauptfigur in der Rubrik BergWelten ist wie einst der Großvenediger. Simonys Gipfelwechte ist auf seinem Aquarell von 1856 zu bewundern; allerdings würden sich da kaum Menschen hinaufwagen, so fragil hängt das Schnee- und Eisgebilde über dem Abgrund. Längst ist die Wechte weggeschmolzen, wie viele Gletscher ebenfalls.
Der Jubiläumsband steht im Zeichen des Wandels. In den BergFokus genommen wird die Natur, aber auch der Mensch – und wie er mit seinem Denken und Tun die Landschaft verändert, unter anderem in einem Beitrag von Georg Bayerle (mehr zu ihm hier: https://bergliteratur.ch/alpen-appelle/). In der Rubrik BergSteigen geht es ums Free Solo, das schon auf viel leichteren Routen passiert, als wir denken; um die naturverträgliche Lenkung des Skitourenbooms; um den rasanten Siegeszug des Elektromotors für Mountainbikes; und um Sexismus in den Bergen – Autorin Nadine Regel fordert «Mehr Respekt bitte!». Das BergWissen beschäftigt sich unter anderem mit der Gemse und der Frage, ob sie sich im Zuge des Klimawandels zu einer neuen Art entwickeln könnte.
Flora statt Fauna. Die Titelseiten der Rubriken im «The Alpine Journal 2025. A record of mountain adventure and scientific observation» bilden Alpenblumenaquarelle von Reginald Farrar (1880–1920); der Botaniker, Alpinist und Autor wird auf neun Seiten porträtiert. Weitere Porträts im Jahrbuch des Alpine Club erhalten Tom George Longstaff, der 1899 mit dem Grindelwalder Führer Christian Kaufmann unterwegs war, und Eustace Thomas, ein früher 4000er-Sammler. Diese besonderen Alpengipfel werden in einem andern Kapitel ausführlich bestiegen. Aufschlussreich ist «The Alpine Journal and the Ladies» – keine einfache Beziehung, früher jedenfalls. Meta Brevoort stand am 20. September 1871 als erste Frau auf dem Bietschhorn; sie verfasste einen Bericht über die Tour und publizierte ihn 1872 im Journal, allerdings nicht unter eigenem Namen. Micha Rinn seinerseits nennt die Traversierung aller neun Türme der Drei Zinnen in den Dolomiten «between Heaven and Earth».
Zwischen Himmel und Erde: So malte Friedrich Simony den Großvenediger. Und wir sind schon bald zwischen 2025 und 2026. In diesem Sinne: Es guets Nöis!
Axel Klemmer (Hrsg.): BERG 2026. Alpenvereinsjahrbuch 150. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2023, € 25,00.
Adam Butterworth (Editor): The Alpine Journal 2025. Volume 129. The Alpine Club, London 2025; in der Schweiz erhältlich bei www.pizbube.ch, Fr. 38.00.

