Kaiserweg

Ein Nachtrag. Ein Nachstieg. Nach 47 Jahren im Donautal – trotz Kletterverbot.

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Die Griffe sind gross, aber kalt, der Fels sieht anfangs ein bisschen bröcklig aus. Früher stieg man weiter links hoch, durch Schrofengelände. Früher, das heisst für mich: Karfreitag 1962. Froh bin ich, dass heute Robert vorsteigt. Er hat mir sogar seine dick wattierte Jacke überlassen, die er im Winter in den grossen Nordwänden der Alpen oder während eisigkalten Erstbegehungen im Tien Schan trägt. Ein guter Freund, ein genialer Kletterer und Schriftsteller, mit dem zusammen ich eben ein zweites Buch herausgegeben habe**. Nun klettere ich also dick eingepackt, mit unsern Schuhen behängt und mit verbundener Hand. Tags zuvor hat mir der Arzt ein Gewächs herausoperiert, die Naht hält.
Den Kaiserweg nochmals gehen war ein Traum. Im Internet lese ich zwar etwas von Kletterverbot, wir kümmern uns nicht drum, irgendwelche Greifvögel oder brütende Mauerläufer sichten wir nicht und auch keine militanten Naturschützer, die gelegentlich auch Bussen verteilen.
Es ist ein Wochentag, bedeckter Himmel, die Wand noch da und dort nass, die Donau führt Hochwasser. An so einem Tag bleiben die Felspolizisten offenbar lieber hinterm Ofen sitzen. Wir haben uns inzwischen recht warm geklettert. Einmal hänge ich ins Seil, die Griffe sind Fingerlöcher, der Fels etwas glitschig. An der Stelle musste ich damals umkehren, glaube ich mich zu erinnern, und meinen Freund vorschicken.
Wir waren ziemlich unbedarft angereist, ohne Pass und Papiere. In Singen holte uns die Grenzpolizei aus dem Zug, wir mussten Formulare ausfüllen, bestiegen als ersten Gipfel im fremden Land den Hohentwiel. Von Beuron wanderten wir dann durchs Tal hinab gegen Hausen, schwer beladen mit Zelt und Seil und Haken. Männer sassen in Gartenwirtschaften beim Bier, das sie ohne Gläser direkt aus der Flasche tranken. Wir campierten direkt vor der «Mühle». Am andern Morgen zum Schaufelsen, da schaute uns einer zu: Rolf Ott, der heute noch zu den Legenden im «Täle» gehört. Der sagte: «Jungs, ihr klettert ganz gut. Auf zum Kaiserweg!» Zu dritt stiegen wir also durch die Route, die damals einen gewaltigen Nimbus hatte. Sie gehörte zum Pflichtstoff der damaligen Kletterelite. Ein «Muss» also für uns junge Schnösel. Rolf weihte uns ein in die damalige Technik, bei der man viel mit Steigbügeln und Fiffihaken hantierte.
Es war schon Nacht, als wir ausstiegen. In der «Mühle» ging dann ein gewaltiges Fest ab: Rolf führte uns ein in die Runde der Locals, ein Bierstiefel kreiste, vier Liter fasste er, das weiss ich noch, und dazu sagen wir «Mein Vater war ein Wandersmann». Noch heute summe ich das beim Staubsaugen vor mich hin. Die Wirtin füllte immer wieder Bier nach, «Fev» nannte man sie und auch sie war eine Legende. Ob sie hübsch war oder jung oder alt, daran mag ich mich nicht mehr erinnern, denn schon bald war meine Sicht nicht mehr so klar, und als wir zu unserem Zelt torkelten, da hatten wir beide unseren ersten Rausch gefasst.
Na ja, die Zeiten. Der grosse Quergang sieht noch immer ziemlich eindrücklich aus, drüben am Stand bei Robert hängen die Seile ins Leere. Den letzten Riss, nicht schwierig, klettere ich dreimal, weil ich einen Karabiner am Stand hängen lasse. Er sah so alt aus, als stamme er noch aus unserer Zeit, aber Robert wollte ihn auf keinen Fall opfern.
Dann sitzen wir oben im Wald und mir kommen wieder mal beinahe die Tränen. 47 Jahre, fast ein halbes Jahrhundert. Abseilen, noch etwas klettern, dann wird es uns definitiv zu kalt. Gern hätten wir einen Kaffee getrunken, doch sämtliche Restaurants im Täle sind geschlossen. Wir teilen uns einen Schluck Tee aus der Thermosflasche, verabschieden uns. Robert fährt nach Norden, ich nach Süden.
«Erste Begegnung mit einem fremden Land», so lautete das Thema des Prüfungsaufsatzes zur Ingenieurschule, zwei Jahre nach unserer Oster-Expedition ins Donautal. Ich schrieb über die Grenzpolizei, die uns aus dem Zug holte, und wie während der Wartezeit in Singen den Hohentwiel bestiegen. Eine gute Arbeit, glaube ich, jedenfalls bestand ich die Prüfung, vielleicht gerade dank der Aufsatznote. Heute brauche ich keine Ausweise mehr an der Grenze, ich fahre einfach durch; zum Klettern brauche ich keine Steigleitern und Fiffihaken mehr, wie damals, besaufe mich auch nicht mehr nach der Tour; mein Ingenieurdiplom brauche ich nicht mehr und muss nie mehr Prüfungen bestehen. Nur klettern muss oder darf ich noch: meine eigene Grenze, meine selbst auferlegte Prüfung, mein immer wiederkehrender Rausch.

** Emil Zopfi, Robert Steiner: Tod am Khan Tengri, Lorenz Saladin, Expeditionsbergsteiger und Schriftsteller. AS Verlag, Zürich 2009

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