Le Léman

Léman mon amour: Ob rund um den See bzw. darauf oder vom Cervin her gespiesen – der grösste See der Alpen ist immer auch eine Buchreise wert.

«Ich möchte gern denen, die Geschmack und Gefühl haben, sagen: Geht nach Vevey, seht das Land, betrachtet die Gegenden, fahrt auf dem See und sagt, ob die Natur nicht dies schöne Land für eine Julie, eine Clara und einen St. Preux geschaffen hat; aber suchet sie nicht dort.»

Empfahl der Genfer Jean-Jacques Rousseau in seinen „Bekenntnissen“, die 1782, vier Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurden. Eine vergebliche Empfehlung. Denn die Leser seines Briefromans „Julie oder Die neue Héloïse. Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuβe der Alpen“, der 1761 erstmals herausgekommen war und unzählige Auflagen in mehreren Sprachen erlebte, machten genau das. Die Schauplätze des Romans, Vevey und Clarens an der schweizerischen Riviera sowie Meillerie drüben am französischen Ufer, sie wurden Wallfahrtsorte. Und blieben es. Wer am und auf dem Léman unterwegs war und ist, begegnet dauernd Büchern. Es gibt kaum eine andere Gegend in den Alpen, über die und in der so viel geschrieben und publiziert wurde.

Im November 2020 erschien ein neues Werk über den wasserreichsten und zweitgrössten See Mitteleuropas – der Balaton (Plattensee) in Ungarn ist 14 km² grösser. Lagus Lemanus. Lago di Losanna. Genfersee. Lake of Geneva. Oder einfach Le Léman: Das Wort „See“ braucht‘s gar nicht, so wie man auch nur sagt: der Atlantik. Und so lautet denn auch nicht zufällig der Titel des Photobandes von Claude Dussez und Vincent Guignet mit Texten von Blaise Hofmann: „Léman. Bien plus qu’un lac“. Eine ganze Welt natürlich. Aus Wasser und Land. Aus Wolken und Bäumen. Aus Menschen und Tieren. Aus Fischern und Schwimmern. Aus Schiffen und Schlössern. Aus Schwarz und Weiss. Mais oui. Kein Blau auf den 240 Seiten. Kein Grün der Reben. Und trotzdem sozusagen farbig. Ein grossartiges, vielschichtiges Porträt des grössten See Frankreichs und der Schweiz. So sehenswert die Fotos, so lesenswert die zehn Wortbeiträge. Im ersten, mit „Lémanitude“ überschrieben, lesen wir: „Le Léman est à votre image. En amont, le passé. En aval, l’avenir. L’eau coule sans jamais s’arrêter. Vous ne vous baignerez jamais deux fois dans le même lac.“

Und wenn wir schon am Seebaden bzw. Buchschauen sind: Ebenfalls im November 2020 kam ein weiterer Bildband mit dem Ziel Léman heraus. In „La voix des eaux. Des Alpes au Léman“ geht die Autorin und Fotografin Claude Bernhard den Gewässern des Wallis nach, von der Quelle der Rhone bis zur Mündung in den grossen See; sie fliesst ab Branson etwas östlich des Rhoneknies zwischen den Kantonen Wallis und Waadt. Das Buch behandelt vieles, was mit dem Walliser Wasser zusammenrinnt, ebenfalls mit historischen Fotos. Gletscher und Seen, Suonen und Grotten, Wasserfälle und Thermalbäder. Verblüffend sind die unterirdischen Fotos, aber darauf hat sich Madame Claude auch spezialisiert. Die Gletschergrotten und vor allem la grotte des Crêtes de Vaas, die längste Gipshöhle der Alpen; sie versteckt sich am rechten Rhoneufer zwischen Siders und Sitten und kann nur von Spezialisten besichtigt werden. Und dann gibt oder gab es da noch das Kettle Hole unterhalb des Glacier du Mont Miné; den Toteissee hat die Fotografin zu jenem Zeitpunkt aus der Luft aufgenommen, als er kreisrund und blau war – eine phantastisches Bild. Das Motto des Buches – und damit gleiten wir zurück zu berühmten Autoren – stammt aus Rainer Marias Rilkes Zyklus „Les Quatrains valaisans“; die Walliser Vierzeiler entstanden im Spätsommer 1924 in französischer Sprache. Zwei Zeilen seien hier nur zitiert: „Les bruits épars, quittant le jour, se rangent/et rentrent tous dans la voix des eaux.“

Claude Dussez, Vincent Guignet (photographies), Blaise Hofmann (textes): Léman. Bien plus qu’un lac. Éditions Glénat, Grenoble 2020, Fr. 60.-

Sicher bis zum 15. August 2021 ist im Musée du Léman in Nyon die Ausstellung „Léman. Bien plus qu’un lac“ zu sehen; www.museeduleman.ch. Ein sehr guter Grund, wieder mal eine Reise an den Genfersee, pardon: an den Lago di Losanna zu planen. Und falls das Museum wegen Corona geschlossen ist, ein Spaziergang durch Nyon mit dem römischen Forum, dem Schloss und den Spuren von Tintin lohnt sich allemal, auch im Winter. Zudem ging der Wakkerpreis 2021 des Schweizer Heimatschutzes an den Nachbarsort Prangins. En route, mes amis!

Claude Bernhard: La voix des eaux. Des Alpes au Léman/The Voice of Water. From the Alps to Lake Geneva. Éditions Slatkine, Genève 2020, Fr. 48.-

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