Klettergarten Holzegg

Zum ersten Mal im Klettergarten auf der Holzegg. Der schönste Ort zum Klettern, den sie kenne, sagt Christa.

Die Wand sieht phantastisch aus, fast weisser Kalkfels, geformt wie ein kleiner Berg, eine achtzig Meter hohe Kopie des Grossen Mythen, an dessen Fuss er sich erhebt. In der Seilbahn haben wir Peter Guyer getroffen, den «Mythenpöstler», Doyen des Huderterclubs. Er steige nicht mehr hinauf, sehe fast nichts mehr. Sein Freund vom Hunderterclub, Armin Schelbert, schaffe demnächst die 5000ste Besteigung des Grossen Mythen. Wie wir gönnt sich auch Peter einen Kaffee im Restaurant. Zur Wand sind es ja nur fünf Minuten, den etwas versteckten Einstieg in den Zugangsweg finden wir auf Anhieb.

Es ist ein gewöhnlicher Werktag, doch da klettern schon einige Teams, eine Seilschaft hängt hoch in der Wand. An Wochenenden sei der Klettergarten schon ziemlich überlaufen. Eigentlich frage ich mich, warum wir noch nie hier gewesen sind. Die Anfahrt mit Zug, Bus und Seilbahn ist mit OeV einfach und schnell. René Andermatt, der die Hauptarbeit beim Einrichten geleistet hat, hat mir vor ein paar Jahren fürs Mythenbuch Informationen geliefert. Und erwähnt, dass wir uns eigentlich kennen. Vor dreissig Jahren entstanden die ersten Routen, 2010 bis 2014 haben René und sein Team grosse Arbeit geleistet. Fels geputzt. Über dreissig Routen eingebohrt, zum Teil bis drei Seillängen, mit Abständen wie in der Halle, dazu perfekte Stände mit Ketten und Umlenkkarabinern. Ein kleines Vermögen haben sie wohl investiert. Zur Freude der kletternden Nachwelt.

Und die Freude ist gross, der Fels schön griffig, noch nicht abgespeckt, die Routen, die wir klettern, interessant. Risse, Platten, sehr abwechslungsreich. Klar, wir bleiben im Seniorenbereich! Die Sonne wärmt, in der Tiefe tingeln Kuhglocken auf der Alp, über dem Muotathal sehen wir Rossstock, Kaiserstock, Blüemberg. Berge, die zu unserer eigenen, ganz privaten Geschichte gehören. Glückliche Erinnerungen. Wir klettern für einmal mit Helm, wie empfohlen, da gelegentlich noch ein Griff abbrechen kann oder sonst ein Stein sich lösen. Allerdings hören wir keinen einzigen an diesem Tag. Wahrscheinlich ist der Weg auf den Grossen Mythen gefährlicher, was Steinschlag betrifft.

Die Wand ist durch einen Bergsturz vom Holzeggköpfli entstanden, die riesige Schutthalde hat eine ganze Alp zugedeckt. Der Geologe Albert Heim datiert ihn ins 16. Jahrhundert. Der Malmkalk ist im geologischen Massstab noch frisch gebrochen, wenig verwittert. Nach den paar Stunden Kletterei sind wir so begeistert, dass ich sogar wieder mal einen Blog schreibe …

Zu Beginn meines Kletterlebens, Frühling 1960 glaube ich, bin ich schon einmal zum Klettern auf die Holzegg gekommen. Mit dem Velo die weite Fahrt aus dem Zürcher Oberland ins Alpthal. Köbi, mein Gefährte, baute mit seinem Töffli einen kleinen Unfall, den verbogenen Lenker seines konnten wir von Hand wieder richten. Köbi wanderte kurz darauf nach Neuseeland aus, wo er glaube ich heute noch lebt.

Eine schlaflose Nacht verbrachten wir im Massenlager auf der Holzegg. Eine Gruppe von besoffenen Naturfreunden gröhlte, erzählte schlüpfrige Witze. Ruhig waren nur die Pärchen, die unter Wolldecken kuschelten. Am Morgen waren wir fast froh, dass dicke Wolken um die Mythen strichen, die Felsen noch nass waren vom Regen der Nacht.

Wir unterhielten uns mit zwei  Kletterern der Jugendorganisation der SAC-Sektion Mythen aus Schwyz, die am Nachmittag zum Geissstock wollten. Köbi und ich zogen ab. Zwei Tage später las ich in der Zeitung, dass Klaus Neff und Gebhard Bischof an jenem Tag zu Tode stürzten. So hat der schönste Tag auch seine besinnliche Seite, denn vor den Erinnerungen gibt es kein Entrinnen. Sie sind da, eingeschrieben in die Landschaft, lesbar nur für die Erinnernden.

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