Klettersteige zwischen Seine und Lago di Como

Klettersteigführer für die Schweiz und die Lombardei. Sowie Steige in Paris und am Mont Aiguille.

«La Via ferrata de Châtelet – AGE: 5 à 10 ans.
– 1 enfant par plate-forme, par module d’escalade et par échelle.
– Accès interdit par temps de gel ou de pluie.
– Accès interdit aux adultes.»

Diese Benutzungsvorschriften stehen auf einem Schild zum Klettersteig am rechten Ufer der Seine, den die Mairie de Paris an der Strassenmauer errichten liess. Bis 2016 rasten auf der Strasse Autos entlang der Flusses, nun promenieren Fussgängerinnen und Velofahrer. Wie sich Paris überhaupt dem Lautlos- und Langsam-Verkehr geöffnet hat. Dazu passt eben auch die rund zwölf Meter lange Via ferrata zwischen Pont au Change und Pont Neuf.

Etwas länger ist der 2021 eröffnete Klettersteig Klewenalp schon. Er umrundet mit drei Seilbrücken Kalksteinstürme unweit der Bergstation des Ärgglen-Skiliftes. Gut zwanzig Minuten dauert das Abenteuer, vielleicht auch länger, wenn man wie ich vergass, den Rucksack beim Grillhüsli zu deponieren und ihn dann fast am Ende des Steigs durch einen Felsdurchschlupf stossen muss… Diese kurze Via ferrata hoch oberhalb Beckenried am Vierwaldstättersee gehört zu den neuen Eisenwegen in der fünften Auflage von «Klettersteige Schweiz». Eine andere Neuheit dieses von Iris Kürschner gemachten Rother Klettersteigführers ist die schwierige Via ferrata Charmey, welche die Dents Verts ob der Gondelbergstation Vounetse erschliesst. Der Routenname «Plein Vide» lässt erahnen, dass viel Luft unter den Sohlen zu erwarten und zu erleben ist. Insgesamt umfasst der Führer mit den meisten, aber nicht allen Klettersteigen der Schweiz und mit vielen gesicherten Wegen 81 Touren.

Halb so viele präsentiert Andrea ‹Bedoii› Carì mit «Klettersteige in der Lombardei». Die 41 Touren liegen in den Bergen um Varese, Lecco, Como, Sondrio, Bergamo und Brescia. Unter den Sohlen befindet sich oft nicht nur viel Luft, sondern auch immer wieder Blau mit den Seen von Lugano, Como, Annone und Garlate, von Iseo, Idro und Garda. Die Ferrata di Morcata bei Varenna führt aus einer Strassengalerie in die senkrechte Wand oberhalb des Lago di Como; das Bad empfiehlt sich aber erst nach der Begehung… Zudem enthält der Führer den Sentiero Roma in den Bergeller Bergen, die Traversata alta delle Grigne sowie den allerdings nicht mehr in der Lombardei angelegten Sentiero dei Fiori – alles alpine Touren mit Abschnitten, wo man sich nicht immer am Eisen halten und sichern kann.

Das gilt erst recht für die Kletterrouten am Mont Aiguille (2087 m), diesem einzigartigen Tafelberg unweit von Grenoble. Die Erstbesteigung des rundum senkrecht abfallenden Gipfels durch Antoine de Ville und seine Gefährten anno 1492 markiert die Eroberung des menschlichen Horizontes in der Vertikalen, wie die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im gleichen Jahr diejenige in der Horizontalen. Die jüngste Ausgabe der Zeitschrift «L’Alpe» berichtet nun, wie es dem französischen Historiker Stéphane Gal und seinen Leuten 2022 gelungen ist, nur mit zeitgenössischem Material eine Wandflucht des Mont Aiguille zu erklimmen, und zwar mit Seilen, Stangen, Holz- und Strickleitern, wie man sie im 15. und 16. Jahrhundert für das Erstürmen von Burgen und Stadtmauern brauchte. Heute werden städtische Mauern anders erobert. Zum Beispiel mit metallenen Griffen und Tritten für Kids von nah und fern.

Iris Kürschner: Klettersteige Schweiz. Rother Verlag, München 2025. Fr. 32.90.

Andrea ‹Bedoii› Carì: Klettersteige in der Lombardei. Versante Sud Edizioni, Milano 2024. € 35,00.

Artisans et métiers d’art. L’Alpe, N° 109, été 2025. Éditions Glénat Grenoble. Fr. 26.-

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