Nur klettern ist schöner als schwimmen. Doch wer Brandungspfeiler erklettern will, muss durchs Wasser.
«La vie est un stack. L’homme, son oiseau de passage. Un jour, tout s’écroule.»
Compris? Mais non! Keine Ahnung, was ein Stack ist. Vielleicht hilft ein zweites Zitat aus einem Buch zum Stackisme:
«Le plus difficile dans l’alpinisme, ce sont les vagues.»
Damit kommen wir schon weiter bzw. höher. Bergsteigen und Wellen, also Meer. Genau darum geht es im jüngsten Buch des französischen Star-Reiseschriftstellers Sylvain Tesson: «Les piliers de la mer». Das sind die Brandungspfeiler vor Kliffküsten. Wer «Stack» beim Duden eingibt, kommt bei einer Bedeutung schon ans Meer, nämlich zur Buhne. Zum «(senkrecht zur Küste oder zum Ufer verlaufenden) dammartigen Küsten- oder Ufervorbau aus Pfählen, Steinen o. Ä. als Schutz vor Abspülung oder zur Anlandung.» Aber die Stacks, die Tesson zusammen mit seinem Bergführer Daniel du Lac rund um die Welt erklettert hat, sind genau das nicht. Kurzer Zugriff auf Wikipedia: «Brandungspfeiler sind vor einer Kliffküste aufragende Felsentürme und vergleichbare Formationen, die durch Brandungserosion gebildet wurden. Sie entstehen durch Einsturz von Brandungstoren oder Abtrennung von Brandungsgassen, vor allem in Landschaften, wo felsige Bergzüge bis ins Meer reichen.» Voilà. Also nicht von Menschenhand geschaffen. Höchstens von Menschen erklettert. Wenn sie denn das Gefährlichste an einer Besteigung geschafft haben. Und das ist nicht die Vertikale am Fels, sondern die Horizontale im Wasser. In den Wellen eben, durch die man schwimmend oder im Boot fahrend die Felssäule erreichen muss. Bei der Rückkehr vom Stack, so die englische Bezeichnung, dann nochmals die Brandung. Klettern für Wasserratten und Gipfelstürmer.
106 Stacks hat Tesson erklettert. Von der Aiguille creuse in Étretat an der französischen Atlantikküste (craie à silex, 55 mètres, 5c, canot à rame) bis Le Scalde (Rising og Kellingin) an der Färöer-Insel Streymoy (basalte, 70 mètres, 6b, Zodiac). Immer Angaben zu Ort, Felsart, Turmhöhe, Kletterschwierigkeit und Transportart auf dem Wasser; letzteres manchmal auch zu Fuss bei Ebbe, oft aber mit dem Zodiac-Festrumpfschlauchboot. Wenn die Kletterer keine Namen für ihre Meerespfeiler fanden, erfanden sie einen, manchmal auch, weil sie Lust dazu hatten. Bei Lipari tauften sie einen 30 Meter hohen Turm Claudia Cardinale, in Sardinien einen kleineren Ornella Muti. An der Küste von Zakynthos gaben sie einem 120 Meter hohen Kalkturm den Namen Penelope, während gleichenorts Odysseus mit einem 18 Meter hohen Türmchen Vorlieb nehmen muss. Armer Kerl.
Wie immer bei Tesson, wird die ganze Outdoor-Tätigkeit mit viel Geschichte, Literatur und Philosophie bedacht. Dass er an den schottischen Alpinisten und Autor Tom Patey erinnert, ist natürlich ein Muss; er verunglückte beim Abseilen von The Maiden, einem Brandungspfeiler bei Whiten Head vor der Küste von Sutherland, tödlich. Warum aber der deutsche Dichter Novalis auftaucht, erschliesst sich nicht sofort. Anderes hingegen schon. Wo Tesson die schwierigen und gegensätzlichen Bedingungen des Stackismus erläutert, schreibt er: «Les crabes, eux, excellent à ces contradictions. Dans l’eau, sur la roche: toujours contents.»
Wir sind es gleichfalls bei der Lektüre. Klar, muss man um die halbe Welt fliegen, um ein paar Brandungspfeiler zu besteigen? Doch diese Frage stellt sich nicht nur beim Bergsport, sondern überhaupt beim Reisen. In der Schweiz sind freistehende Felstürme im Wasser halt selten. Es gibt sie aber schon, wie den Schillerstein im Vierwaldstättersee. Kann bzw. darf man überhaupt auf ihn klettern? Ursprünglich 40 Meter hoch, wurde er 1838 um ein Drittel gekürzt, da herabfallende Steine vorbeifahrende Schiffe gefährdeten. «Un jour, tout s’écroule»: Kann auch von Menschenhand sein.
Sylvain Tesson: Les piliers de la mer. Éditions Albin Michel, Paris 2025. € 21,90. Mit ausklappbarer Karte zu den bestiegenen Stacks.
