Matterhorn, legendär

Der Berg der Berge sorgt immer wieder für Überraschungen. Auch zu Weihnachten.

«A la tombée de la nuit, Acaste retrouva ses parents. Il se retourna pour contempler ce qui restait de la roche du matin: des pics, des crevasses et, là-haut, où il avait tenu bon, un sommet magnifique.
Il en était orgueilleux. On n’avait jamais vu une montagne si belle.
Tout le monde en était fier, mais personne ne pouvait s’imaginer que cette aiguille de roche serait appelée, de milliers de siècles plus tard: le Cervin.»

Mit diesen Zeilen geht «La légende du Mont Cervin» zu Ende, eine Geschichte, die zusammen mit «La fée de Rechanté» in der Publikation «La vallée des légendes» von Serge Bertino (Text) und Mario Bonilauri (Illustrationen) vorliegt. Ein ganz besonderes und seltenes Werk: 40 Textseiten in losen Blättern, 16 farbige Bildtafeln (je acht zu den beiden Legenden), 32 x 25 cm gross, zusammengehalten in einer grünen Stoffmappe mit Klappen. 1945 erschienen in der Presse française et étrangère in Paris, in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren; 30 enthalten originale Zeichnungen, 470 wurden normal gedruckt. Mein Exemplar hat die Nr. 314. Sozusagen mein eigenes Weihnachtsgeschenk.

Der junge Höhlenbewohner Acaste verlässt seine Eltern, um den Berg zu erforschen und zu besteigen, der plötzlich in der Landschaft steht und von einem Drachen bewacht wird: Wenn ich von dieser Legende Kenntnis gehabt hätte, als ich das Kapitel über die fiktive Literatur in meiner Monografie „Matterhorn – Berg der Berge“ (2015) verfasste, hätte ich sie natürlich aufgenommen. Man lernt nie aus, beim legendären Berg zwischen Zermatt und Breuil-Cervinia schon gar nicht.

«Cervino. La montagna leggendaria»: So heisst das neue Buch von Hervé Barmasse. Der Bergführer aus Valtournenche hat es am 2. Dezember 2021 in der Sala Excelsior im Anteo Palazzo del Cinema in Milano vorgestellt. Barmasse kennt den Berg wirklich wie seine Hosentasche, hat fast alle Routen begangen, zahlreiche neu eröffnet, im Winter wie im Sommer, in Seilschaft mit seinem Vater Marco und mit Freunden, sowie auch alleine. Schon in seinem Erstling „Der innere Berge. Zum Matterhorn und darüber hinaus“ (2017; „La montagna dentro“, 2015) stand la Gran Becca, wie das Horn im Valtournenche auch genannt wird, im Zentrum. Im neuen, 336-seitigen und reich illustrierten Buch erzählt Barmasse insbesondere die alpinistische Geschichte, von den Anfängen bis heute, gerade bis heute mit all den höchst schwierigen Routen in der Nord- und Südwand. Wer die Topos genau studiert, wird vielleicht festellen, dass an der Zmuttnase noch eine neue Linie erklettert werden könnte; ich habe sie schon mal eingetragen…

Im Vorwort meint Luca Castaldini, dass das neue Buch „il primo scritto sul Cervino da un alpinista“ sei. Da hat sich der Journalist bei „Sportweek – La Gazetta dello Sport“ aber tüchtig verklettert: Guido Rey, Fast-Erstbegeher des Furggengrates 1899, und Giuseppe Mazzotti, Erstdurchsteiger der Ostwand 1932, schrieben je ein Matterhorn-Buch, wie auch der Bergsteiger Charles Gos und der Nordwand-Spezialist Toni Hiebeler. Man lernt nie aus.

Gestern, am Tag der Wintersonnenwende, las ich in der Berner Tageszeitung „Der Bund“ folgenden Artikel: „Weihnachten gibt es seit 5000 Jahren.“ In diesem Sinne: joyeux Noël!

Serge Bertino (texte), Mario Bonilauri (illustrations): La vallée des légendes. Presse française et étrangère, Paris 1945.

Hervé Barmasse: Cervino. La montagna leggendaria. In collaborazione con Alessandra Raggio. Rizzoli, Milano 2021, Euro 30.00.

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