Le goût de l’hiver – et du chocolat

Un peu de chocolat? Mais bien-sûr! Die Schoki lassen wir im Mund schmelzen, während wir zwei geschmackvolle neue Publikationen zur Hand nehmen.

«An Feinheit und Kraft des Aromas unerreicht.»

Werbezeile aus der ganzseitigen Schokolade-Reklame von Lindt & Sprüngli in „Ski. Jahrbuch des Schweiz. Ski-Verbandes“ von 1908. Themen in diesem vierten Jahrgang waren unter anderen „Eine Besteigung der Bürglen im Gantrischgebiet“, „Die Entwicklung des Skikjöring in St. Moritz“, „Verzeichnis der Skihütten in der Schweiz“ sowie „Die Schweizer am II. internationalen Skirennen in Chamonix“. Diese gewannen am 3. und 4. Januar 1908 den internationalen Patrouillenlauf und bei den internationalen Amateurrennen sowohl das Springen wie den Dauerlauf. Am vergangenen Wochenende wurde Ramon Zenhäusern zweimal Zweiter in den beiden Weltcup-Slaloms in Chamonix; dank fulminanten zweiten Läufen fuhren Luca Aerni am Samstag noch auf den vierten Platz und Sandro Simonet gestern Sonntag gar auf den dritten. Ob die Skirennläufer, einst und heute, mit Schokolade Power und Souplesse erhöht haben?

Gut möglich. Schaut man sich jedenfalls die Reklamen an, die der Bildband „Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières“ versammelt hat, fällt auf, dass Berge und Bergsport beliebte Sujets bilden. Besonders gefällt das grosse Milka-Plakat von 1910, auf dem ein Knabe mit roter Jacke und Zipfelmütze auf einer Tafel Milchschokolade über Schnee hinabgleitet – Wassersurfer werden freilich einwenden, dass der Schnee mehr einer Welle gleicht. Tant mieux, wird sich die lila Kuh sagen, die vor dem Panorama der Berner Alpen steht und dafür wirbt: „La più delicata tentazione da quando esiste il cioccolato.“

Die Schokoladenindustrie ist einer der werbetechnisch dynamischsten Zweige der Lebensmittelindustrie. Suchard, 1826 in Neuchâtel gegründet, ist da keine Ausnahme. Parallel zur weltweiten kommerziellen Expansion entwickelte sich schnell eine intensive Werbetätigkeit. Der Bildband und die Ausstellung im Musée d’Art et d’Histoire in Neuenburg beleuchten die Schokoladenwerbung von Suchard von 1860 bis 1990. Die Autoren untersuchen das idealisierte Bild der Berge, aber auch die klischeehafte Darstellung von Frauen und Kindern. Sie analysieren die bekanntesten Motive wie die Milka-Kuh oder den Suchard-Express und hinterfragen gleichzeitig den Stellenwert des kostbaren exotischen Rohstoffs Kakao, der für die Herstellung von Schokolade notwendig ist. Immer aber geht es auch um Geschmack, sowohl des Produktes wie seiner Anpreisung.

„Neige et glace. Le goût de l’hiver“ lautet der Titel der aktuellen Nummer der französischen Vierteljahresschrift «L’Alpe». Auf der Coverfoto von Eric Franceschi eine Jugendliche, die in dichtem Schneefall eine Eisscheibe mit eingelagerten welken Blättern vors Gesicht hält – die Scheibe erinnert an ein Stück weisser Schokolade, oder, aktueller, an eine Maske. Auch im Innern, wie immer, sorgfältig ausgewählte Illustrationen zum Thema, beispielweise auf einer Doppelseite links Albert Ankers Gemälde „Sonntagnachmittag“ und rechts Cuno Amiets „Schneelandschaft“ mit dem einsamen Skiläufer in der weissen Einöde. Très amusant zu lesen ist das Exklusivinterview mit der „Schneekönigin“ von Christian Andersen. Etwas traurig stimmt der Bericht zur Snowstalgie. Dieser Winter mit – leider nur vorübergehend – viel Schnee bis in die Niederungen dürfte ja eine Ausnahme sein. Vor gut 100 Jahren entdeckten die Städter, dass die kalte Jahreszeit in den Bergen wunderbar warm sein kann. Die Pariser Zeitung „Le Petit Journal“ unterstrich an Weihnachten 1923 auf der Titelseite, ein paar Wochen vor der ersten Winterolympiade in Chamonix, diesen Wechsel in der Wahrnehmung des Winters. Was gab es nun plötzlich Schmackhafteres, als draussen an der Sonne mit Mütze, aber ohne Handschuhe, eine heisse Schokolade zu schlürfen?

Chantal Lafontant Vallotton (Dir.), avec la ollaboration de Vincent Callet-Molin, Lisa Laurenti, Philippe Lüscher et Maelle Tappy: Choc! Suchard fait sa pub. 130 ans d’affiches chocolatières. Éditions Livreo-Alphil/Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel, Neuchâtel 2020, Fr. 39.-

Das Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel zeigt bis zum 7. März 2021 die Ausstellung «Choc! Suchard fait sa pub»; www.mahn.ch/fr/expositions.

L’Alpe, N° 91: Neige et glace. Le goût de l’hiver. Hiver 2021, Fr. 26.00.

Passend dazu die Ausstellung «Winter» im Lötschentaler Museum in Kippel (bis 28. März 2021). Sie ist in fünf Themen gegliedert:
Winter früher – Schnee als Produktionshemmnis
Der neue Winter – Schnee als Produktionsfaktor
Die weisse Gefahr – Schnee als Bedrohung
Erstarrte Natur – Schnee als Metapher
Klimawandel – Schnee als Mangelware.
www.loetschentalermuseum.ch/sonderausstellungen/

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