La montagne sous presse

„Die Fernrohre in Grindelwald waren wie Flakgeschütze auf uns gerichtet.“ So erlebte der Eigernordwand-Erstdurchsteiger Wiggerl Vörg die Sensationslust der Reporter und Touristen. Das neue Buch von Yves Ballu beleuchtet an ausgewählten Beispielen und mit ausgezeichnetem Bildmaterial die Geschichte und das Verhältnis von Alpinismus und Journalismus.

„Wir werden an die Wand gedrängt, und das Trommelfeuer der Fragen ist fast schlimmer als dasjenige des Steinschlags auf dem Eiger.“

Schimpfte der tschechische Kletterer Radovan Kuchař über den Empfang durch die Journalisten nach der ersten tschechischen Durchsteigung der Eigernordwand anfangs September 1961, zusammen mit Zdeno Zibrín. Alpinismus und Journalismus ist eine stotzige Sache. Gerade am Eiger, wo die Reporter (und die Leute) live mitverfolgen konnten, wie die Nordwandhelden durch- und umkamen. „Eine wichtige Aufgabe fällt im Kampfe gegen das Nordwandfieber der Presse zu. Sie sollte darnach trachten, die unersättliche Sensationslust des Publikums nicht zu befriedigen“, erklärte Samuel Brawand, Grindelwalder Bergführer und Erstbegeher des Mittellegigrates am Eiger, im Sommer 1937, als die Belagerung der Wand durch Alpinisten, Journalisten und Touristen nach den ausgeschlachteten Tragödien von 1935 und 1936 wieder voll einsetzte. „Man hat leider schon Bilder publiziert, die zum Pietätlosesten gehören.“ Der Appell von Brawand in der „Neuen Zürcher Zeitung“ nützte gar nichts, die Eigerwand und ihre Begeher blieben gnadenlos im Rampenlicht. „Blonde Münchner Sekretärin Daisy brach ein Tabu an der mörderischen Wand“, titelte zum Beispiel der „Blick“ 1964 über die erste Durchsteigung der Wand durch eine Frau, Daisy Voog. Schlagzeilen wie Steinschlag. Bis heute.

Aber nicht nur am Eiger, mais non! Der Mont Blanc mit dem bösen Nachspiel nach der Erstbesteigung 1786, oder mit der Tragödie 1961, als nur drei von sieben Topalpinisten aus der tagelangen Hölle hoch oben am Freney-Pfeiler lebend herauskamen. Die Erstbesteigung des Matterhorn 1865, mit dem gleichen Verhältnis von tot bzw. am Leben nach Abschluss der Tour. Mon Dieu, gab das zu schreiben und zu publizieren, zu schauen und zu lesen! Immer noch. Und jetzt erst recht, mit diesem Buch des Alpinismushistorikers Yves Ballu: „La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits.“

Der Altmeister der französischen Bergpublizistik hat seinen 304-seitigen Bildband in neun Seillängen gegliedert, vom Mont Blanc über den Cervin, die Frauen und Führer bis Unfälle und Tragödien sowie Persönlichkeiten, die es immer wieder auf die Seite 1 von Zeitschriften brachten, wie Maurice Herzog oder Walter Bonatti. Am Schluss ein Ausblick auf die heutige Zeit, mit Catherine Destivelle (Verlegerin des Buches), Alex Honnold, Ueli Steck und Dani Arnold. Im Zentrum steht (natürlich) der höchste Berg der Alpen. Der Eiger und seine Helden haben aber seitenlange Auftritte.

Der Text ist eine Mischung von Kommentar und Zitaten, letztere oft aus unbekannten Publikationen. Das verspricht eine neue Lektüre von vielleicht schon bekannten Geschichten. Und dann – und allein deswegen ist „La montagne sous presse“ eine ganz vorzügliche Publikation – sind da noch die Illustrationen: alte seltene Stiche, vergessene Fotos, Covers von unbekannten Zeitschriften, Ausschnitte aus Zeitungen, Broschüren – eine verblüffende Vielfältigkeit. Dass der „Paris Match“ immer wieder alpinistische Ereignisse gross mit exklusiven Fotos aufzog, ist bekannt. Die Zeichnungen von „Domenica del Corriere“ hat man vielleicht auch schon gesehen. Oder die neckischen Titelbilder von „La Vie Parisienne“ – so am 30. Juli 1921 mit einer Schönheit, die im flatternden, nicht ganz alle Haut bedeckenden Kleid auf einer Zinne steht, die eine behandschuhte Hand am Alpenstock, die andere am Hut, und meint: „Oh! que c’est beau! je crois que j’aperçois la Tour Eiffel.“ Ein Schock jedoch das Titelbild der Zeitschrift „Qui? Police“ vom 15. November 1979, auf dem ein Mann eben das Seil zu seiner Gefährtin mit einem Sackmesser durchgeschnitten hat: „Tuée par son mari durant l’escalade.“

Yves Ballu: La montagne sous presse. 200 ans de drames et d’exploits. Éditions du Mont-Blanc, Chamonix 2018, collection Montagne-Culture. € 45.-

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