Leben im Bergdorf

19 Frauenporträts aus dem Walserdorf Tenna im Safiental, wo sich einst die Bluterkrankheit vererbte, von Mutter zu Tochter, doch nur die Männer verbluteten. Heute gibt es keine Bluter mehr in Tenna, aber interessante, starke Frauen.

buch-der-woche-6Maya Messmer-Blumer  Mit Maya zusammen mache ich am Abend den Gang zum rund zweihundert Meter entfernten Laufstall der Kleintiere. Ziegen und Schafe tummeln sich vor dem Lichterlöschen noch munter auf dem Strohlager.“
So beginnt der Bericht über die Bergbäuerin, Buchhalterin und Bankfachfrau Maya Messmer-Blumer im Buch „Leben im Bergdorf. Frauen in Tenna“ von Elisabeth Bardill. Ich entdeckte das Buch in der Buchhandlung Littera an der Promenade von Davos, unweit des Kirchner Museums, wo wir die sehr sehenswerte Ausstellung „Schneeberge – Wolkenschönheit – Wettertannen“ mit den weitgehend unbekannten Bergbildern von Emil Nolde besuchten. Am Tag zuvor waren wir in Tenna, einem auf einer Sonnenterrasse liegenden Walserdorf im Safiental, zur Skitour auf den Schönawang (2533 m) aufgebrochen. Und waren Maja Messmer-Blumer begegnet, wie sie den Gang zum Stall der Ziegen und Schafe machte, mit den beiden Buben, die sie in der Schubkarre transportierte, und mit dem Hund. Ein schönes Bild.
Elisabeth Bardill-Meyer, die selbst in Tenna wohnt, porträtiert im Buch 19 Frauen aus ihrem Dorf, alte und junge, die meisten mit einem Doppelnamen, viele davon solche, die im Unterschied Maja Messmer-Blumer nicht im Safiental aufgewachsen sind, nun aber dort oben leben, gern dort leben. Spannend zu lesen, wie es dazu kam, wie sie sich eingerichtet haben in diesem hoch und abgelegenen Winkel Graubündens, wie sie doch mit der weiten Welt verbunden sind.
Die Frauen von Tenna sind in der Medizingeschichte bekannt geworden. Weil sie ihren Kindern seit Mitte des 17. Jahrhunderts die Bluterkrankheit vererbten. Die Mädchen erkrankten aber nicht an der Hämophilie, nur die Buben und Männer verbluteten an kleinsten Verletzungen, weil das Blut wegen eines Gendefekts auf dem X-Chromosom nicht gerinnen konnte. Der Schweizer Heimatdichter und Bestsellerautor Ernst Zahn hat zu diesem Thema vor 100 Jahren den Roman „Die Frauen von Tannò“ veröffentlicht. Tempi passati, die Krankheit ist behandelbar, die Bluter sind aus Tenna fortgezogen.
Maya Messmer-Blumer rollte den „Kinderwagen“ zurück zum Hof, während wir die Skibindungen auf Aufstieg stellten.

Elisabeth Bardill: Leben im Bergdorf. Frauen in Tenna, edition bardill, Tenna im Safiental 2010, Fr. 30.-
Ernst Zahn: Die Frauen von Tannò, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1911; antiquarisch erhältlich bei www.zvab.com .
Jano Felice Pajarola: Lebendige Leichen. Ein Phänomen im Safiental, in: Andreas Bellasi (Hrsg.): Höhen, Tiefen, Zauberberge. Literarische Wanderungen in Graubünden, Rotpunktverlag, Zürich 2010.

Die Ausstellung mit den Bergbildern von Emil Nolde im Kirchner Museum Davos läuft noch bis 25. April 2011, www.kirchnermuseum.ch .

4 Kommentare to “Leben im Bergdorf”

  1. Buchhandlung Scriptum sagt:

    Guten Tag
    Könnten wir dieses Buch über Sie bestellen? Würden wir von einem Wiederverkaufsrabatt profitieren, da wir eine Buchhandlung sind?
    Herzlichen Dank für ihren kurzen Bescheid.
    Freundliche Grüsse
    Buchhandlung Scriptum
    A. Barzotto

  2. Anti Geschichtsklitterer sagt:

    Verdrehte Tatsachen. Die Bevölkerung von Tenna war genetisch stark inzuchtgeschädigt weil der Genpool zu klein war, sie sich ausschließlich untereinander fortpflanzten und sie sich nicht mit Menschen außerhalb ihres Genpools fortpflanzen wollte. Diese Frauen von Tenna, die Überträgerinnen der kaputten Gene waren, haben sich freiwillig dazu entschlossen keine Kinder mehr zu gebären. Deshalb starb die Hämophilie in Tenna mit ihren Trägern aus. Niemand ist fortgezogen.

  3. Rosmarie Müller sagt:

    Guten Tag
    Kann ich dieses Buch noch bei Ihnen bestellen? Ist es überhaupt noch lieferbar?
    Freundliche Grüsse
    R. Müller

  4. Anker sagt:

    Am besten bei der Autorin Elisabeth Bardill, Tenna, anfragen. Adresse im Telefonbuch.

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