Matterhorn, 19. Juli 1964

Heute vor fünfzig Jahren hat mich der Tod gestreift. Getroffen hat er Anselm, in einem Eishang, wenige Meter unter mir.

Anselm3Lange erinnerte ich mich nur ungenau an seinen Namen, ich nannte ihn Anchel – Engel. Bis ein Neffe von ihm einen Text las, den ich aufs Netz gestellt hatte, und mir schrieb. Er hiess Anselm Biffiger, Bergsteiger, Bergführer aus St. Niklaus im Mattertal.

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt schon im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen junge Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich französisch, aber wir verstehen: Ate de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre die Steine auf Schultern und Arme prasseln.

Sekunden wie Stunden, ich fühle ich mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Alptraum. Ich werde in einem Spitalbett erwachen, stelle ich mir vor, vielleicht. Sehe das Zimmer vor mir, das Bett, alles weiss, schneeweiss. Nebenan liegt meine Mutter, ich bin ihr ganz nah. Vor Jahren ist sie verstorben an einem Verkehrsunfall. Doch da liegt sie, neben mir im Weiss. Augenblicke zwischen Leben und Tod.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Liegen bleiben. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tal fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen. Zwei Jahre später verunglückt er bei einem Flug.

Gegen Abend rasen wir mit dem Motorrad das Rhonetal hinab nach Sion, mein Freund dreht auf hundertvierzig, ich klammere mich auf dem Sozius fest, ohne Helm, wie im Steinschlag. Wir sind verrückt, wir leben. Am nächsten Wochenende geht’s wieder los, Grosshorn Nordgrat, Eis und Fels, Abstieg übers gefährliche Schmadrijoch. Gleich wieder gehen, sagen wir, sonst packt dich das Grauen und du bist die längste Zeit Bergsteiger gewesen. In Sion heisst es, die junge Frau lebt, sie wird durchkommen. Gut, habt ihr sie gegen die Sonne geschützt.

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht, und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit dem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm2Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim CERN. Mit Freunden vom Kletterclub «Amis Montagnards» kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Anselms Verlobte lebt weiter, zwei Freunde, die damals dabei waren, besuchen sie in Genf. Irgendwann heiratet sie, ins Ausland, heisst es. An den Unfall wird sie sich kaum mehr erinnern, zu lange lag sie im Koma. Meine Freunde von damals habe ich längst aus den Augen verloren.

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